19.07.2004 · In wundervoller Sprache, ohne jede herrische Attitüde und mit Behutsamkeit erzählt Freud das größte Märchen des zwanzigsten Jahrhunderts: das von der Entbergung des Sinns in der menschlichen Seele.
Ein Lieblingsbuch ist doch eine unwirtliche Insel. Es ist wie ein wundersamer dunkler Kontinent, der ein Leben lang an unerwarteten Stellen leuchtet. "Meine Damen und Herren!" - so beginnt jedes Kapitel in meinem Lieblingsbuch, dessen schlichter Titel "Vorlesungen" heißt.
Sigmund Freud hat seine "Einführung in die Psychoanalyse" in den Wintersemestern 1915/16 und 1916/17 gehalten, an der Wiener Universität "vor einer aus Ärzten und Laien und aus beiden Geschlechtern gemischten Zuhörerschaft", so sagt er es. Alle durften teilhaben, auch die Frauen, an seiner so lange Zeit akademisch unerhörten Botschaft. In wundervoller Sprache, mit herrlicher Rücksicht auf alle, die willens sind zu verstehen, ohne jede herrische Attitüde und mit Behutsamkeit erzählt Freud das größte Märchen des zwanzigsten Jahrhunderts: das nämlich von der Entbergung des Sinns in der menschlichen Seele.
Zu Diamant geschliffene Sprache
Da passieren sie Revue, die geheimen Maschinen des Lebens - die Fehlleistung und der Traum, das Symptom, die Angst, die Übertragung und, ach, das Begehren. Schriebe ich hier, wie sehr ich Theodor Fontanes Novelle "Schach von Wuthenow" liebe, würde ich hinzusetzen müssen, daß Freud den Weg zu dieser abgründigsten Meisterschaft Fontanes weist. Hat Freud doch selbst deutsche Literatur gesprochen, erlesene Prosa. Die "Neue Folge" der Vorlesungen dann aus dem Jahr 1933 entstammt gar nicht mehr dem mündlichen Vortrag. Aber Freud bleibt bei der Form des Dialogs mit seinen Zuhörern, seinen Lesern, auch im berühmten 33. Teil - dem Kapitel "Die Weiblichkeit": "Auch Sie werden sich von diesem Grübeln nicht ausgeschlossen haben, insofern Sie Männer sind; von den Frauen unter Ihnen erwartet man es nicht, Sie sind selbst dieses Rätsel."
Seither sind wir aus aller Gewöhnung und Sicherheit herausgefallen - beileibe nicht nur, was das Geschlechterverhältnis angeht. Ohne seine Kühnheit ist aller Widerstand nicht denkbar. Freuds Verstoßung des seiner selbst gewissen Ichs ist Menschenliebe, selbst seine Irrtümer sind zu Diamant geschliffene Sprache, steinhart und glänzend.