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Schriftsteller Álvaro Mutis gestorben : Der Mann im Mast

Chronist des alten Kolumbien: Álvaro Mutis Bild: AFP

Mit Álvaro Mutis ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Südamerikas gestorben. Sein Werk feierte das alte Kolumbien und den Kontrast europäischer und lateinamerikanischer Kultur.

          Wenn einer ein abenteuerliches Leben führt und Bücher schreiben will, so denkt man, läge es nahe, das eine in das andere zu überführen. Doch der kolumbianische Dichter und Schriftsteller Álvaro Mutis, der jetzt im Alter von neunzig Jahren in Mexiko-Stadt gestorben ist, erbrachte eine der sonderbarsten, poetischsten Sublimationsleistungen des Jahrhunderts. Geboren in Bogotá, aufgewachsen in Brüssel und Paris, wohin ihn der Diplomatenvater brachte, seit 1956 im mexikanischen Exil, wo er Haus und Faxgerät mit seinem alten Freund Gabriel García Márquez teilte, goss Mutis seine Phantasien über die menschliche Existenz in sieben Romane über einen gewissen Gaviero Maqroll.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          „Gaviero“ ist der Marsgast, der Mastgucker, der Bursche nahe bei den Möwen (spanisch „gviota“), nach Mutis der einzig Privilegierte auf einem Schiff. Dieser Mann segelt in den „Abenteuern und Irrfahrten des Gaviero Maqroll“ (so der deutsche Sammeltitel) durch Raum und Zeit, durchstreift Liebesgeschichten und Mythologien, Frachthäfen, verkommene Hotels und die Reste menschlicher Hoffnungen, ein Trinker, ein teilnahmsvoller Zeuge und moderner, von Zweifeln angefressener Odysseus.

          Lichtpunkt lateinamerikanischer Erzählkunst

          Das alles hat die Farbigkeit kolumbianischen Erzählens, verzichtet indes auf überbordenden Exotismus. Mutis schrieb mit fast alteuropäischer Eleganz und war von unheilbarer Melancholie geprägt, die er unter einem weltläufigen Habitus verbarg. Die Moderne mochte er nicht, kein Wunder, dass er in seine entlegenen Fiktionen fliehen musste. Das letzte politische Ereignis von Interesse, so sagte er einmal, sei für ihn der Fall von Byzanz 1453 gewesen. Fragte man ihn nach seiner inneren Heimat, so nannte er die Kaffeeplantage seines Großvaters in dem kolumbianischen Ort Coello, wo er seine Ferien verbracht hatte: „Sollte Gott mich einmal zu sich rufen und mir das Paradies zeigen“, sagte er nach 35 Jahren im Exil, „würde ich nur eintreten, wenn es diesem Ort ähnelt!“

          Was noch? Mit achtzehn die Arbeit als Rundfunksprecher im nationalen Radio, er soll eine schöne Stimme gehabt haben. Später mehrere Anstellungen bei Ölfirmen, Erfahrungen im Geschäftsleben, viele Reisen – und eine fünfzehnmonatige Haftstrafe in Mexiko wegen einer Geldgeschichte. Auch daraus wurde ein Buch. Als junger Mann schrieb Mutis vor allem Lyrik, auf der sein erster Ruhm beruht und aus der schließlich die Figur seines Weltenseglers Gaviero Maqroll hervorging. Irgendwann erreichte ihn der Regen von Auszeichnungen, darunter der Prinz-von-Asturien-Preis (1997) und der Cervantes-Preis (2001).

          Das Vermächtnis von Álvaro Mutis im Deutschen ist der schöne, in dunkelblaues Leinen gehüllte Band des Zürcher Unionsverlags mit sieben Maqroll-Romanen, die teils aus früheren Publikationen zusammengeholt, teils von Peter Schwaar erstmals übersetzt wurden. Es lohnt sich, nach diesem phantasiereichen, glänzend geschriebenen Buch zu fahnden, einem Lichtpunkt lateinamerikanischer Erzählkunst.

          Quelle: dpa

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