16.02.2012 · Vor zehn Jahren hat der amerikanische Bestsellerautor Dave Eggers in San Francisco eine Schreibwerkstatt für Schüler eröffnet. Heute gibt es begeisterte Nachahmer in der ganzen Welt.
Von Astrid Kaminski, San FranciscoLesen Piraten Bücher? Für Mister Blue, den ehemaligen Piraten, der im kalifornischen San Francisco inkognito als Verleger arbeitet, besteht daran kein Zweifel. „Ja, es kann manchmal ziemlich langweilig sein, auf hoher See herumzuhängen und auf Schiffe zu warten. Daher ist gute Literatur unter Piraten absolut gefragt“, erklärt auch Blues Programmassistentin Kim Connor den erstaunten Besuchern. Die winterlich kalten Verlagsräume liegen mitten im populären Mission-District, einer Art mexikanisch geprägtem Kreuzberg San Franciscos. Die Besucher haben sich im Rahmen eines „Field Trips“ hier versammelt, eines Vormittagsprogramms für kollektives Schreiben, aus dem ein Teil der Verlagspublikationen hervorgeht. Allerdings scheint diesmal das gemeinschaftliche Produzieren im Keim erstickt zu werden.
Die Bewerber nämlich sind Drittklässler, und Mister Blue lässt durch seine Assistentin strikte Ablehnung ausrichten. „Mindestens Collegestudenten!“, poltert er von einem geheimen hinteren Teil der ersten Etage, so dass es auch für die Kleinen im Erdgeschoss zu hören ist. Gequälte Gesichter. „Wir wollen aber! Biiiiitte!“, betteln die Kinder hinauf. „Ach was“, dröhnt es hinab, „ich drucke keinen Schülerkram! Drittklässler schreiben Fanpost an Justin Bieber, aber doch keine Literatur!“ Empörung. „Wir hassen Justin Bieber!“, kräht das einzige europäischstämmige Kind der Gruppe, „Wir hassen Justin Bieber, wir wollen Geschichten schreiiiiiben!“, echot darauf die ganze Schar. Nach dem Tumult kommen die Verhandlungen wieder ins Rollen, die Drittklässler bekommen eine Chance: In genau eineinhalb Stunden muss eine druckbare Story vorliegen. Ob sie es nach dieser Rattenfängerkunst schaffen werden, beantwortet sich von selbst.
Auch wenn Mister Blue das nie zugeben würde: Die täglichen Field Trips sind für Grundschulkinder ausgelegt, und sie sind nur ein Teil der zahlreichen Projekte, zu denen die Schreib- und Hausaufgabenwerkstatt „826 Valencia“ des amerikanischen Bestsellerautors und Reporters Dave Eggers sich ausgewachsen hat. Aus einer Lehrerfamilie stammend, in der die schlechten Bedingungen von Schülern aus sozialschwachen Einwandererfamilien immer wieder Thema waren, beschloss der Autor, in seiner unmittelbaren Umgebung zu helfen. 826 ist die Hausnummer, Valencia der Name der Straße. Hierhin zog Eggers einstiger WG-Küchenverlag McSweeney’s, in dem unter anderem die Weltverbessererzeitung „San Francisco Panorama“ und die Dokumentarreihe „Voice of Witness“ gedruckt werden. Gleichzeitig leistete Eggers harte Überzeugungsarbeit, um Kollegen und Freunde dafür zu gewinnen, etwas Zeit im Tagesablauf aufzusparen und in der „826 Valencia“ vorbeizukommen, um Kindern aus der Nachbarschaft bei Hausaufgaben- und Schreibübungen zu helfen.
Zehn Jahre später arbeiten in den gesamten Vereinigten Staaten mehr als sechstausend Freiwillige für das Projekt, jährlich erscheinen mehr als 900 Schülerpublikationen, 29.000 Kinder lassen sich beim Schreiben helfen, und auch eine Einladung ins Weiße Haus blieb nicht aus. Doch nach alldem sah es in der Anfangsphase 2002 noch gar nicht aus. Was nicht nur am merkwürdigen Erscheinungsbild von „826 Valencia“ lag.
Je weniger der Raum nach Schule aussehen würde, umso besser, hatten sich die Verlags-Philanthropen gedacht. Also wurde der vordere Teil, der ohnehin nur ein kommerzielles Nutzungskonzept zuließ, zu einem Laden für Piratenbedarf (Pirate Supply Store) umgestaltet. Das Sortiment reizt zum Berufswechsel: Seekrankheitspillen, Glasaugen, handgearbeitete Holzbeine und natürlich Bücher. Alles wunderbar, und doch gab es ein Problem: Der kleine Laden war zwar eine schöne Entdeckung, als Einstieg zur dahinter liegenden Hausaufgabenbetreuung funktionierte er jedoch nicht. So saßen die Mitarbeiter von McSweeney’s hinter dem Piratenladen in einem großen gemütlichen Raum, umgeben von gefüllten Bücherregalen und leeren Holztischen. Kinderlos.
