02.12.2005 · Unvorstellbar grausam ist das Geschehen, doch im Märchen vom „Machandelbaum“ liegt der Schlüssel zum Verständnis aller Kunst - der Macht der Musik, der Kraft der Bilder, der Magie des Films.
Es ist ein unschätzbares Glück, als Mädchen die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm, die noch von der Großmutter kamen, gelesen haben zu dürfen. Nicht ad usum delphini aufbereitet, sondern unzensiert gewissermaßen. Und die zauberischen Illustrationen Ludwig Richters bauen da ganz stark mit an einer Phantasiewelt.
Ehe freilich ein Märchen wie das vom „Machandelbaum“ Lieblingsmärchen werden kann, muß es Schreckensmärchen gewesen sein; denn unvorstellbar grausam ist das Geschehen - weil es nicht in der Welt von Riesen und Zwergen spielt, sondern in einer Familie.
Das enthauptete Brüderchen
Richter zeichnete in meinem Buch die Kiste, deren Deckel die Stiefmutter gerade zugeschlagen hat, so daß der Kopf des Jungen zwischen die roten Äpfel darin fällt; er zeichnete Marlene, das Schwesterchen, das über sein enthauptetes Stiefbrüderchen klagt. Dann geschehen diese Wunder aus Liebe, die nicht abgebildet sind, aber tausend innere Bilder generieren: Wie Marlenchen die Knochen des kleinen Bruders, den die Mutter gekocht und den der Vater verspeist hat, unter den Wacholderbaum legt.
Wie der Busch atmet und einen herrlichen Vogel hervorbringt; das Lied des Vogels erzählt alles: „Mein Mutter, der mich schlacht, / mein Vater, der mich aß, / mein Schwester der Marlenichen / sucht alle meine Benichen, / bindt sie in ein seiden Tuch, / legt's unter den Machandelbaum. / Kiwitt, kiwitt, wat vör'n schöön Vagel bün ik!“ Wo immer er erscheint, fordert der Bruder-Vogel für seinen wundersamen Gesang Lohn, vom Goldschmied, vom Schuster, von den Müllersgehilfen.
Ein schillernder singender Vogel, der endlich eine goldene Kette und ein Paar roter Schuhe in seinen Klauen hält und sich mit einem Mühlstein um den Hals in die Lüfte schwingt, um zu richten über Böse und Gute, hat die Wahrheit auf seiner Seite. In diesem wildesten der Grimmschen Märchen liegt der Schlüssel zum Verständnis aller Kunst - der Macht der Musik, der Kraft der Bilder, der Magie des Films. Es geschieht eine unerhörte Heilung. Der herrliche Vogel schwingt sich empor als ein Symbol der überwirklichen Erfahrung selbst, mit allen Sinnen.