19.03.2004 · Der in Frankreich lebende chinesische Nobelpreisträger Gao Xingjian wird der Pariser Buchmesse fernbleiben. Dort redet man über den Verlagswechsel des Autors - und schweigt über den Kniefall vor Gastland China.
Von Jürg AltweggGastland der Pariser Buchmesse, die heute beginnt, ist China, das vierzig Schriftsteller schickt. Die Reisekosten übernimmt Frankreich. Doch der chinesische Nobelpreisträger Gao Xingjian, der in Paris lebt, ist nicht eingeladen. Beim Staatsbesuch der chinesischen Führungsspitze Ende Januar in Paris war auch die bevorstehende Buchmesse Thema. Schon damals wurde es vermieden, die Chinesen mit Fragen zu Menschenrechtsverletzungen zu verärgern. Daß die umworbenen Gäste Druck ausgeübt hätten, war in der Presse ein Thema. Aufhebens um die sich abzeichnende Abwesenheit von Gao Xingjian wurde allerdings nicht gemacht, auch nicht von den engagierten antitotalitären Starintellektuellen.
Inzwischen verbreiten offizielle Stellen eine an Zynismus kaum überbietbare Version: Da Gao Xingjian in Frankreich lebt, konnte man ihn gar nicht offiziell als Mitglied der chinesischen Delegation einladen. Der Schriftsteller und Maler, der als politischer Flüchtling nach Paris kam, habe inzwischen sogar die französische Staatsbürgerschaft. Eine Ehrung aus aktuellem Anlaß hätte man sich freilich einfallen lassen können, etwa eine Ausstellung seiner Bilder. Oder eine Einladung zu einem Podiumsgespräch. Der weltweit bekannteste Vertreter der chinesischen Literatur ist extrem öffentlichkeitsscheu und hat sich wegen des Wirbels entschlossen, der Buchmesse fernzubleiben.
Kniefall vor dem Wirtschaftswunderland
Gesprächsthema ist unterdessen vor allem sein Verlagswechsel. Am Vorabend der Messe beschuldigten die Editions de l'Aube in einer Pressemitteilung die Editions du Seuil, die ihre Produktion im Vertriebsbereich betreuen, ihnen den Schriftsteller ausgespannt zu haben. Le Seuil wurde gerade von La Martinière übernommen und wird nun gern beschuldigt, wie ein Konzernverlag aufzutreten. L'Aube, ein Kleinverlag in der Provence, hatte die Bücher des unbekannten Chinesen, die von den großen Pariser Verlagen, darunter auch Le Seuil, abgelehnt worden waren, publiziert. Der kommerzielle Erfolg kam mit dem Nobelpreis im Jahr 2000.
Bitter beklagen sich nun die Verleger von l'Aube, vor allem über den unfreundlichen Geschäftsfreund. Sie verweisen auf gültige Verträge, wollen aber auf juristische Schritte verzichten. Der Übersetzer des schweigenden Chinesen erklärt, Gao Xingjian habe sich für Le Seuil entschieden, weil der Verlag sein Gesamtwerk - inklusive der Theaterstücke und des malerischen Werks - besser betreuen könne. Er werde Le Seuil seine gesamten Weltrechte übertragen.
Die Verbitterung des verlassenen Verlegers ist verständlich, auch wenn solche Vorgänge leider üblich sind. Die Verantwortlichen von L'Aube halten Gao Xingjian einen anderen ihrer Autoren vor - Václav Havel: Der ließ seine französischen Übersetzungen noch als Berühmtheit und Staatspräsident im Kleinverlag erscheinen. Intensiv wird die Meldung vom Abgang des Nobelpreisträgers kommentiert. Die Affäre, die den undankbaren Dissidenten als Verräter zu entlarven scheint, wird dabei zum Alibi. Vom wirklichen Skandal, dem Kniefall der Pariser Buchmesse vor dem neuen Wirtschaftswunderland, redet kaum noch jemand.
GENF, 18. März
Gastland der Pariser Buchmesse, die heute beginnt, ist China, das vierzig Schriftsteller schickt. Die Reisekosten übernimmt Frankreich. Doch den chinesischen Nobelpreisträger Gao Xingjian, der in Paris lebt, ist nicht eingeladen. Beim Staatsbesuch der chinesischen Führungsspitze Ende Januar in Paris war auch die bevorstehende Buchmesse Thema. Schon damals wurde es vermieden, die Chinesen mit Fragen zu Menschenrechtsverletzungen zu verärgern. Daß die umworbenen Gäste Druck ausgeübt hätten, war in der Presse ein Thema. Aufhebens um die sich abzeichnende Abwesenheit von Gao Xingjian wurde allerdings nicht gemacht, auch nicht von den engagierten antitotalitären Starintellektuellen.
Inzwischen verbreiten offizielle Stellen eine an Zynismus kaum überbietbare Version: Da Gao Xingjian in Frankreich lebt, konnte man ihn gar nicht offiziell als Mitglied der chinesischen Delegation einladen. Der Schriftsteller und Maler, der als politischer Flüchtling nach Paris kam, habe inzwischen sogar die französische Staatsbürgerschaft. Eine Ehrung aus aktuellem Anlaß hätte man sich freilich einfallen lassen können, etwa eine Ausstellung seiner Bilder. Oder eine Einladung zu einem Podiumsgespräch. Der weltweit bekannteste Vertreter der chinesischen Literatur ist extrem öffentlichkeitsscheu und hat sich wegen des Wirbels entschlossen, der Buchmesse fernzubleiben.
Gesprächsthema ist unterdessen vor allem sein Verlagswechsel. Am Vorabend der Messe beschuldigten die Editions de l'Aube in einer Pressemitteilung die Editions du Seuil, die ihre Produktion im Vertriebsbereich betreuen, ihnen den Schriftsteller ausgespannt zu haben. Le Seuil wurde gerade von La Martinière übernommen und wird nun gern beschuldigt, wie ein Konzernverlag aufzutreten. L'Aube, ein Kleinverlag in der Provence, hatte die Bücher des unbekannten Chinesen, die von den großen Pariser Verlagen, darunter auch Le Seuil, abgelehnt worden waren, publiziert. Der kommerzielle Erfolg kam mit dem Nobelpreis im Jahr 2000. Bitter beklagen sich nun die Verleger von l'Aube, vor allem über den unfreundlichen Geschäftsfreund. Sie verweisen auf gültige Verträge, wollen aber auf juristische Schritte verzichten. Der Übersetzer des schweigenden Chinesen erklärt, Gao Xingjian habe sich für Le Seuil entschieden, weil der Verlag sein Gesamtwerk - inklusive der Theaterstücke und des malerischen Werks - besser betreuen könne. Er werde Le Seuil seine gesamten Weltrechte übertragen.
Die Verbitterung des verlassenen Verlegers ist verständlich, auch wenn solche Vorgänge leider üblich sind. Die Verantwortlichen von L'Aube halten Gao Xingjan einen anderen ihrer Autoren vor - Václav Havel: Der ließ seine französischen Übersetzungen noch als Berühmtheit und Staatspräsident im Kleinverlag erscheinen. Intensiv wird die Meldung vom Abgang des Nobelpreisträgers kommentiert. Die Affäre, die den undankbaren Dissidenten als Verräter zu entlarven scheint, wird dabei zum Alibi. Vom wirklichen Skandal, dem Kniefall der Pariser Buchmesse vor dem neuen Wirtschaftswunderland, redet kaum noch jemand.
JÜRG ALTWEGG