http://www.faz.net/-gqz-138in

Schlüsselroman über den französischen Film : Das Mädchen und der Regisseur

Mit 18 Jahren stand Anne Wiazemsky für Robert Bresson das erste Mal vor der Kamera. Sie sollte nicht schauspielern und möglichst unbeteiligt sprechen. Dann heiratete sie Jean-Luc Godard. „Jeune fille“ heißt ihr Roman über diese Zeit.

          Zu Hause, bei ihrer Mutter, stand das Telefon nicht mehr still, und ihr Onkel lief in Paris vor Schreck gegen eine Litfaßsäule, als überall am Kiosk auf der Titelseite von „France Soir“ plötzlich ihr Foto zu sehen war: „Die Enkelin des Schriftstellers François Mauriac dreht mit dem Regisseur Robert Bresson“, stand da. Anne Wiazemsky war gerade achtzehn geworden, hatte keine Ahnung von Kino, jedenfalls nicht von dem, was 1965 im Kino als avanciert galt - sie sah sich lieber die „Angélique“-Filme mit Michèle Mercier an. Jetzt stand sie selbst vor der Kamera, sollte aber bitte gar nicht erst versuchen, zu schauspielern, wie Robert Bresson ihr erklärte, und so unbeteiligt sprechen wie möglich. Titel des Films: „Zum Beispiel Balthazar“, die Leidens- und Lebensgeschichte eines Esels und eines Mädchens; eine Schicksalserzählung über Ikonen erzwungener Duldsamkeit. Sie war das Mädchen.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Heute kennt man Anne Wiazemsky vor allem aus den Filmen, die sie wenige Jahre später mit Jean-Luc Godard drehte, mit dem sie dann auch verheiratet war: aus der „Chinesin“, in dem sie eine marxistische Bürgerstochter spielt, die Philosophie in Nanterre studiert; aus „Weekend“ oder den „All about Eve“-Sequenzen in Godards Rolling-Stones-Film „One plus one“, in welchem sie als Eve Democracy von einem Kamerateam interviewt wird und auf alle Fragen immer nur mit „Oui“ oder „Non“ antwortet.

          Elegant, besitzergreifend, liebevoll

          Als sie in dieser Zeit nach Venedig fuhr, erkannte Pier Paolo Pasolini die junge Schauspielerin auf der Straße und engagierte sie für „Teorema - Geometrie der Liebe“. Sie drehte mit Robert Enrico und André Téchiné - und zog sich, als die Rollen weniger wurden, immer mehr aus dem Filmgeschäft zurück, um stattdessen, wie ihr Großvater, François Mauriac, Bücher zu schreiben, die in Frankreich mehrfach ausgezeichnet wurden. „Jeune fille“ heißt das zweite ihrer zehn Bücher, das nun auch ins Deutsche übersetzt worden ist.

          Es ist ein autobiographischer Roman über die Dreharbeiten, damals bei Robert Bresson; eine Erzählung vom Filmset und die wunderbare Geschichte der Begegnung eines Mädchens mit jenem viel älteren Regisseur, den Anne Wiazemsky als einen faszinierenden Tyrannen beschreibt - elegant, besitzergreifend, liebevoll, unerbittlich. „Als Robert Bresson im Dezember 1999 starb“, erzählt die heute 62-Jährige in Paris, „war ich bei seiner Beerdigung. Damals kamen die Erinnerungen wieder hoch, all das, was ich ihm verdanke, und es entstand der Wunsch, über ihn zu schreiben, nur wusste ich lange nicht wie. Die Erinnerung ist ja trügerisch, mit Memoiren hätte ich mich, allein aus Respekt, einer Wahrheit verpflichtet, und so entschied ich mich für einen Roman, mit dem ich auch eine exemplarische Geschichte erzählen konnte: die eines Mädchens, das sich innerhalb eines Sommers von seiner Kindheit verabschiedet.“

          Der schöne Tyrann

          Es war der Großvater, der ihr die Erlaubnis gab, „zum Film zu gehen“, als eine Freundin der Familie, die in Bressons „Jeanne d'Arc“ gespielt hatte, sie dem Regisseur vorstellte, wo Anne ihm vorlesen musste, damit er ihre Stimme hören konnte. „Weißt du, warum ich dir diese Erlaubnis gebe?“, sagt François Mauriac im Roman: „Ich wär gern an deiner Stelle. Stell dir vor, ich beneide dich! Mir hat man nie angeboten, in einem Film mitzuspielen!“ Sie muss ihm allerdings versprechen, während der Dreharbeiten Tagebuch zu führen, das Tagebuch eines Films, findet Mauriac, werde faszinierend sein. Und außerdem, wenn dieser Monsieur Bresson sich als unangenehm erweisen sollte, hätte sie mit dem Tagebuch eine herrliche Waffe. Françoise Gilot, die mit Picasso verheiratet war, habe eben ein Buch über ihr gemeinsames Leben herausgebracht, und die Leute rissen sich darum: „Was für eine wunderbare Rache!“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Chinas Einfluss : Die Schlinge in Hongkong zieht sich zu

          Lange haben sich die Bewohner Hongkongs gegen den Einfluss Chinas gewehrt. Selbst bei Regen gingen sie auf die Straße, um demokratische Rechte einzufordern. Nun erhöht China den Druck.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.