28.03.2008 · Hier möchte niemand seinen Tod erwarten / Von Daniel Brunner
Der Rest der Kulisse ist verschwunden: keine Felsgrotte, keine Wandmalereien aus der Steinzeit - nur eine öde Schlucht, deren nackte Wände vom Abendlicht in ein rötliches Gold getaucht werden. Hier also sind jene aufwühlenden Kinobilder des „Englischen Patienten“ entstanden, in denen Almasy die schwerverletzte Katherine nach ihrem Absturz zu einer Höhle trägt, sie liebevoll auf einen Fallschirm bettet und sich zu einem mehrtägigen Marsch durch die Wüste aufmacht, um Hilfe zu suchen.
Im Landrover dauert die Fahrt zur Schlucht von Sidi Bouhellal eine knappe halbe Stunde. Unmittelbar hinter der Oasenstadt Tozeur führt eine Sandpiste am Rand des legendären Schott el Djerid entlang, an dessen flimmerndem Nordrand sich eine kahle Bergkette erhebt. Von weitem schon sieht man darauf die weißen Kuppeln zweier Marabouts leuchten. Sie sind ein sonderbarer Reiz dieser Landschaft, diese weißgekalkten Heiligengräber mitten in einer menschenfeindlichen Gegend. Von gläubigen Moslems werden sie als Pilgerstätten verehrt. Der Beduine, der auf einem Felsen Wache hält, nimmt die Gruppe profaner Touristen reglos zur Kenntnis. Es muß ihn seltsam anmuten, wie sie in hektischer Neugier den Hügel erklimmen, ohne Pause an der Kapelle vorbeimarschieren und, ein paar Felsen weiter, im schattigen Spalt der Schlucht verschwinden.
„Sie werden sich wundern“, hatte Tahar zu Beginn der Reise vieldeutig und freundlich gesagt. Für den Jungunternehmer, der sein Geld mit geführten Jeeptouren rund um die Oasenstadt Tozeur verdient, ist „Der englische Patient“ nach dem Roman von Michael Ondaatje zum doppelten Glücksfall geworden. Vor zwei Jahren bereits begleitete er Anthony Minghella, den Regisseur, auf der Suche nach geeigneten Drehorten und führte ihn zu seinen Lieblingsplätzen in der Wüste. Während der Dreharbeiten dann, von Anfang Dezember 1995 bis Ende Januar des folgenden Jahres, waren seine Fahrer täglich im Einsatz, chauffierten die Filmcrew und die Schauspieler vom Hotel zum Set und wieder zurück. Jetzt, nachdem Hollywood den Film mit neun Oscars überschüttet hat, darf Tahar auf weitere gute Geschäfte hoffen. Für die Scharen interessierter Kinogänger, die künftig die Wunder der tunesischen Wüste auf Almasys Spuren entdecken wollen, hat er seinen kleinen Wagenpark bereits um ein paar Allradfahrzeuge vergrößert.
Die Schlucht von Sidi Bouhellal - ein wundersamer Ort
Die Schlucht von Sidi Bouhellal ist ein wundersamer Ort. Beim Anblick der nackten Steinwände bleibt es dem Temperament des Kinopilgers überlassen, ob er mehr den Canyon als magischen Drehplatz verehren soll oder trauern um die verschwundenen Kulissen. Von den fünf Drehplätzen rund um Tozeur, an denen Anthony Minghella filmte, war dieser mit Sicherheit der aufwendigste: Für die Schlüsselszene im Film wurde eine riesige Höhle aus Kunststoff in den kahlen Canyon gebaut. Und weil dieser nur zu Fuß erreichbar ist, wurde das Material vom Basiscamp aus mit fünfzig Mauleseln heraufgeschleppt. Gewiß wird hier mancher Besucher mit Ernüchterung nach Spuren der eindrücklichen Filmbauten Ausschau halten. Aber Wehmut ist fehl am Platz. Die schroffe Naturkulisse ist grandioser als jedes Filmset, die kahlen Felsen eindringlicher als jede Wandmalerei. Die Erde offenbart sich hier als unwirtlicher Planet, dessen Schönheit gleichzeitig Schrecken verbreitet. In der leuchtenden Wirklichkeit dieser Felswüste wird das Drama der Filmhelden erst richtig faßbar: Hier möchte niemand seinen Tod erwarten.
