17.02.2005 · Warum Dresden zur Frontstadt werden mußte
Von Golo MannVon den Besprechungen der alliierten Staatsmänner erwarteten die Nazis ein Friedensangebot, verlockende Versprechungen für das deutsche Volk, wenn es sich nur von seinen Führern trennen wollte. Diese Versprechungen, dieser "Wilson-Schwindel", wie Goebbels es vorsorglich nannte, blieb aus. Warum blieb er aus? Wir wollen die einfache Antwort geben: Die Alliierten machen keine falschen Versprechungen. Echte verlockende Versprechungen aber oder gleißende Friedensangebote können sie dem deutschen Volke jetzt nicht machen, dazu ist die Lage viel zu sehr verdorben und vergiftet.
Am Ende des Ersten Weltkrieges war es ganz anders. Es war damals dem amerikanischen Präsidenten Wilson sehr ernst mit seinen Plänen für einen Frieden, der es allen Parteien ungefähr recht machte. Er konnte sein Ideal nicht vollständig verwirklichen, aber doch zu einem sehr wesentlichen Teil. Durch den Frieden von Versailles hat das deutsche Volk kein deutsches Land verloren. Wozu hier lange in die Einzelheiten gehen? Wenn ein Volk einen Krieg verliert wie den Ersten Weltkrieg und zunächst ganz ohnmächtig dazustehen scheint und dann nach nur zwanzig Jahren schon wieder einen neuen Weltkrieg anfangen kann, und zwar mit der stärksten, am besten ausgerüsteten Armee auf der Welt - solch ein Volk kann doch wohl durch den Frieden von Versailles gar so viel nicht verloren haben...?
Wilson glaubte, daß wenn man dem deutschen Volk Freiheit gäbe, seine eigenen Angelegenheiten zu verwalten, wenn es demokratisch regiert würde anstatt kaiserlich, daß es dann schon von selber seinen rechten, anständigen Platz in der Gemeinschaft der Völker finden würde. So ein gutgläubiger Mann war Präsident Wilson. Aber er täuschte sich. Und darum wird es diesmal ganz anders gemacht werden. Es genügt nicht, daß ein einziger Mann verschwindet, der Kaiser oder Adolf Hitler. Es genügt nicht, daß das deutsche Heer auf hunderttausend Mann beschränkt wird. Es genügt nicht, daß Deutschland schöne Versprechungen gibt, auf dem Papier. Nein, diesmal bedarf es echter, wirklicher Friedensgarantien. Denn einen dritten deutschen Krieg will die Welt nun einmal nicht haben. Solche Garantien kann kein Deutscher geben auf dem Papier, solche Garantien muß die Welt sich selber nehmen und muß an ihnen festhalten.
Was für Garantien sind das? Die Vernichtung, die biologische Ausrottung des deutschen Volkes? Dummes Geschwätz. Es ist den Nazis trotz aller Grausamkeit nicht gelungen, die ungleich schwächere polnische Nation zu vernichten. Wie könnte das dann wohl mit der deutschen Nation gelingen? Und selbst wenn die Alliierten es könnten, so würden sie es nicht tun. Weil sie nämlich, wie Churchill kürzlich sagte, keine Ungeheuer sind, sondern Menschen, die ihren Glauben haben.
Die Garantien, die die freie Welt braucht, waren längst bekannt, die KrimKonferenz hat sie nur noch einmal in aller Klarheit festgestellt: Besetzung des Landes, solange es notwendig ist, Vernichtung der Nazipartei, Auflösung des Generalstabes und der Wehrmacht, Bestrafung aller Kriegsverbrecher und schuldigen Nazi-Bonzen, Befreiung des deutschen kulturellen Lebens von jedem Nazi-Einfluß, Ausschaltung oder Kontrolle der deutschen Industrie, soweit sie dem Krieg dienen kann.
Es ist ganz richtig, daß es heute fast keine Industrie gibt, die nicht irgendwie für die Kriegführung nutzbar gemacht werden könnte. Das heißt aber nicht, daß die Alliierten beabsichtigen, Deutschlands Industrien zu zerstören. Das deutsche Volk kann ohne industrielle Arbeit nicht leben. Es kann auch ohne Maschinen die Wiedergutmachungen gar nicht leisten, die von ihm gefordert werden. Zwischen Vernichtung und Überwachung ist ein großer Unterschied.
