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Türkei - Istanbul Orhan Pamuk: „Das Museum der Unschuld“

 ·  Zeugenschutz für einen Roman / Von Hubert Spiegel

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Auch große Bücher haben kleine Kerne. Georg Büchner etwa bediente sich einiger Artikel und Gutachten aus „Henkes Zeitschrift für Staatsarzneikunde“, als er den „Woyzeck“ schrieb. Aber nicht immer lässt sich ein solches Kernchen später wieder aus dem Werkgehäuse herausschälen. Und wie mühsam muss es erst sein, einen ganzen Roman aus einem kleinen Kern herauswachsen zu lassen.

Ein Paar weißer Damenschuhe, ein Herrenfeuerzeug mit dem Bunny-Emblem des „Playboy“, eine Zigarettenschachtel, ein kleines Porzellanhündchen, Ohrclips, ein Abendhandtäschchen und ein halbes Dutzend Eau-de-Toilette-Flakons, deren vergilbte Etiketten sich aufbäumen, als wären sie ans Glas geschmiedet, von dem sie sich nun mit aller Kraft lösen wollen - was will ein Dichter damit anfangen?

Es ist ein buntes Sammelsurium, Krimskrams, wie man ihn in den Winkeln der Schränke alter Tanten findet oder in Windeseile auf jedem Flohmarkt zusammensuchen könnte. Aber es sind Dinge, die einmal einem Menschen gehört haben, womöglich zu ihm gehört haben wie seine Art, scheu und ironisch zu lächeln. Oder wie ihre Angewohnheit, demonstrativ zu Boden zu blicken, wann immer sie sich vernachlässigt fühlte, als könnte sie dort, im Staub zu ihren Füßen, bereits den Unglücklichen sehen, der er es gewagt hatte, sich ihr gegenüber unaufmerksam zu betragen. Weiß dieser Mensch denn nicht, dass eine schöne Frau tausend um ihretwillen begangene Kopflosigkeiten verzeihen kann, nicht aber die kleinste an ihr verübte Gedankenlosigkeit? Die Dinge wissen so etwas, und sie bewahren dieses Wissen auf, um es nie wieder preiszugeben. Deshalb können sie auch kein Eigenleben führen. Sie sind viel zu sehr mit uns beschäftigt, die wir sie längst verlassen haben. Es ist der Schlaf der Dinge, der Zauberworte gebiert. Aber man muss ein Dichter sein, um sie zu hören.

Am gefährlichsten Ort Instanbuls

Wer mit Orhan Pamuk in diesen Tagen durch die Straßen Istanbuls läuft, dem kann es passieren, dass er beim unbefangenen Blick auf ein Straßenschild plötzlich wie erstarrt stehenbleibt. Eben noch glitt das Auge über die Schaufenster der Antiquitätengeschäfte, obwohl das meiste vor den Türen auf der Straße steht: klapprige Stühle, alte Teppiche, ausladende Sessel, Küchen- und Wohnzimmerschränke, die alle denkbaren osmanisch-türkischen Spielarten des Gelsenkirchener Barock durchspielen. Ab und zu wird Pamuk von den Händlern freundlich gegrüßt, und dann könnte man meinen, es würde gleich ein Theaterpublikum auf den akkurat aufgereihten Stühlen Platz nehmen. Dann wieder sieht es aus, als hätten die heillos vollgestopften Geschäfte die Möbel in hohem Bogen ausgespien. Und während man noch überlegt, wie es den Händlern gelingen könnte, zehn Sessel, zwanzig Stühle und fünf Schränke abends wieder in ihren wohnzimmergroßen Lädchen zu verstauen, und ob nicht die Katzen, die jetzt dürr, träge und verschlagen im Staub dösen, es sich nachts in den Sesseln gemütlich machen werden, fällt plötzlich der Blick auf das Schild an der Straßenecke: Wir sind in der Cukurcuma-Straße! Das ist das tödliche Zentrum des roten Bereichs, denkt man, der gefährlichste Ort Istanbuls, jener Winkel, in den zu wagen sich Kemal so lange aufs strengste untersagt hatte. Und tatsächlich, das Straßenschild ist rot. Aber Orhan Pamuk, der unseren Blick bemerkt hat, geht weiter, als drohe keinerlei Gefahr. Er ist unterwegs zum Museum der Unschuld.