Erst die aus Mexiko stammende Pädagogin Nínive Calegari stellte den Kontakt mit den Schulen her, legte - was weder Piratengeschichten noch Facebook geschafft hätten - die Vertrauensbasis. Nun ist der Raum täglich bis auf den letzten Platz gefüllt. Nachdem die Field-Trip-Kinder vom Vormittag nur mit Mühe aus dem Gebäude hinausmanövriert werden konnten, findet am Nachmittag die tägliche Hausaufgabenbetreuung mit Schreibwerkstatt statt. Schüler zwischen sechs und achtzehn Jahren strömen herein. Wer hier aufgenommen wurde, kann froh sein, denn die Warteliste ist lang. Mindestens zweimal in der Woche muss jedes Kind kommen, am besten täglich und lang genug, um den festen Ablauf mitmachen zu können: Hausaufgaben, zwanzig Minuten lesen, Tagebuch oder alternativ für eines der zahlreichen Publikationsprojekte schreiben. Die Betreuung übernimmt inzwischen ein festangestelltes Team, das von Spendern (wie Stephen King) und den Verkaufseinnahmen bezahlt wird. Außer dem nur morgens anwesenden Mister Blue arbeiten alle in Büros ohne Zwischenwände. Neben den festangestellten Kräften stehen den Kindern ehrenamtliche Mitarbeiter zur Verfügung, so dass im Idealfall eine „1-zu-1-Betreuung“ - das Losungswort von 826 - gewährleistet ist.
McSweeney’s hat unterdessen die Verlagsräume wieder ausgelagert, auf die gegenüberliegende Straßenseite, und Dave Eggers selbst ist ein eher seltener Gast geworden. Das Leben geht weiter. Nur eine punkige Oberstufengruppe, von der die jährliche Publikation „The Best American Nonrequired Reading“ herausgegeben wird, leitet der ansonsten weitgehend abgeschirmte Literat noch selbst, baumwollpullilässig wie eh. „Vielleicht ist es das San-Francisco-Ding?“, räsonierte Eggers einmal, auf den Erfolg von „826 Valencia“ angesprochen. Der Enthusiasmus, mit dem von dort aus in kürzester Zeit über 1700 ehrenamtliche Mitarbeiter - darunter auffallend viele Uniprofessoren und Juristen, aber auch Autoren wie Khaled Hosseini und Isabel Allende - über die Valencia Street hinaus mehrere „Writer’s Rooms“ in Schulen, Schülerzeitungen und andere Veröffentlichungen realisieren konnten, ist schwer zu überbieten.
Aber die Nachfolgerinitiativen in Washington D.C., New York, Boston, Ann Arbor, Chicago, Los Angeles und Seattle haben längst bewiesen, dass das Modell nicht nur in der Metropole am Pazifik umsetzbar ist. Um die vielen Nachfragen zu bewältigen, eröffnete Nínive Calegari zusätzlich das Vermittlungsbüro „826 National“. Im vergangenen Jahr hat sie es dann an Gerald Richards übergeben, der mit seinem Team bislang allerdings kaum zum Kistenauspacken kam: Zwei bis drei ernsthafte Anfragen kommen täglich, selbst aus Afrika, Japan, Finnland, Dänemark, England und so fort. Auch beim Internationalen Literaturfestival in Berlin brodelt schon seit längerem Interesse. Das Büro hätte eigentlich „826 International“ heißen müssen.
New Yorker Autoren sprechen unterdessen vom „Eggerismus“. Ernsthafte Kritik allerdings ist rar. Wenn man sie irgendwo ansetzen möchte, dann könnte der Publikationseifer von 826 als Zielscheibe dienen. Jedes Schnipselchen an kreativen Schreibversuchen landet in irgendeiner motivationsfördernden Publikation. Manche Beiträge gehen nicht weit darüber hinaus, den Präsidenten nach dem Namen seines Hundes zu fragen. Führen vermeintliche Schreiberfolge im Ruhmesglanz eines prominenten Autoren vielleicht zu Missverständnissen und hebeln die pädagogische Basisarbeit aus?
Der nachmittägliche Alltag bestärkt solche Mutmaßungen nicht. Auch die Schüler der Nonrequired-Reading-Gruppe wirken nicht so, als hätte ihnen die Welt schon zu oft auf die Schulter geklopft. Und die phantastische Dynamik des Field Trips der Drittklässler bewegt sich in einem kindgemäßen Rahmen zwischen Mythos und Realität. In den eineinhalb Vormittagsstunden ist das Märchen „Im Sommersprossenland“ entstanden. Kein großer literarischer Wurf, aber die Kinder und die Lehrerin sind bis zuletzt begeistert bei der Sache geblieben. Sie werden zu Hause stolz von ihrem „Buch“ berichten können, aber auch wissen, dass hauptsächlich Mister Blues Assistentin und eine weitere, am Laptop mitschreibende Helferin die Sätze so gut ausformuliert haben. Sie werden wissen, dass die Geschichte durch die Illustrationen eines Zeichners noch viel besser geworden ist, und auch, dass der Abschnitt, den jeder selbst auf sein Blatt schreiben musste, ganz schön Anstrengung gekostet hat. Geschichten zu schreiben wird eine hohe Kunst für sie bleiben. Aber eine, von der sie gekostet haben.