02.01.2012 · Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy ist die Zielscheibe eines bitterbösen Satire-Comics. So etwas bräuchten wir für den Bundespräsidenten jetzt auch.
Von Gerd G. KopperBürger haben jetzt die Möglichkeit, direkt zu verfolgen, was in den Hinterzimmern politischer Macht ausgehandelt wird - nicht in Deutschland, aber in Frankreich. Der Ende November erschienene Comicband "Sarkozy et les riches" (Sarkozy und die Reichen) handelt davon. In Frankreich bedienen sich seriös arbeitende investigative Journalisten des Comicformats. Die Karriere des Präsidenten durch die Hinterzimmer der Macht und mit Hilfe reicher Freunde wird in Bildergeschichten aufgeklärt. Das Titelbild zeigt einige der "Freunde" - und Sarkozy im Schulterschluss mit der Oligarchie. Ein vergleichbarer Band über das Staatsoberhaupt dürfte sich auch in Deutschland inzwischen lohnen. Warum - das macht der neue Sarkozy-Comic augenfällig.
Sarkozys Netzwerk der Reichen, so schildert es der Comic, umfasst summiert ein Gesamtvermögen von über dreißig Milliarden Euro. Das deutsche Freundesnetzwerk des Bundespräsidenten Christian Wulff käme summiert vielleicht auf ein Gesamtvermögen von zwei Milliarden Euro. Darüber kann man in Frankreich nur müde lächeln. Zu den Freunden von Sarkozy zählen die reichsten Franzosen überhaupt. Der Präsident erscheint als nachdrücklicher Verfechter der Interessen der Industrie- und Finanzoligarchie Frankreichs. Zehn Kapitel sind den herausragenden "Freunden" von "Sarko" gewidmet. Darunter Industrielle wie der Bau- und Fernsehunternehmer Bouygues oder der reichste Mann Frankreichs, Bernard Arnault, sowie die Unternehmerin Liliane Bettencourt, Erbin eines Riesenvermögens.
Die Bandes Dessinées, abgekürzt: BD, die Comics also, haben in Frankreich eine lange Tradition, sie finden ein Publikum quer durch alle Schichten und Milieus. Ende November haben Renaud Dély und sein Kollege, der als renommierter Pressezeichner tätige Journalist Aurel, ihren scharfzüngig-ironischen Band zu Sarkozy herausgebracht. Man wolle, so erklärte Dély zu seiner jüngsten Arbeit über "Sarkozy und die Reichen", mit dem Comic gerade eine Leserschaft erreichen, die keine Lust habe, langatmige politische Analysen und trockene Texte durchzuarbeiten.
Dély, Chefredakteur des "Nouvel Observateur", beruft sich auf akribische Recherchen und zahllose Gespräche mit Personen aus Sarkozys politischem Umfeld. Die Darstellung lässlicher und hässlicher Schwächen aller Protagonisten hat Methode. Sarkozy erblickt man deshalb auch immer wieder beim Vertilgen von Kilobergen schokoladeumhüllter Edelkirschen - und mit entsprechend schokoladeverschmierter Mundpartie.
Jeder kann in dem Buch von Dély und Aurel verfolgen, wie es möglich ist, dass ein unbekannter Kommunalpolitiker, noch dazu einer, der nicht die sonst üblichen Eliteschulen durchlaufen hat, zum Präsidenten Frankreichs wird. Der Leser schaut direkt in die Hinterzimmer, in denen diese Karriere geschaffen wird. Die Dialoge sind notwendig auf Sprechblasenkürze verknappt, treffen aber den Kern des Systems "Sarko". Die Bildergeschichten bringen mit bösartiger Unnachgiebigkeit und ohne den geringsten Anflug von Vorsicht oder Zaudern Machtkonstellationen und Entscheidungsabläufe in harten, ironisierenden Strichen auf den Punkt.
Dieses erzählerische Format - politische Zusammenhänge nicht nur in einer Karikatur oder Karikaturenserie in der Zeitung, sondern gleich in einem ganzen Comicbuch aufzuzeichnen, quasi als Summe der Recherchen - ist in Deutschland weniger geläufig, vor allem aber weniger wirkmächtig als bei unseren Nachbarn. Es hat für die investigativen Journalisten Frankreichs auch einen besonderen Reiz, weil die Bandes Dessinées als künstlerische Kategorie anerkannt sind. Im Übrigen machte sich in Frankreich jeder Mächtige lächerlich, wollte er gegen die karikierenden Aufklärer der allgegenwärtigen Hinterzimmer-Politik vorgehen. Da hülfen - wie im Fall des Christian Wulff und der "Bild"-Zeitung - Drohanrufe ebenfalls nicht.
Renaud Dély & Aurel: Sarkozy et les riches. Grenoble, Éditions Glénat 2011. 96 Seiten. Preis: 18 Euro.
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