Home
http://www.faz.net/-gr0-rdux
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sabine Schiffner Schreckenssätze: „Schneeweißchen und Rosenrot“

03.03.2006 ·  Die Geschichte hat keine echte Spannung und erlaubt kaum Katharsis - und doch ist dieses Märchen symbolisch für mich: Die Schriftstellerin Sabine Schiffner über „Schneeweißchen und Rosenrot“.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Was ich von einem Märchen behalte, ist weniger die Handlung, sondern meist nur ein Wort oder ein Satz, der eine poetische Qualität hat. Oft geben diese Worte und Sätze mir einen Impuls für das eigene Schreiben.

Besonders wenn ich an „Schneeweißchen und Rosenrot“ denke, wird dieser Impuls ausgelöst - eine Inspiration, die von der Erinnerung lebt. Die Schönheit des Märchentitels, die Vorstellung von der Gegensätzlichkeit der beiden Protagonistinnen, gibt mir immer wieder neuen Grund, um etwas zu schreiben über das zwanghafte Wiederholen von Familienkonstellationen, über die Angst vor der Liebe und vor dem Sterben.

Arme gute Mädchen

Die Handlung des Märchens bleibt seltsam blaß. Es vereinigt alle Stereotypen, die armen guten Mädchen, den bösen Zwerg, der den Prinzen verzaubert und ihm seine Schätze geraubt hat, und den Prinzen in Bärengestalt, dem die Mädchen unwissend helfen und der sie anschließend auf sein Schloß holt. Die Geschichte hat keine echte Spannung und erlaubt kaum Katharsis.

Und doch ist dieses Märchen symbolisch für mich. Es erinnert mich an meine Kindheit. Immer wieder vermischen und vermischten sich Teile aus ihm mit meiner Wirklichkeit. Meine Großmutter hat einmal meiner Schwester und mir einen weißen und einen roten Rosenstock geschenkt, genau wie die beiden braven Schwestern sollten auch wir zu braven hausfraulichen Mädchen erzogen werden.

Sie kommen immer wieder

Dann aber findet wie in der Wirklichkeit auch im Märchen ein Bruch statt, und das Erwachsensein der Mädchen beginnt. Der furchtbare Satz „Schneeweißchen und Rosenrot, schlägst dir den Freier tot“, der einerseits spaßhaft gemeint ist, andererseits ankündigt, daß Schneeweißchen (es wird vom „es“ zum geschlechtsbereiten „sie“) sein Glück machen wird, ist die Vision dessen, was die der Unschuld Entwachsenen miteinander tun können; als ich vor einigen Tagen den Fernseher anschaltete und einen „Tatort“ sah, zitierte ein psychopathischer Mörder genau diesen Satz.

Sind einmal solche sprachlichen Teile eines Märchens in meine Wirklichkeit eingedrungen, lassen sie mich nicht mehr los, sie kommen immer wieder. Erst beim Schreiben kann ich mich ihrer entledigen.

Sabine Schiffner, geboren 1965, veröffentlichte zuletzt den Roman „Kindbettfieber“. In diesem Frühjahr erscheint ihr Lyrikband „Male“. Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm gibt es in einer von Nikolaus Heidelbach illustrierten Ausgabe für 19,90 Euro im Verlag Beltz & Gelberg.

Quelle: F.A.Z., 04.03.2006, Nr. 54 / Seite 38
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel