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Rüdiger Safranski und Daniel Kehlmann : So funktioniert ein kulturelles Immunsystem

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Schiller und Goethe? Nein, Daniel Kehlmann und Rüdiger Safranski vor wenigen Tagen beim Gespräch in Berlin über mystische Momente, gelingendes Leben und große Literatur. Bild: Lüdecke, Matthias

Die Erstplazierten der Bestsellerliste in Literatur, Daniel Kehlmann, und Sachbuch, Rüdiger Safranski, über Goethe, Lebensexperimente und den richtigen Umgang mit Widersachern.

          Herr Safranski, nach Lektüre Ihrer Biographie dürfen wir uns Goethe als glücklichen Menschen vorstellen. Sie bringen den Olympier nicht nur als Schriftsteller nah, sondern ebenso als Meister des Lebens. Haben Sie in Goethe von Anfang an einen Ratgeber gesehen?

          Rüdiger Safranski: Natürlich wissen wir, dass Goethe seine Probleme, Abgründe und Schwierigkeiten hatte. Aber das Faszinosum für mich war immer, dass man hier das Beispiel eines gelungenen Lebens hat, man sich fragt, wie ist das eigentlich möglich. Es gab gute Umstände, aber die hatten auch andere, die nichts daraus gemacht haben. Wie kommt es zu dieser Gelungenheit – das war meine Ausgangsfrage. Dabei schreibt man nie ganz ins Neue hinein, sondern wickelt eher aus, was man schon geahnt hat.

          Ihre Sicht ist nicht selbstverständlich. Thomas Mann etwa hat Goethe in „Lotte in Weimar“ ironisch und kühl gezeichnet. Und Goethe hat ja auch selbst ganz gern von seinem Lebensekel gesprochen. Was ist etwa von seiner Aussage zu halten, er sei in seinem ganzen Leben nur zwei Wochen lang glücklich gewesen?

          RS: Das ist eine dieser Äußerungen, wie Goethe sie gern getan hat, mit sardonischem Witz gegen umlaufende Meinungen gehalten. So muss man diesen Satz verstehen. Immerzu hieß es, Goethe sei ein Liebling der Götter, und hier wollte er sagen: von wegen! Goethe wusste sehr wohl, dass er das Beste aus den Gegebenheiten seines Lebens gemacht hat, eine Art Werk, ein gelungenes sogar. Aber es ist bisweilen gerade diese Gelungenheit, woran man sich stößt. Man will es lieber tragisch, scheiternd. Bei großen Gestalten folgt man gern dem Verdacht: Leichen pflastern seinen Weg. Da wird dann aufgezählt, welche Frauen unter ihm gelitten haben, die Lenz-Geschichte wird ausgebreitet, ebenso wie die Hölderlin- und die Kleist-Geschichte. Man fahndet eifrig nach Schuld, Verzweiflung, Misslingen. Man möchte Zuschauer sein beim Schiffbruch. In unserer demokratischen Gesellschaft tut man sich schwer mit dem Herausragenden, zumal dem nicht durch Tragik bestraften.

          Ist das vor allem Neid? Und sehen Sie darin etwas typisch Deutsches?

          RS: Sagen wir mal so: Wir lieben Größe vor allem, wenn sie tragisch daherkommt. Deswegen lieben wir Hölderlin, Kleist, Lenz oder Büchner. Alles zweifellos große Figuren, aber dass wir gerade sie so lieben, hängt auch mit der Lust an der Tragödie zusammen. Die Tragödie ist sozusagen eine Bestrafung der Größe.

          Steckt darin vielleicht eine romantische Idee des Unvollendeten?

          RS: Das wäre die freundliche Version, mein Gefühl aber ist, es soll eher darauf hinauslaufen: Warte nur, runter kommen sie immer...

          Herr Kehlmann, welches Verhältnis haben Sie als Schriftsteller zu Goethe?

          Daniel Kehlmann: Er hat die vollkommensten Beispiele für sprachliches Gelingen geschaffen, die es im Deutschen gibt. Ich glaube, man kann kein Autor deutscher Sprache sein, ohne ein Verhältnis zu haben zu dieser ungeheuerlichen Perfektion der Sprache.

          RS: Das sprachliche Gelingen hängt mit Goethes Wachheit zusammen. Für ihn galt: Liebe das Leben und nimm es in seinem Reichtum wahr, dann wird alles kostbar, und man schafft, was einem möglich ist. Diese Verbindung von Wachheit und Liebe zum Leben hat etwas atemberaubend Schönes, und darum hat es auch Freude gemacht, das Buch zu schreiben. Goethe ist ein Genie der Bejahung.

          DK: Während er selbst alles bejahen konnte, hat er mit Mephisto den überzeugendsten Verneiner der Literatur geschaffen. Er konnte sogar die Verneinung bejahen. Eigentlich eine Gemeinheit.

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