http://www.faz.net/-gqz-vw35
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 15.10.2007, 17:55 Uhr

Schlüsselroman über die Blair-Jahre Das Downing-Street-Dreieck

Polemisch, spannend, pikant: „The Ghost“, der neue Roman des Bestsellerautors Robert Harris ist ein Schlüsselroman über das Jahrzehnt, in dem Tony Blair Großbritannien regiert hat. Ein Thriller. Und nicht nur das. Von Gina Thomas.

von , London
© AP Was bleibt nach all den Jahren mit Tony Blair? Immerhin ein Roman von Robert Harris

Ein kürzlich aus dem Amt geschiedener britischer Premierminister, der sich jedem vernünftigen Rat widersetzt hat, um einen Krieg gegen den Terror zu führen, und nun für einen Vorschuss von zehn Millionen Dollar seine Erinnerungen schreiben soll. Seine launisch-herrische Ehefrau, die unbeliebt ist und oft ins Fettnäpfchen tritt, obwohl man ihr nachsagt, klüger zu sein als ihr schauspielerisch begabter Mann. Die tüchtige Privatsekretärin, die zum unverhohlenen Ärger der Ehefrau ein einmaliges Vertrauensverhältnis zu ihrem Chef genießt. Und ein nachtragender Ex-Außenminister, von dem es heißt, er habe seinen Posten verloren, weil er nicht auf die Linie Washingtons eingeschwenkt war, und der nun unter dem Deckmantel der politischen Moral Rache übt gegen seinen ehemaligen Vorgesetzten, indem er dafür sorgt, dass er vor das Kriegsverbrechergericht in Den Haag gestellt wird.

Gina Thomas Folgen:

Das Gerippe von „The Ghost“ (gemeint ist der Ghostwriter), dem jüngsten Thriller von Robert Harris, lässt unweigerlich auf einen dünn verschleierten Roman über Tony und Cherie Blair schließen, zumal der Bestsellerautor von „Vaterland“, „Enigma“ und „Pompeji“ in seiner Zeit als politischer Journalist die Anfänge von Neu-Labour aus nächster Nähe wohlwollend begleitet und unterdessen mit seiner Enttäuschung über die Blair-Jahre nicht hinter dem Berg gehalten hat. Bei der ersten Begegnung 1992 hatte der damalige Kolumnist der „Sunday Times“ den Schattenarbeitsminister als einen Politiker erkannt, der die Labour Party nach den langen Jahren in der Opposition wieder regierungsfähig machen konnte. Es entwickelte sich eine nähere Bekanntschaft, die dazu führte, dass Harris im Wahlkampf 1997 von Blair als wohlwollender Chronist ausgewählt und überallhin mitgenommen wurde. Er erlebte, wie er selber sagt, somit „den Rausch und die Aufregung der Labour-Revolution aus erster Hand“.

Mehr zum Thema

Schlüsselroman mit eifrigen Dechiffrierern

Wie sehr er als Romanschriftsteller von den Beobachtungen jener Monate zehrt, bezeugte schon „Imperium“, der erste Band einer geplanten Trilogie über Cicero, mochte der Autor noch so sehr bestreiten, dass die altrömischen Machenschaften bloß „New Labour in Toga“ seien. Als Entgegnung verweist Harris gern auf Henry James, der während eines Sommers fünf bis sechs prägende Wochen erlebte, aus denen alle späteren Werke geschöpft hätten. Aufgrund der Insider-Kenntnisse des Autors hat „The Ghost“ sogar auf den Nachrichtenseiten der englischen Zeitungen Schlagzeilen mit halbernsten Spekulationen über Blairs Verhältnis zu seiner langjährigen Bürochefin Anji Hunter inspiriert.

Die eifrigen Dechiffrierer des Schlüsselromans haben in der hochgeschminkten, benagellackten Blondine Amelia Bly, deren Beziehung zu ihrem Premierminster Lang über das Berufliche hinausgeht, das fiktive Alter Ego Anji Hunters erkennen wollen. Schließlich war deren gespanntes Verhältnis zu Cherie Blair im vertrauten Muster der Dreierkonstellation Chef, Ehefrau, Sekretärin ein offenes Geheimnis. „Der Premierminister, seine glamouröse Beraterin und eine eifersüchtige Ehefrau . . . Aber es ist nur ein Roman“, witzelte eine Zeitung in ihrer Schlagzeile, „Staatsaffären“, kalauerte eine andere, wohlwissend, dass der Wink ganz und gar unfundiert war.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ein Pate für den Brexit Shakespeare, der englische Patriot

Niemand sei so durch und durch englisch wie Shakespeare, heißt es. Der Dichter hat deshalb schon für politische Anliegen aller Art herhalten müssen – jetzt auch noch für den Brexit. Mehr Von Gina Thomas

21.04.2016, 14:13 Uhr | Feuilleton
Bürgermeisterwahl in London Einwanderer-Sohn gegen Milliardärs-Spross

Der eine ist der Sohn eines Busfahrers aus Pakistan, der andere hat einen milliardenschweren Finanzinvestor zum Vater. Beide haben das gleiche Ziel: Bei der Wahl am Donnerstag wollen sie Bürgermeister von London werden. Als Favorit geht der 45 Jahre alte Sadiq Khan in die Abstimmung, er wurde von der linken Labour-Partei aufgestellt. Sein 41 Jahre alter Rivale Zac Goldsmith von den Konservativen liegt in Umfragen auf Platz zwei. Mehr

04.05.2016, 14:54 Uhr | Politik
England Die Labour Party und der Antisemitismus

England streitet derzeit über linken Antisemitismus. Eine Bemerkung des früheren Londoner Bürgermeisters führte zur Eskalation. Warum spielen Teile der Linken den Holocaust herunter? Mehr Von Raphael Gross

05.05.2016, 10:44 Uhr | Feuilleton
Video-Filmkritik 99 Homes

Sozialdrama, Thriller und Hauptwerk eines Ausnahmeregisseurs: Der Film 99 Homes von Ramin Bahrani zeigt die Hypothekenkrise als gnadenlosen Zweikampf von Schuld und Sühne. Mehr

06.04.2016, 14:52 Uhr | Feuilleton
Nach Hessen-Derby Darmstadts Bürgermeister gesteht Fehler ein

Trotz der 530 Festnahmen ist Darmstadts Verwaltung nach dem Fußball-Derby zufrieden. Doch will sie ihr Vorgehen kritisch bewerten lassen. Mehr Von Rainer Hein, Katharina Iskandar, Darmstadt

02.05.2016, 12:01 Uhr | Rhein-Main
Glosse

Schöner Scheitern

Von Felix Simon

Ein Professor stellt einen alternativen Lebenslauf ins Netz, sein „CV of failure“. Darin aufgeführt: die Rückschläge der eigenen Karriere. Aufmunternd ist das für Leidensgenossen jedoch nicht. Mehr 1

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“