Südlich des berühmten Taksim-Platzes, zwischen Beyoglu und Cihangir, liegt das Cukurcuma-Viertel, und dort, wo die Cukurcuma-Straße die Dalgic-Gasse kreuzt, liegt das Haus, in dem die schöne Füsun mit ihren Eltern wohnte. Es wurde kurz nach dem verheerenden Erdbeben von 1894 gebaut, das halb Istanbul in Schutt und Asche legte, und diente lange einer christlichen Bankiersfamilie aus der Levante als Domizil. Fünf Jahre lang ist Orhan Pamuk Tag für Tag an dem Haus vorbeigekommen, als er seine Tochter zur Schule brachte. Und als er mit der Suche nach dem geeigneten Gebäude für das Museum der Unschuld begann, stand es plötzlich zum Verkauf. Das ist jetzt etliche Jahre her. Pamuk musste damals die Rechte an seinem Buch „Istanbul“ bei einer Bank als Sicherheit hinterlegen, um das Haus kaufen zu können, und man kann sich die Szene sehr schön ausmalen: ein damals keineswegs weltberühmter Schriftsteller, der Bankern erklärt, warum sie ein Buch, das noch nicht erschienen ist, als Sicherheit akzeptieren sollen, damit der Schriftsteller ein Haus kaufen kann, in dem er ein Museum einrichten will, dessen Geschichte er in einem Roman erzählen wird, von dem noch keine einzige Zeile auf dem Papier steht.

Das Monument einer großen Liebesgeschichte

Entweder sind Istanbuls Bankiers Hasardeure oder Literaturliebhaber oder beides, jedenfalls konnte Pamuk das Haus kaufen. Jetzt spielen hier Kinder aus der Nachbarschaft Bauarbeiter, heben bedächtig schwere Schaufeln, und ein kleiner Junge blickt besorgt über den Rand seiner großen Brille, als führe er gerade statische Berechnungen durch. Nebenan steht eines der selten gewordenen Holzhäuser, die aussehen, als stammten sie aus dem achtzehnten Jahrhundert, obwohl sie meistens nicht älter als fünfzig oder achtzig Jahre sind. Noch ist das graue Eckhaus eine einzige Baustelle, der Eingang und die Fenster sind mit Brettern verrammelt, drinnen kann man keinen Schritt tun, ohne über Werkzeug zu stolpern. Was hier entstehen soll, ist wohl einzigartig in der Geschichte der Weltliteratur: Es ist ein Museum, das genauso heißt wie der Roman, der beschreibt, wie und warum dieses Museum entsteht. Es ist das Haus zum Buch und das Monument einer großen Liebesgeschichte, der Liebesgeschichte zwischen Kemal und Füsun.

Vielleicht werden diese beiden einmal das berühmteste Liebespaar der modernen Türkei sein, aber noch ahnt niemand im Viertel, was es mit dieser Geschichte auf sich hat. Vermutlich wissen in ganz Istanbul nur wenige Menschen, dass Orhan Pamuk seiner Heimatstadt ein Museum bescheren will, und noch weniger dürften ahnen, dass es gut möglich ist, dass Pamuk der Türkei am Ende sehr viel mehr schenken wird als ein kleines Museum in der Cukurcuma-Straße, Ecke Dalgic-Gasse - sein neuer Roman „Das Museum der Unschuld“, der in wenigen Tagen gleichzeitig in der Türkei und in Deutschland erscheint, könnte der nächste große Klassiker der modernen türkischen Literatur werden, denn womöglich ist es das Buch, in dem die heutige Türkei sich in Stolz und Schönheit, Trauer und Schmerz, in süßer Leidenschaft und unendlicher Melancholie wiederzuerkennen vermag.