Das ist der ganze Plan von Jalta. Er ist nicht grausam, er ist auch nicht milde. Er bestimmt das, was notwendig ist. Er fordert, was gefordert werden muß, nicht mehr, nicht weniger. Die Nazi-Führer schreien: Mord! Sie haben auch ganz recht, soweit sie selber betroffen sind. Die Beschlüsse von Jalta bedeuten ihre politische Vernichtung, den Tod der schuldigen Kriegsverbrecher und Kriegsverlängerer. Aber niemand verliert gerne Macht und schönes Leben. Niemand kommt gerne vor Gericht. Die Antwort der Nazi-Bonzen auf die Beschlüsse von Jalta kann niemand überraschen. Solange aber diese Menschen den Krieg führen können, solange das deutsche Volk ihnen das erlaubt, so lange geht er weiter. Und zwar wird er leider in diesen letzten, in diesen allersinnlosesten Monaten so furchtbar werden, wie er bisher nie war.
Die Alliierten haben erklärt, daß immer gewaltigere Schläge kommen werden, von Osten und Westen, von Süden und Norden. Sie haben erklärt, daß ihre Stäbe jetzt enger zusammenarbeiten als je zuvor und daß Ort und Zeit und Ausmaß dieser Angriffe aufeinander abgestimmt sein werden wie nie zuvor. Die Alliierten tun das, was sie sagen. Sie wollen diese schlimme Sache zu Ende bringen, so oder so. Die anglo-amerikanischen Luftangriffe gegen Sachsen sind ein erstes Beispiel der neuen militärischen Zusammenarbeit zwischen Osten und Westen. Marschall Konjews Truppen stehen nur noch achtzig Kilometer von Dresden entfernt. Dresden ist der Mittelpunkt des deutschen Verteidigungssystems, des deutschen Nachschubs westlich von Schlesien. Durch Dresden führen die Straßen und Eisenbahnen, von Ost nach West, von Süd nach Nord. Dresden ist zur Frontstadt geworden, genau wie Berlin, genau wie Köln. Und genau wie diese Städte muß es behandelt werden.
Das ist sehr schlimm für die Einwohner von Dresden. Es hat ja aber an Warnungen nicht gefehlt. Tausendmal wurde es durch die alliierten Rundfunksprecher und Zeitungen vorausgesagt: Wenn der Krieg noch weitergeht, so wird jede deutsche Stadt zur Frontstadt. Es wurde immer und immer wieder gezeigt, was taktisches Bomben bedeutet. Das Schicksal von Caen und anderen französischen Städten wurde als warnendes Beispiel hervorgehoben. Alles vergebens, der Krieg ging weiter, es kam, wie es kommen mußte.
Kein Mensch auf der Welt hat Freude an diesen furchtbaren Ereignissen. Aber wer ist schuld daran? Adolf Hitler auf seinem Schloß im Hochgebirge, den grämt das alles ziemlich wenig. Die Millionen der Flüchtlinge kümmern ihn kaum, neue Todesgerichtshöfe ernennt er, um zu wüten gegen alle, die Schluß machen wollen. Seinem Gott dankt er noch für diese schönen Tage, für die ehrenvoll ihm zugewiesene Aufgabe. Denn von diesem Untergang in Blut und Feuer hat er ja immer geträumt. Er nannte es die "Götterdämmerung", das "große Zusammenkrachen der alten Welt", nur daß er glaubte, er könnte ganz Europa und England mit hineinreißen:
Brach Etzels Haus in Glut zusammen,/Als er die Nibelungen zwang,/So soll Europa stehn in Flammen/Bei der Germanen Untergang. Felix Dahn]
Nun hat er es, aber nicht Europa steht in Flammen und nicht England - da wird schon wieder für ein neues Leben nach dem Krieg gearbeitet. Deutschland allein steht in Flammen, Deutschland allein muß jetzt büßen für den Wahnsinn eines dumpfen, selbstsüchtigen Menschenfeindes.