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Salman Rushdies Autobiographie : Im Zeichen der Krähen

  • -Aktualisiert am

Salman Rushdie mit seiner damaligen Frau, dem Model Padma Lakshmi, bei einer Modenschau in New York 2003 Bild: IMAGO

Memoiren des „Joseph Anton“: Salman Rushdie hat sein bestes Buch geschrieben. Es ist die meisterliche, heimsuchende Beschreibung seiner Fatwa-Jahre.

          Eine Dame mit Kopftuch nähert sich einer Gruppe von Jugendlichen, die zwischen den Hochhäusern einer berüchtigten Siedlung in Toulouse abhängen. Sie fragt nach Mohammed Merah, der im Frühjahr sieben Menschen erschoss, bevor er selbst in einem Gefecht mit der Polizei starb. Die Jungs geraten ins Schwärmen: Merah, den kennt hier jeder, Madame, das war ein Märtyrer des Islam. Der erste Soldat, den er erschoss, antwortet die Frau, das war mein Sohn Imad. Und dann erklärt sie ihnen, warum Merah kein Märtyrer des Islam war, sondern ein Serienmörder. Die Kinder ergehen sich betroffen in Entschuldigungsformeln. Als Latifa Ibn Zaiten diese Begegnung später im französischen Fernsehen schildert, sagt sie: „Ich stand als Muslima vor denen und hatte Angst. Wo sind die Eltern dieser Kinder? Wenn diesen Jungs niemand hilft, wird ein neuer Merah aus ihnen hervorgehen.“

          Im Lichte einer moralischen Frage

          Wer so einen Beitrag nach der Lektüre von Salman Rushdies meisterlichem Buch „Joseph Anton“ (Bertelsmann) im Fernsehen sieht, beginnt das Lied unwillkürlich zu summen, mit dem das Buch beginnt. Eine Krähe setzt sich auf ein Gerüst. An der Schule von Bodega Bay ist große Pause, die Schüler sagen Abzählreime auf. Niemand bemerkt die vierte und die fünfte Krähe. Die Kinder singen ein Lied ohne Anfang oder Ende: „Sie kämmt sich das Haar nur einmal im Jahr, ristle ristle mo mo mo.“ Bald sind es Hunderte Krähen auf dem Gerüst und auf dem Hof und Abertausende, die den Himmel verdunkeln. „Später, als die Plage sich ausbreitet, fällt es den Leuten leicht, in der ersten Krähe einen Vorboten zu sehen. Als sie aber auf dem Klettergerüst landet, ist sie nur ein einzelner Vogel.“

          Salman Rushdie hat den Anfang von Hitchcocks Filmklassiker „Die Vögel“ oft in seinen Träumen gesehen, nachdem sein Himmel sich schon ganz verdüstert hatte wegen der Fatwa, die über ihn verhängt wurde: „Ich bitte sämtliche Muslime ristle-te, rostle-te mo mo mo die Betroffenen hinzurichten wo immer sie auch sein mögen ristle-te rostle-te mo mo mo.“ Viele andere verstanden den Reim erst zwölf Jahre später, am 11. September 2001, als die Staubwolken den Himmel über Manhattan verdeckten.

          Eine Verlagerung des Problems

          „Joseph Anton“, die meisterliche, heimsuchende Beschreibung der Fatwa-Jahre, handelt allerdings weniger von der Finsternis als von der Not, ein Leben in gleißendem Licht einer klaren moralischen Frage führen zu müssen. Rushdie vergleicht die Krise, die das Erscheinen seines Buches auslöste, mit einem starken Lichtstrahl, „der jedermanns Entscheidungen und Taten scharf hervorhob und so eine Welt ohne Schatten schuf, einen absoluten unzweideutigen Ort“. Dieses Licht ist für die meisten Regierungen sehr unvorteilhaft, beispielsweise die dänische Regierung, die viel Fetakäse nach Iran exportierte. Rushdie resümiert: Die Dänen hatten die Wahl zwischen ihren Werten und dem Käse. Sie wählten den Käse.

          Zu den Käsepolitikern zählt er auch den deutschen Außenminister Klaus Kinkel, überhaupt sei es ihm vorgekommen, als sei Deutschland damals der Büttel Irans in Europa gewesen. Auch in der Presse fand sich damals oft das Urteil, der Autor habe sich den Ärger selbst zuzuschreiben. Es fand eine Verlagerung des Problems statt. Weil die Sache mit Iran gleichermaßen bedrohlich wie unlösbar erschien, beschäftigte sich insbesondere die britische Öffentlichkeit lieber mit Rushdie so als Typ: ob er nicht arrogant sei, ein Angeber und also disqualifiziert, so ein Problem darzustellen.