Kemal sieht das ganz anders

Die Frage, woher er die Idee übernommen habe, einen Roman zu schreiben und ein Museum zu bauen, das genauso heißt wie das Buch, lässt Orhan Pamuk erbeben. Er reißt die Augen auf, holt tief Luft und merkt im allerletzten Moment doch noch, dass er zum Besten gehalten werden soll. Denn natürlich ist dieses Vorhaben ohne Vorbild. Aber die Geschichte von Kemal und Füsun hat ihre Vorgeschichte in Pamuks Werk. Doch davon später.

Am 26. Mai des Jahres 1975, gegen Viertel vor drei, ereignet sich der glücklichste Moment im Leben von Kemal. Der verwöhnte Spross einer reichen Istanbuler Unternehmerfamilie ist dreißig Jahre alt, glücklich verlobt mit Sibel, einem schönen Mädchen aus gutem Hause, das seit elf Monaten mit ihm schäft. Der Verlobungstermin steht nur noch wenige Wochen bevor. Kemal liebt Sibel, beide sind jung, wohlhabend und sehen einer glücklichen Zukunft entgegen. Doch jetzt liegt Kemal mit Füsun im Bett, einer weitläufigen Verwandten, die er zufällig getroffen hatte, als er Sibel eine sündhaft teure Handtasche kaufen wollte. Füsun, gerade achtzehn geworden, arbeitet als Aushilfe in dem Geschäft. Später werden Kemals Freunde sagen, er habe sein Leben für eine kleine Verkäuferin ruiniert. Und muss man es nicht tatsächlich so sehen? „Ach“, ruft Orhan Pamuk aus, „der törichte Kemal, der arme alte Kemal, hat alles aufgegeben, alles verloren, sein ganzes Leben weggeworfen, und das alles für ein kleines Ladenmädchen! Ja, so reden alle. Aber Kemal sieht das ganz anders. Er macht etwas Einzigartiges aus seinem Leben. Und am Ende ist er ein stolzer Mann.“

Ein drohendes Versprechen

Aber bis dahin ist es ein weiter Weg, auf dem wir Kemal mehr als dreißig Jahre lang begleiten. Als Füsun die Liebschaft nach der Verlobung mit Sibel beendet, verliert Kemal vor Liebeskummer fast den Verstand. Monat um Monat kämpft er gegen die Sehnsucht an und markiert auf dem Stadplan sogar die Orte und Straßen der Stadt, die er unbedingt zu meiden hat, weil sie ihn zu sehr an Füsun erinnern. Das gilt vor allem natürlich für Füsuns Wohnung in der Cukurcuma-Straße und das Merhamet Apartmani, das Liebesnest, in dem sich das Paar immer in der Mittagspause getroffen hat. Als er die Geliebte ein Jahr nach ihrer Trennung endlich wiedersieht, hat Kemal die Verlobung mit Sibel gelöst und Füsun den dicklichen Feridun geheiratet, ihren früheren unansehnlichen Verehrer, der jetzt in der Filmbranche arbeitet. Nun vergehen weitere acht Jahre, in denen Kemal fast jeden Abend unter den aberwitzigsten Vorwänden Füsun und ihre Eltern zum Abendessen besucht: ein reicher, seltsamer Verwandter, der wie ein guter Onkel Füsuns Wunsch, Schauspielin zu werden, unterstützen will. Denn nur so kann er in Füsuns Nähe sein: Gemeinsam mit dem gutmütigen Feridun gründet er eine Filmfirma, die Füsun berühmt machen soll. In all diesen Jahren führt Kemal einen aussichtslosen, einen grausamen, einen demütigenden Kampf, der ihn an den Rand seiner Kräfte und fast bis in den Wahnsinn treibt. Denn Füsun bestraft ihn unbarmherzig dafür, dass er ihr die Unschuld geraubt hat, sich danach mit der betrogenen Sibel verlobte und dann den Wunschtraum hegte, er könne die reizende reiche Sibel heiraten und die noch bezauberndere arme Füsun als Geliebte behalten.