Der Film, der eigentlich in Ägypten spielt, erzählt die Geschichte von Graf Laszlo Almasy, der als Mitglied einer Gruppe britischer Geographen in den dreißiger Jahren die Sahara kartographiert. Dort trifft er auf den amerikanischen Piloten Clifton und verliebt sich in dessen Frau Katherine: eine Schicksalsbegegnung am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Weil das heutige Kairo dem Filmteam zu modern und die „Laurence-of-Arabia-Wüste“ zu verbraucht erschien, entschloß man sich, die Kulissen für den historischen Stoff in dem etwas rückständigeren Tunesien zu suchen.
Wunderbar sinnlicher Alltag
So wie man das alte Amerika durch seine Western-Filme sieht, so kann man nun das traditionelle Tunesien durch die Kinobilder des „Englischen Patienten“ entdecken: die arabische Architektur eines Innenhofes in Tunis, die mittelalterliche Atmosphäre eines Souks in Sfax, die einzigartig gelegenen Bergoasen von Mides und Tamerza, die flimmernde Hitze des Schott, das unendliche Meer der Saharadünen. Von allem ist in Minghellas Film etwas zu sehen. Die Spurensuche nach diesen erlesenen Breitwandbildern ist mehr als eine romantische Tour für Liebhaber des Films. Das Wunder der Kinobilderreise besteht darin, daß hinter den Kulissen des illusionären Ägypten authentische tunesische Landschaften zum Vorschein kommen, die man nicht nur sehen, sondern mit all seinen Sinnen erleben kann.
Der wunderbar sinnliche Alltag beginnt unmittelbar hinter der Hotelzone der Oasenstadt Tozeur. An Sonntagen herrscht zu Füßen des Minaretts das heitere Durcheinander eines Marktes; es riecht nach Weihrauch, Minze und Mittelalter. Schwarz verhüllte Frauen feilschen dort um silberne Halsketten oder streichen prüfend über die Klingen schwerer Hackebeile. Schafe werden zum Transport aufs Motorrad gesetzt und wie Kinder zwischen die Beine des Fahrers geklemmt; in der Markthalle türmen sich abgeschlagene Kamelköpfe. Die angrenzende Medina von Tozeur ist eine perfekte Altstadtkulisse. Die Besonderheit liegt in ihrer geschlossenen Architektur: Torbögen, Stadtmauern und Hauswände sind einheitlich aus sandfarbenen Lehmziegeln erbaut, deren Fassaden - durch das Vor-und Zurücksetzen einzelner Ziegel - reliefartige Muster ergeben. Je nach Sonnenstand ergeben sich daraus wunderbare Schattenspiele.
Tozeur ist alles andere als eine rückständige Oase: Es gibt eine gutausgebaute Straße Richtung Tunis, einen schnurgeraden Damm, der westwärts über den Schott el Djerid führt, sowie einen ansehnlichen Flughafen, dessen unübersehbare Wahrzeichen zwei Jumbos aus der Flotte von Saddam Hussein sind, die hier seit dem Golfkrieg unter Sicherheitsarrest stehen. Mehr als 20000 Menschen leben in der Stadt, 300.000 Dattelpalmen stehen hier, in deren Schatten fruchtbare Oasengärten gedeihen. In früheren Jahrhunderten war Tozeur eine wohlhabende Handelsstadt, von der aus die Karawanen aufbrachen, um durch die Sahara bis nach Schwarzafrika zu ziehen. Heute lebt man hier vorwiegend von der Landwirtschaft, insbesondere vom Ertrag der En-Nour-Datteln, die weltweit als eine der besten Sorten gelten.
Der Grundstein ist bereits gelegt
Immer bedeutsamer ist in den vergangenen Jahren aber auch das Geschäft mit dem Tourismus geworden. Bereits vor dem Eingang der Stadt locken Schilder am Straßenrand zum Besuch eines Tausendundeine-Nacht-Museums. Nahe dem Zentrum findet man einen Droschkenplatz, wo magere Pferde darauf warten, die Besucher zum Zoo oder hinaus zu den Oasengärten zu kutschieren. Und in der „Zone Touristique“ sind in kurzer Zeit ein halbes Dutzend luxuriöser Hotels entstanden, mit Swimmingpool, Blumengärten und plätschernden Springbrunnen. Mittelpunkt ist ohne Zweifel das im Stil eines maurischen Palastes erbaute Hotel Dar Cherait, dessen Besitzer gleichzeitig Bürgermeister der Stadt ist. Wenn es nach seinem Willen geht, wird Tozeur in naher Zukunft zum Mekka eines gehobenen Tunesien-Tourismus aufsteigen: Nicht nur prächtige Hotels sollen zahlungskräftige Gäste in die Wüste locken, auch Kasinos, Discotheken, Vergnügungsparks, eine Duty-free-Zone sowie eine Rennbahn, auf der Pferde und Kamele um die Wette laufen. Für die Bewässerung des exklusiven Golfplatzes, der demnächst in der Sandwüste ergrünen soll, will man das Brauchwasser der Kläranlage verwenden, die gerade gebaut wird. Die Vision hat ein amerikanisches Vorbild: Tozeur soll das Las Vegas von Nordafrika werden.
