Home
http://www.faz.net/-gr0-vz7c
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Schriftsteller Genie der Vielseitigkeit

08.10.2007 ·  Quim Monzó ist wohl der populärste „Intellektuelle“ Kataloniens. Am morgigen Dienstag eröffnet er mit seinem Vortrag die Frankfurter Buchmesse. Ein Porträt von Paul Ingendaay.

Von Paul Ingendaay
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Eine seiner Geschichten handelt von einem katalanischen Dichter, der sich vom Schneider jedes Jahr den Frack neu anpassen lässt, um für den Augenblick vorbereitet zu sein, da man ihm den Nobelpreis für Literatur verleiht. Jener Dichter ist ein so zartes, ängstliches Geschöpf, dass er Menschen meidet und in mehreren Jahren nur ein einziges Gedicht zustandebringt.

Seinen Autor, den 1952 in Barcelona geborenen Schriftsteller Quim Monzó, darf man als das Gegenteil bezeichnen, nämlich als Genie der Vielseitigkeit, denn er war Grafikdesigner, Comiczeichner, Kriegsberichterstatter, Drehbuchautor, Übersetzer, Radiokommentator, und auf deutsch kann man ihn in dem furiosen Band „Hundert Geschichten“ kennenlernen, in dem die Frankfurter Verlagsanstalt seine Kurzprosa zusammenfasst.

Eigenständige Tradition

Monzó, der seine Bücher auf katalanisch schreibt, journalistisch aber in beiden Sprachen arbeitet, ist heute wohl der populärste „Intellektuelle“ Kataloniens - in Anführungszeichen, weil er selbst das Wort kaum benutzen würde. Fragen, was es denn mit dem katalanischen Eigensinn auf sich habe, beantwortet er gern mit Gegenfragen. Wer denn eigentlich definiere, was Nationalismus sei? In wessen Interesse? Und ob es in dieser Sache überhaupt einen objektiven Standpunkt gebe? Man darf annehmen, dass Quim Monzó darauf zurückkommt, wenn er am morgigen Dienstag mit seinem Vortrag die Frankfurter Buchmesse eröffnet.

Nach dem großen Sprachenstreit - ob nur auf katalanisch oder nicht auch auf spanisch schreibende Autoren Kataloniens die „Gastkultur“ vertreten sollten - reißen Nachrichten zu diesem Thema nicht ab. Kürzlich wurde der Schriftstellerin Cristina Peri Rossi nach zwei Jahren Mitarbeit im Nachtprogramm von Catalunya Ràdio gekündigt, weil sie spanisch sprach, während sich ihre Gesprächspartner des Katalanischen bedienten. Zwei Jahre hat das funktioniert - plötzlich soll es anstößig, unerwünscht, verboten sein?

Man muss die bornierten politischen Maßnahmen eines institutionalisierten Sprachnationalismus von dem trennen, worum es Quim Monzó und seinen Kollegen in Frankfurt gehen wird: um die Präsentation einer literarischen Sprache, die eine eigenständige Tradition herausgebildet hat und eine gesonderte Würdigung verdient. Schriftsteller sind keine Politiker. Die eigene Sprache ist der Kern ihrer künstlerischen Existenz. Deshalb sind viele katalanische Autoren dankbar dafür, sich auf katalanisch vorstellen zu können. Zumindest diesen Punkt müssten die Spanier, ihrerseits große Experten in der Propagierung ihrer Sprache, verstehen können.

Quelle: F.A.Z., 08.10.2007, Nr. 233 / Seite 46
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

Jüngste Beiträge