Dass Kemal beide Frauen gesellschaftlich kompromittiert, dass er sie entehrt und beiden selbst nach dem Verständnis der westlich orientierten, reichlich dekadenten Jeunesse dorée im Istanbul der siebziger Jahre die Ehe versprochen hat, als er mit ihnen ins Bett ging, kümmert Kemal wenig. Vor allem dafür lässt die stolze Füsun ihn leiden: Jahr um Jahr kettet sie ihn an sich, indem sie ihm Hoffnung macht, ihn ermuntert, zurückstößt, demütigt und dann wieder für seine Ausdauer zu bewundern scheint. Mehr als eine zufällige Berührung ihrer Hände wird ihm nicht gewährt. Aber Kemal hofft drauf, dass eines Tages die Ehe mit Feridun geschieden wird und er Füsun endlich heiraten kann. Aber was für ein Spiel treibt Füsun mit dem Mann, dem sie einmal gesagt hatte, er werde immer der einzige in ihrem Leben bleiben? Als sie es aussprach, klang es fast wie eine Drohung?

Der bemitleidenswerte Fetisch eines großen Liebhabers

Wann immer ihn Sehnsucht und Verzweiflung übermannen, verkriecht sich Kemal in der kleinen Wohnung im Merhamet Apartmani, die seiner Mutter als Abstellraum dient. Hier finden sich alte Hüte, abgetragen oder unmodern gewordene Kleider, unwillkommene Geschenke jeglicher Art. Vieles davon hat die neugierige Füsun in der Hand gehabt, die Tassen und Gläser, aus denen sie trank, tragen sogar noch die Überreste ihres Lippenstifts. Für Kemal aber sind all diese Dinge Zeugen der Liebe und Hingabe, die Füsun ihm einmal entgegenbrachte, wie sie jetzt Zeugen seines Schmerzes über den unermesslichen Verlust sind. Später, bei den zahllosen Fernsehabenden mit Füsun und ihren Eltern, wird Kemal immer wieder Kleinigkeiten stehlen, den Salzstreuer, eine Teetasse oder das Porzellanhündchen, das im Regal steht. Im Gerümpelrefugium des Merhamet Apartmani spendet ihm all das Trost: „Als ich diese Dinge, die Füsun berührt hatte und die dadurch zu Füsun geworden waren, in die Hand nahm und sie mir an den Hals hielt, an die Schultern, auf die nackte Brust, den Bauch, legten die darin angesammelten Erinnerungen sich tröstend über meine Seele.“ Ist Kemal ein großer Liebender oder ein bemitleidenswerter kleiner Fetischist? Wie auch immer, im Laufe der Jahre denkt er sich für die Gegenstände seiner Leidenschaft eine Art Zeugenschutzprogramm aus: das Museum der Unschuld. Kemal, der Fetischist, wird zu Kemal, dem Sammler, und der wird zu Kemal, dem Stifter, dem Begründer eines einzigartigen Museums.

Noch steht Kemals Sammlung in Orhan Pamuks Arbeitszimmer: Damenschuhe, Feuerzeuge, Streichholzschachteln, Lippenstifte. Vermutlich hat jedes Ding hier seine eigene reizvolle Geschichte: Was davon gehört zu Pamuks eigenem Leben, was hat er auf Flohmärkten gefunden, was gekauft, weil ein ähnlicher Gegenstand im Buch vorkommt, was hat nur den Weg in die Fiktion gefunden, weil die Dingmagie, die von ihm ausging, den Dichter fasziniert hat? „Das habe ich von einer Künstlerin anfertigen lassen“, sagt Orhan Pamuk und hebt ein Holzstäbchen in die Höhe, auf dem die Nachbildungen frittierter Muscheln aufgespießt sind, wie sie Füsun gern bei Straßenverkäufern gegessen hat. Was hier zwischen Büchern im Regal, auf dem Fußboden, in allen Zimmern und einer weiteren Wohnung verteilt ist, stellt eine Sammlung zur Alltagskultur der Türkei der siebziger und achtziger Jahre dar, einer Zeit relativ großer Liberalität, in der gleichwohl die alten Werte nicht außer Kraft gesetzt waren.