          Niemand wird geschont

          Rushdie störte, sein Fall war zu grell für eine Zeit, die im Kalten Krieg an kleine Schritte, Entspannungspolitik und sanfte Diplomatie zu glauben gelernt hatte. Heute wissen wir, dass sein Testfall die ersten Krähen anzeigte und dass sich weitere sammelten. Gerettet haben ihn seine Bewacher, seine Familie und ein historisches Faktum: Es gab noch kein Internet. Hätte es Google zum Zeitpunkt der Fatwa gegeben, hätte er nicht überlebt, stellt er fest. Es wäre nicht genug Zeit gewesen, den Schutz zu organisieren. Und es gibt echte Helden in dieser Geschichte: seinen Agent Andrew Wylie, Günter Wallraff, die Lehrer an der Schule seines Sohnes und all jene Freunde, die um den Autor einen „Ring aus Stahl“ bildeten, in dem er sein Leben führen konnte.

          Es geht viel um die Liebe und um die Ehe in diesem Buch, auch um Untreue und Scheidungen, und niemand, erst recht nicht Salman Rushdie, wird geschont. Auch der Leser nicht: Er vollzieht in der Zeitlupe eines perfekten Romans mit, wie er nicht weniger als drei Ehen an die Wand fährt. Eine war schon vor der Fatwa gescheitert. Marianne, seine Ehefrau während der ersten Phase der Bedrohung, - erfindet Begegnungen mit CIA-Agenten, die angeblich alles über Rushdies Versteck wüssten, dort auch schon gewesen seien, und zwar ohne dass die Briten es mitbekommen hätten. Der Vorgang landet auf den Tischen des Präsidenten und des Premierministers. Doch es gab keine solche amerikanische Einmischung, es war erfunden. Die Bewacher müssen es Rushdie schonend beibringen.

          Rushdie mit Perücke

          Rushdie hat in „Joseph Anton“ auch stilistisch neuen Grund erschlossen. Seine Virtuosität in der Schilderung fremder Figuren und Epochen ist unbestritten, in seiner Kunst der Formulierung von langen, gewundenen Sätzen ist er nur mit dem frühen Grass zu vergleichen. Hier aber vertraut er einer minimalistischen, ergreifenden Sprache: „Es war der schlimmste Tag seines Lebens.“ Das beendet die Passage, in der er beschreibt, wie er über eine lange Stunde in der Annahme leben musste, seine Exfrau und sein Sohn seien überfallen worden, weil sie das vereinbarte Telefonsignal nicht gegeben haben. An gewissen herzbewegten Momenten scheut er auch nicht die Sprache von Liebesromanen. So schreibt er über die Geburt seines zweiten Sohnes: „Es war, als würde die ganze Welt singen.“ Die Beschreibung der Söhne, aber auch seines Vaters gehören ohnedies zu den besten Bestandteilen des Buches.

          Auch wer sich nicht für den Fall Rushdie interessiert, wird von dem Buch gebannt sein, denn es ist ein aus ganz singulärer Warte gezeichnetes Panorama unserer Zeit, mit einer Fülle von weisen, oft auch schlicht albernen Beobachtungen. Einmal überreden ihn seine Beschützer, es mit Tarnung zu versuchen und ein Haarteil aufzuziehen. Skeptisch willigt er ein, sie machen einen Test auf der Oxford Street. Augenblicklich sammeln sich Passanten, machen Bilder, einer ruft: „Schaut mal: Das Arschloch Rushdie mit Perücke!“ Ende des Tests und Abfahrt mit quietschenden Reifen.

          Das heilige Buch redigieren

          „Joseph Anton“ stellt auch Rushdies Bildungs- und Werdegang dar, man erfährt, dass er sich schon früh mit der Sozialgeschichte von Mohammed und seiner Anhänger beschäftigte und mit diesem Interesse seinem Vater Anis folgte, der tatsächlich mal das Projekt unternahm, den Koran von Redundanzen und Irrtümern zu befreien, das heilige Buch also zu redigieren. In den „satanischen Versen“ versucht Rushdie genau das, die soziokulturelle Einordnung der Worte des Propheten.

          Und genau darum stellte das Buch so eine Gefahr dar, eine ungleich größere als die Videos und Karikaturen: Es ist der Stoff, aus dem eine aufgeklärte Geschichte dieser Religion geschrieben werden könnte, die Basis für eine neue islamische Kultur, die der schärfste Kontrahent des Islamismus wäre. Salman Rushdie hat sein bestes Buch geschrieben, eines der größten über unsere so schwer zu deutende Zeit, ein Meisterwerk, dessen Lektüre versüßt wird durch Schadenfreude. Denn sein Erscheinen ist das schönste Scheitern der Islamisten.

          Quelle: F.A.Z.

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