31.08.2010 · Bei der Buchvorstellung von Thilo Sarrazin drehten sich die Kompassnadeln der Berliner Republik in eine Richtung: Drinnen versuchte der Autor, zur Sache zu kommen, draußen probten die Abzuschaffenden den Aufstand.
Von Andreas KilbEr ist nicht John Wayne. Wenn Wayne mit Studenten über Vietnam diskutierte, ging er als Sieger vom Platz, egal, wie groß die Zahl seiner Gegner war. Aber Thilo Sarrazin will nicht siegen, sondern überzeugen. „Ich bin ein Gestaltungsoptimist und glaube an den öffentlichen Diskurs.“ So steht es in dem Manuskript, das am Ende seines Auftritts im Haus der Bundespressekonferenz verteilt werden wird. Aber noch ruht das Blatt in Sarrazins Hand, als er vor die Journalisten tritt, die in das burgartige Gebäude am Spreeufer gekommen sind, um mitzuerleben, wie der Autor sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ vorstellt.
Draußen vor der Burg proben die Abzuschaffenden den Aufstand. Die Gewerkschaft Verdi hat eine Kundgebung organisiert, auf der Sarrazins Thesen lautstark angeprangert werden. Ein Plakat, das von den Kameraleuten ausgiebig abgefilmt wird, zeigt eine Sarrazin-Karikatur und darunter die Worte „Halt’s Maul“. So etwas habe es in Bonn nicht gegeben, empört sich ein Mann mit Schifferbart in der Schlange vor dem Pressecounter, dort sei alles „sehr gesittet“ zugegangen. In Berlin aber herrsche ein Protestmilieu, das . . . doch so standhaft ist das Milieu gar nicht: Nach einer guten Stunde hat sich das Trüpplein um den Lautsprecherwagen zerstreut, das Plakat wird zu weiterer Verwendung eingepackt. Berliner Sparsamkeit.
Der Stapellauf des Buches ist ein nachgeholter Schiffbruch
Drinnen geht es immer wieder um die Frage, wer das Buch gelesen hat und wer nicht. Schließlich ist „Deutschland schafft sich ab“ erst seit ein paar Stunden offiziell im Handel, auch wenn fast jeder Satz, mit dem sich der Autor selbst einen Strick dreht, längst in den Zeitungen gestanden hat und trotz gegenteiliger Behauptungen seines Verlags reichlich Vorausexemplare verschickt wurden. Sarrazin aber tut so, als sei dieser Pressetermin die Jungfernfahrt seines Werks und der Eisberg, auf den es vergangene Woche aufgelaufen ist, noch weit.
Eine Journalistin, die ihn fragt, was ihn von einem gewöhnlichen Rassisten und Sozialdarwinisten unterscheide, lädt er ein, zunächst die 464 Seiten zu studieren, danach werde er sie zu einem Gespräch empfangen. Auch die Kanzlerin, deren Zeitbudget, so Sarrazin, für eine gründliche Lektüre wohl noch nicht ausgereicht habe, hätte er vermutlich gern auf die gleiche Weise belehrt. Doch es ist zu spät, der Bann ist gesprochen, der Stapellauf des Buchs ein nachgeholter Schiffbruch. Sarrazin hat einen neuen Nordpol der Integrationsdebatte gesetzt, nach dem sich die Kompassnadeln der Berliner Republik jetzt ausrichten. Selbst wenn er seinen Standpunkt noch wechseln wollte, könnte er es nicht mehr.
Spekulation über Vererbungsprozente für Dummheit
Er lässt sich nichts anmerken. Der Cowboyhut, den er, wenigsten im Geist, bei vielen Gelegenheiten getragen hat, ist diesmal im Kleiderschrank des Bundesbankvorstands geblieben, der wilde Mann gibt sich zahm. Versuche türkischstämmiger Frager, ihn zu provozieren, prallen an seiner Korrektheit ab. Necla Kelek, die sich mit ihrer Einführung zu „Deutschland schafft sich ab“ auf Sarrazins Seite gestellt hat (Necla Kelek über Sarrazins Thesen: Ein Befreiungsschlag), sitzt neben ihm wie eine Boxtrainerin, deren Schützling im Ring alles richtig macht. Den flachen Haken eines Reporters aus Holland, der ihn in eine Reihe mit dem Populisten Geert Wilders rücken will, pariert Sarrazin mit einem Satz, der als Motto über der Debatte um sein Buch stehen könnte: „Wenn man jedes Problem, das von den Falschen benannt wird, zum Nichtproblem erklärt, ist man trotzdem auf dem falschen Weg.“
Wenn die Thesen des knallroten Bandes nicht wären, der als Poster über dem Podium prangt, die Warnung vor „Fäulnisprozessen“ in der Gesellschaft, die Spekulation über Vererbungsprozente für Dummheit und Intelligenz, könnte man meinen, es sei der Richtige, der hier spricht.
Gefangen im Kordon der Kameras
Ein einziges Mal gerät Sarrazin in dem knallvollen Saal ins Stolpern, als er seine Sorge über den Rückgang der Geburtenrate kundtut: „Der damit verbundene Abschied Deutschlands aus der Geschichte beruhigt mich rein emotional.“ Hat er wirklich „beruhigt“ gesagt? Nein, es muss natürlich „beunruhigt“ heißen, so steht es auch im Manuskript. Aber für einen Moment flattert das Phantasma eines Volksredners durch den Raum, der mit derselben Vehemenz das genaue Gegenteil dessen sagen könnte, was er heute verkündet. Auch das gäbe ein Getöse, mit dem sich kräftig Auflage machen ließe.
Hinter dem Kordon der Kamerateams sitzt Sarrazin wie ein Gefangener. Als er aufsteht, folgt ihm der Schwarm zum Ausgang, bis er durch eine Seitentür entwischt. Als er gestern in einem Chinarestaurant in Wilmersdorf gesessen habe, hat er drinnen noch erzählt, seien viele Leute an seinen Tisch gekommen, um ihn zu seinem Buch zu beglückwünschen. Sie sollten es erst einmal lesen, habe er geantwortet. Thilo Sarrazin hofft immer noch, zum Meinungsführer einer Debatte zu werden, die sich nicht um ihn, sondern um die Sache dreht. Zu spät.