Den Grundstein hat der Bürgermeister bereits gelegt. Das „Dar Cherait“ ist nicht nur ein stilvolles Hotel. Die Anlage umfaßt zusätzlich auch eine Ladengalerie, ein volkskundliches Museum mit einem schönen Café und einen veritablen Märchenpark. Von Aladins Wunderlampe über Sindbads Adler bis hin zu Ali Babas Höhle werden darin die bekanntesten Szenen aus Tausendundeiner Nacht in Szene gesetzt - im Stil eines orientalischen Ablegers von Disney World. Rund 200000 Eintrittskarten hat man hier angeblich im vorigen Jahr verkauft - das entspricht etwa der Hälfte des berühmten Bardo-Museums in Tunis. Und unter Hochdruck wird bereits ein neues Amüsier-Projekt fertiggestellt: In diesem Herbst soll ein Historienpark eröffnet werden, der den Besuchern die Entwicklung des Homo Africanus vom Höhlenmenschen bis zu Bourgiba nahebringen soll.
Mehr als dreißig Grad im Schatten
Doch die Erfolgszahlen täuschen. Als Touristenort ergeht es Tozeur nicht besser als den übrigen Oasen in Tunesiens Süden: Sie sind allenfalls Ausflugsziel für Pauschalurlauber, die - von den Badeorten Sousse oder Djerba aus - einen kurzen Abstecher in die Wüste wagen. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Tozeur liegt bei anderthalb Tagen, in den Luxushotels stehen übers Jahr gerechnet drei von vier Zimmern leer. Die knapp zwei Monate, während deren Minghellas hundertköpfige Crew das Palm Beach Hotel zum Basislager machte, ist ein denkwürdiger Ausnahmezustand geblieben: So viel Devisen und Prestige in so kurzer Zeit wird wohl niemand mehr einem Hotel in Tozeur einbringen.
Es herrschen mehr als dreißig Grad im Schatten, als sich die Kinopilger von der Bergoase Tamerza aus aufmachen, um in zwei Stunden zur Ruinenstadt Mides zu wandern. Nach einer Viertelstunde bereits ist der kahle Sandplatz erreicht, an dem der Flugzeugabsturz gedreht wurde. Habib, der während der Dreharbeiten zum persönlichen Fahrer von Almasy-Darsteller Ralph Fiennes abgestellt war, hat daran eine lebhafte Erinnerung bewahrt. Um die Details der Szene möglichst naturalistisch wiederzugeben, spielt er sie kurzerhand nach - immerhin haben ihm seine darstellerischen Fähigkeiten damals eine kleine Rolle als singender Mann auf dem Jeepdach eingebracht. In geduckter Haltung rennt Habib zu dem Graben, in dem Almasy Zuflucht vor dem auf ihn zustürzenden Doppeldecker fand.
Und dann zeigt er auf eine Mulde im Sand und stellt - in rührender Ergriffenheit - eine Szene nach, in der Almasy den toten Piloten beerdigt und ihm ein Grab aus Steinen baut. Ein schönes Bild, voll Schwermut und Poesie - nur daß sich niemand daran erinnern kann, weil die Szene im Film gar nicht vorkommt. Wirklich nicht? Habib, der tunesische Augenzeuge, mag es nicht glauben und muß sich dennoch gefallen lassen, von deutschen Kinogängern eines Besseren belehrt zu werden. Was Wunder: Weder Habib noch Tahar haben den fertiggeschnittenen Film jemals gesehen. In Tunesien ist er gerade erst angelaufen, und auch das versprochene Videoband hat die beiden bisher nicht erreicht. Den Recorder wenigstens, auf dem sie sich die Kinofassung vielleicht einmal ansehen werden, hat ihnen Ralph Fiennes als Abschiedsgeschenk überlassen.
