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Samstag, 18. Februar 2012
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Schulbücher im Warentest Durchgekaut und unverdaut ausgespuckt

01.10.2007 ·  Fressen Uhus Füchse? Die Stiftung Warentest hat Biologie- und Geschichtsbücher für die siebte bis zehnte Klasse geprüft und vielen davon eine schlechte Zensur erteilt. Doch die wahren Fehler finden früher statt.

Von Jürgen Kaube
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Ganze Schülerjahrgänge in Baden-Württemberg wissen nicht, um wie viel länger der Darm des Blauwals als der Blauwal selbst ist. Das ist zu befürchten, wenn ihre Lehrer arglos mit der Hilfe des Schulbuchs „Bios 2“ aus dem Diesterweg Verlag unterrichtet haben. Auch fressen Uhus keine Füchse, wie ein oberflächlicher Blick in „Biologie heute entdecken 2“ aus dem Schroedel Verlag den niedersächsischen Altersgenossen der achten Klasse nahelegen könnte. Und Erich Honecker stürzte einen Monat später, als viele junge Leute aufgrund von „Horizonte 4“ (Westermann Verlag) annehmen müssten.

Die Stiftung Warentest hat siebzehn Biologie- und Geschichtsbücher für die siebte bis zehnte Klasse geprüft und vielen davon eine schlechte Zensur erteilt. Die genannten Beispiele machen jetzt die Runde. Noch nicht veröffentlicht ist jene Mängelliste der Warentester, die ergeben haben soll, dass mitunter auf jeder dritten Seite eines Schulbuchs grobe sachliche Fehler stehen. Das gilt auch für die Belege der didaktischen Beurteilung, oft würden die Sinne zu wenig angesprochen, es gebe zu wenig Lernhilfen, die Sprache sei zu kompliziert, und die Geschichtsbücher gäben oft zu viele Wertungen vor.

Das Prinzip „Variabilität“

Jetzt kann man sich natürlich aufregen, und in der Tat ist es rätselhaft, wie ein Biologe darauf kommen konnte, der Blauwaldarm sei gut anderthalb Kilometer lang. Oder dass der Konsum einer Flasche Schnaps zu 0,002 Promille Blutalkohol führen soll. Aber was ist schlimmer? Die schlampige Art, wie in Deutschland viele Schulbücher fabriziert werden? Die schlechte Ausrede der Schulbuchverlage, sie stünden nach Pisa unter so großem Zeitdruck? Oder dass dem hiesigen Biologieunterricht der siebten und achten Klasse überhaupt angesonnen wird, wie es im Begleittext zu „Bios 2“ heißt, „das biologische Prinzip ,Variabilität'“ anhand des unterschiedlichen Vielfachen von Darm- gegenüber Körperlängen zu „verdeutlichen“?

Aha, mag sich der Schüler sagen, beim Blauwal verhält es sich also auch hier anders als bei Katze, Schaf und Bär. Für die physiologische oder evolutionsbiologische Erklärung der unterschiedlichen Verdauungsapparate ist es in der achten Klasse noch etwas zu früh. Obwohl: Wenn man es wirklich wichtig fände, dass die Schüler etwas erkennen und nicht bloß zur Kenntnis nehmen sollen, ergäben sich gewiss auch schon hier Möglichkeiten biologischen Nachdenkens. Das inkriminierte Schulbuch jedoch zeigt sich ratlos: Viele Pflanzenfresser haben längere Därme als Fleisch- oder Allesfresser. Aber Wale fressen Fisch und Plankton. Bären haben nicht einmal einen Blinddarm, bei Schwein und Pferd hingegen ist er wichtig, Nagetiere wiederum . . . Also bleibt die „Variabilität“ einstweilen unverstanden, genauso wie die falsche, aber auch die richtige Angabe des Körperlängenvielfachen. Nicht einmal der Sinn der Kennziffer erschließt sich. Ebendarum wird sie ja auch sofort wieder vergessen. So, wie die Bodenschätze im Ural, die Entfernung des Mondes, das genaue Datum des Reichsdeputationshauptschlusses.

Sinnfreies Verhältnis zum Stoff

Hieraus entsteht keine Lizenz zur Ungenauigkeit. Aber wer sich Schulbücher anschaut, den wird am wenigsten stören, dass man mit ihren Informationen bei Günther Jauch nicht weit kommt. Sondern, wie oft sie dem Lehrer ein sinnfremdes Verhältnis zum Stoff nahelegen. Es scheint wichtiger, ihn überhaupt und möglichst vollständig durchgenommen zu haben, als wie. Wenn die Stiftung Warentest lobt, die Informationsdichte in den Schulbüchern sei durchweg hoch, ist das ein zweideutiger Befund. Durch den Irrwitz „G8“, die Streichung eines ganzen Schuljahres, wird jedenfalls gerade das Durchkauen und unverdaute Ausspucken von Lehrstoff noch befördert.

Hinzu kommt, dass auch für Schulbücher immer öfter gilt: Anschauen zählt mehr als Begreifen. Dass Uhus Füchse fressen, wurde durch die Grafik einer „Nahrungspyramide im Wald“ nahegelegt. In ihr aber vermischten sich Antworten auf zwei ganz unterschiedliche Fragen: „Wer frisst wen?“ und „Wer hat natürliche Feinde?“. Kein anderes Tier ernährt sich vom Uhu. Also sitzt er in der Abbildung oben auf der Pyramide, obwohl er selbst natürlich nicht von Füchsen lebt. Diese wiederum mussten ins zweite Stockwerk, oberhalb von Nagern und Pflanzen, weil sie - im Prinzip - natürliche Feinde haben. Man sieht, was Gaston Bachelard einst damit meinte, in der Wissenschaft würden aus Metaphern („Pyramide“) leicht Erkenntnishindernisse.

Aber die Welt der Schulbuchproduktion orientiert sich oft eben nicht an praktischen Gesichtspunkten, sondern an den bildungspolitischen Vorgaben und am Zeitgeist, der auf Infotainment setzt. Man kann Eltern nur empfehlen, im Internet einmal die sogenannten Rahmenpläne für den Unterricht in ihrem Bundesland anzuschauen. Das dortige Ausmaß an geschwollenen Formulierungen („Kompetenzbereich Aktiv Zuhören“), an den Tatbestand des groben Unfugs erfüllenden Empfehlungen („Schüler nutzen Ideencluster und eine Mind-Map zur Strukturierung ihres Redebeitrags“, Deutsch, 7. Klasse) und an phantastischen Zielsetzungen („Die Schüler reflektieren und bewerten wichtige Verhaltensmuster in der Pubertät“, Biologie, 8. Klasse) stellt jedes noch so korrekturbedürftige Schulbuch an Absurdität weit in den Schatten.

Quelle: F.A.Z., 01.10.2007, Nr. 228 / Seite 39
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