Viel mehr als eine untergegangene Alltagskultur

Nicht nur bei Kemal und Füsun, auch bei Sibel, den anderen jungen Frauen und ihren Freunden und Begleitern ist oft von Stolz und Ehre die Rede, vom Gesichtsverlust, vom Wert der Jungfräulichkeit und von der Schande, sie zu verlieren - will Pamuk mit seinem neuen Roman seinen Landsleuten eine Lektion in Fragen von Stolz und Ehre erteilen? „In der Türkei braucht man meine Belehrungen in diesen Fragen nicht“, sagt Pamuk lachend. Außerdem gehe es nicht um Stolz und Ehre in seinem Roman. Kemal wolle doch vor allem Sex und Liebe - erst Sex, dann, später, als er Füsun verloren hat, vor allem Liebe.

Aber hat nicht auch die Idee des Museums sehr viel mit Stolz und Ehre zu tun? Museen, hatte Pamuk zuvor im Gespräch gesagt und dabei abwechselnd auf seine Bücherregale und die „Queen Victoria“ geblickt, die keine dreihundert Meter Luftlinie entfernt von seiner Terrasse entfernt am Hafenkai liegt, „Museen sind eine Erfindung des Westens, geboren aus dem Stolz auf die eigene Kultur“. Aber im künftigen Museum der Unschuld wird erstmals eine Sammlung türkischer Alltagskultur zu sehen sein, und im Roman gewinnt Kemal seine Selbstachtung zurück, indem er sich zum Sammler und Museumsgründer entwickelt. Was dem Besucher aus Deutschland wie ein Widerspruch erscheint, lässt Orhan Pamuk milde lächeln. Dann springt er auf und hält eine Taschenuhr auf der flachen Hand. Sie hat zwei verschiedene Zifferblätter, eines europäisch, das andere arabisch. „Sehen Sie diese Uhr? Das bin ich“, sagt Orhan Pamuk, und in dieser Sekunde kommt dem Besucher ein Gedanke: Vielleicht ist die Unschuld, um die es Orhan Pamuk mit seinem einzigartigen Doppelprojekt geht, unlösbar an jene Zeit vor etwa dreißig Jahren geknüpft, in der viele junge Menschen in der Türkei meinten, sie könnten und wollten genauso sein wie ihre Altersgenossen im Westen. Dann bewahrt das Museum viel mehr als nur die Objekte einer untergegangenen Alltagskultur.

Und im Kern steckt doch ein Fünkchen Wahrheit

„Seit ich denken kann“, schrieb Orhan Pamuk in seinem 2003 erschienenen Buch „Istanbul“, „ist die Stadt von Armut gekennzeichnet, von Untröstlichkeit über den Verfall des Reiches, von der Melancholie, die von den Überresten aus großer Zeit ausgeht. So bin ich von jeher damit beschäftigt, diese Melancholie zu bekämpfen oder mich dann doch, wie alle Istanbuler, ihr endlich hinzugeben.“ Mit seiner ersten großen Liebe, die er in seinem Erinnerungsbuch „Schwarze Rose“ nennt, traf sich der junge Orhan in einem leerstehenden Appartement, in dem seine Mutter überflüssige alte Sachen abgestellt hatten. Dort steht ihm das Mädchen Modell, und dort lernen sie Liebe und Schwermut kennen, denn alles fliegt auf, und am Ende steckt die Familie das Mädchen in ein Schweizer Internat.

Große Bücher haben viele Kerne. Aber wenn Orhan Pamuk noch irgendetwas aus dieser Zeit besitzt, vielleicht ein Teeglas, dessen Rand sich noch immer an die süßen Lippen und den kleinen Mund der Schwarzen Rose erinnern kann, als sei er gestern davon berührt worden, dann werden wir dieses Glas eines Tages im Museum der Unschuld sehen und uns an die Zauberworte erinnern, die sein Schlaf geboren hat.

Literatur

Orhan Pamuk: „Das Museum der Unschuld“. Hanser Belletristik Verlag 2008. 576 S., geb., 24,90 Euro.

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