Auch Tahar drückt aufs Tempo
Es ist eine Urweltlandschaft von biblischer Schönheit, auf die man hier nahe der Grenze zu Algerien trifft. Steil führt der Weg über die feurigen Felsen eines Atlasausläufers, in der Ferne wird das Zeltlager einer Nomadenfamilie sichtbar, dann geht es auf einem schmalen Eselspfad hinunter zur Schlucht von Mides. Knietiefe Wassertümpel versperren den Zugang, und so entschließt sich die Gruppe, am steil ansteigenden Felsrand entlang bis aufs Hochplateau hinaufzuklettern. Von hier bietet sich ein überwältigender Blick auf Mides und den tiefen, terrassenartig ausgewaschenen Einschnitt des Canyons, über dem die Ruinenstadt liegt. Im Film ist dieses prächtige Panorama nur für ein paar Sekunden zu sehen: bei Almasys Ankunft nach seinem Dreitagemarsch durch die Wüste. Danach geht es in schnellen Schnitten dem tragischen Finale zu.
Auch Tahar drückt jetzt aufs Tempo, er liegt eine halbe Stunde hinter seinem Tagesplan. Zum Sonnenuntergang werden die Kinobilderstürmer in den Dünen erwartet. Über unzählige Kurven und Bodenwellen führt das nackte Asphaltband wieder hinunter in die Ebene. Die Landschaft bei Tozeur hat viele Gesichter: Es gibt schroff zerklüftete Berge und karge Sandsteppen, wo Schafherden und Kamele durcheinanderlaufen, auf der Suche nach einem Wasserloch oder ein paar Büscheln Gras; es gibt das endlos wogende Meer der Sanddünen, und es gibt die salzige Hitze des Schott, an dessen flimmerndem Horizont man einen Palmenhain zu sehen glaubt, eine Fata Morgana, die man als reale Luftspiegelung durchaus fotografisch festhalten kann.
Die wunderbare Vielfalt der tunesischen Wüste hat seit jeher die Filmemacher angelockt: Georg Lucas hat hier seinen utopischen „Krieg der Sterne“ gefilmt, Rossellini fand in den Bergoasen die passenden Kulissen, um das Leben des Messias zu drehen. Zur Zeit wird in Tozeur ein groß angelegter Historienfilm über Hannibal gedreht. Auf den zweiten Blick erscheint es nicht mehr ganz so rätselhaft, daß auch Anthony Minghella seinen Film zu einem Drittel in dieser Gegend gedreht hat: „Die glühenden Wüstenpanoramen im Schott, die nichts anderes zu sein schienen als ein endloser, grenzenloser Horizont, vermittelten ein Gefühl von ewigem Raum und Zeitlosigkeit“, gab der oscargekrönte Ausstatter Stuart Craig emphatisch zu Protokoll. „Indem wir dort drehten, konnten wir die phantastischen optischen Eindrücke ohne jegliche Spezialeffekte erhalten.“
Die lange Rüttelpiste hat einen offiziellen Namen
Die Sonne sinkt, es wird kühler über dem Schott. Kein Flecken Grün wächst auf dem salzverkrusteten Boden, der zur tückischen Falle werden kann, wenn man sich abseits der vorgegebenen Pfade begibt. Der Wagenkonvoi folgt einer Piste, den die Filmcrew eigens angelegt hat, um sicher zu den Dünen zu gelangen. Nach zwanzig Kilometer staubtrockener Waschbrettstraße wird der Boden allmählich weicher, die Steppe geht langsam in Sandwogen über. Eine davon hat die Gestalt eines liegenden Kamels, Oung Jemel. An dieser markanten Stelle war im Film das Zeltlager der Almasy-Expedition errichtet, wurde am Lagerfeuer gefeiert, trug Katherine die gleichnishafte Erzählung von Gyges und dem Gattenmord vor.
Ein paar Dünen weiter stehen wir an der Stelle, an der sich Almasys Jeep überschlug und Windmaschinen für einen illusionären Sandsturm sorgten. Nach Tahars Regieplan ist dies auch der Platz, an dem er das Finale für die Besuchergruppen inszeniert. Am Fuß eines rotglühenden Sandhügels hat sich ein Kellner im Livree aufgebaut und tut lächelnd Dienst in der Wüste: Zum Sonnenuntergang reicht er Cocktails vom Silbertablett. Was für wunderbar kuriose Bilder der Tourismus zuweilen hervorbringt. Unter einem funkelnden Sternenhimmel geht es zurück nach Tozeur. Seit den Dreharbeiten hat die vierzig Kilometer lange Rüttelpiste einen offiziellen Namen. Als ironische Reminiszenz an den amerikanischen Produzenten des „Englischen Patienten“ hat man sie „Saul Zaentz Imperial Highway“ getauft.
Literatur
Michael Ondaatje: „Der englische Patient“. Deutscher Taschenbuch Verlag 2007. 384 Seiten, br., 10,- Euro.