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Tschechien - Prag Milos Urban: „Die Rache der Baumeister“

Der Prager Fenstermurks / Von Sabine Brandt

© AP Vergrößern Der Wenzelsplatz im Jahr 1938: In der ehemals „steinernen Stadt” Prag stehen heute zahlreiche Plattenbauten aus der kommunistischen Ära

Einen „Kriminalroman aus Prag“ offeriert uns der Untertitel, was noch vor dem ersten Leseblick die Erwartung weckt, nicht nur Täter und Häscher seien hier zugange, sondern auch die tschechische Hauptstadt spiele eine Romanrolle. Das wäre noch zu wenig gesagt, denn Prag lebt und webt derartig intensiv in dieser Kriminalgeschichte, daß jeder, der sich in der Stadt nicht auskennt, einen Lesenachteil erleidet. Der Verlag hat dem prophylaktisch abzuhelfen versucht, indem er den Romantext mit Karten von Prag und Umgebung einrahmte. Doch reichen die nicht aus, das intime Verhältnis von Autor und Handlungsort ohne Verwirrung zu verarbeiten. Der bemühte Leser tut gut daran, sich auch noch mit Hilfe eines soliden Lexikons schlau zu machen.

Prag also wird uns nicht einfach als das serviert, was wir als Touristen wahrnehmen können. Vielmehr begegnen wir einem Lebewesen aus Stein, das zwar von Menschen geschaffen wurde, sich aber, wenigstens teilweise, von seinen Schöpfern emanzipiert und ein Eigenleben entwickelt hat. Nichtsdestoweniger teilen Stadt und Städter einen gemeinsamen Blutkreislauf, nur wird dieser mal von der einen, mal von der anderen Seite majorisiert; man könnte sagen, daß die beiden Teile des Ganzen einander abwechselnd vergewaltigen. Ein verbissener Kampf findet statt, und der liefert Hintergrund und Stoff für den Kriminalfall, um den es geht.

Der Romanautor Milos Urban, Jahrgang 1967, ist sozusagen ein Kind des Prager Frühlings und ein Erbe der tschechischen Moderne nach der Wende. In seinem Buch aber taucht er oft in die Welt der Vorväter ein, bisweilen tief hinein ins Mittelalter. Er schildert uns Prag als eine Stadt der Kirchen, die stellvertretend für eine längst vergangene Lebensart stehen. Neben den Kirchen klotzen die Plattenbauten der kommunistischen Ära, häßlich und vom Verfall angenagt. Zwischen dem, was die Kirchen, und dem, was die Plattenungeheuer repräsentieren, herrscht Feindschaft, und diese Feindschaft findet ihre menschlichen Exekutoren.

Prag Alter Marktplatz © AP Vergrößern Prag - die Stadt der Kirchen: Die Tyn-Kirche prägt das Prager Stadtbild am Altstädter Ring

Der Held - ein Spielball fremder Kräfte

Damit wären wir bei der Personage der Geschichte; ein Roman kann schließlich nicht nur von Bauwerken leben. Urban bietet uns einen Ich-Erzähler namens Kvetoslav Svach, der zunächst dadurch auffällt, daß er sich hartnäckig schämt, so zu heißen. Warum, fragt der Nichtkenner des Tschechischen und wird leider nicht vom Buch, beispielsweise durch eine Anmerkung, belehrt, sondern muß Nachfrage bei Kundigen halten. Die Auskunft: Kvetoslav ist ein sehr unmoderner Vorname, und Svach erinnert jeden gebildeten Tschechen an das deutsche Wort schwach. Wie auch immer, beides stimmt zu unserem Helden, der sich dauernd als Spielball fremder Kräfte erweist und fast krankhaft der Vergangenheit zugeneigt ist.

Kvetoslav macht uns mit sämtlichen anderen Personen bekannt, wobei er uns mit seinen Schilderungen zuweilen überfordert. Nicht nur, weil die Romanfiguren so zahlreich, sondern vor allem, weil sie so abstrus sind und Kvetoslav uns lange warten läßt, bevor wir erfahren, was jeweils mit ihnen nicht stimmt. Da ist zum Beispiel der Polizeioberst Naphta, aus dessen Ohren rätselhafte schwarze Krankheitsströme quellen. Oder die Polizistin Rosetta, eine mal fette, mal magere Schönheit, die ständig in absurden Situationen auf schwer erklärliche Weise auftaucht. Oder der merkwürdige Ritter Gmünd von Lübeck, aus tschechischem, deutschem und skandinavischem Blut, der durch Prag gespenstert und alle Behörden lenken kann, zum Teil seines Reichtums, zum Teil seiner magischen Ausstrahlung wegen. Beim geheimnisvollen Werk hilft ihm sein Adlatus Prunslik, ein krüppliger, boshafter Zwerg. Und neben den Genannten noch unzählige andere Erscheinungen aus allen Schichten Prags, die im Geschehen so häufig kommen und verschwinden, daß es Mühe bereitet, sich ihre Namen und ihre Rollen zu merken.

Keiner wird bestraft

Wo aber bleibt das Kriminalistische? Nun, es meldet sich sehr bald und macht uns bis zur letzten Seite schaudern. Seltsame Untaten reihen sich aneinander: Eine alte Frau baumelt erhängt an einer Brücke; zwei junge Männer liegen, bestialisch hingeschlachtet, auf der Straße; ein Schwerverletzter pendelt bewußtlos als Klöppel in einer Glocke; und so weiter und so fort. Zuweilen scheint es, als spazierten Edgar Allan Poe und Franz Kafka Arm in Arm durch das Prag des späten zwanzigsten Jahrhunderts und verschleierten die Stadt mit ihren Phantasien. Doch der Eindruck hält nie lange, denn im Gegensatz zu den verewigten Kollegen erreicht Autor Urban in seinen Horrorszenarien nirgends die herzbeklemmende Selbstverständlichkeit, mit der das Entsetzliche sich als Bestandteil des Alltäglichen offenbart.

Kvetoslav, vom tiefohrigen Polizeiobersten als Hilfspolizist und von Gmünd als Berater verpflichtet, braucht fast das ganze Buch, um aller Rätsel Lösung zu finden; nämlich: Sämtliche Mordopfer sind oder waren irgendwie schuld an der modernen Schändung der alten Stadt. Ritter Gmünd erweist sich als Rächer der Vormoderne, desgleichen sein Gnom Prunslik. Rosetta, von gesundheitsschädlichen Materialien im Plattenbau um ihre Fruchtbarkeit und von Bulimie-Anfällen um ihre Figur gebracht, handelt auf Gmünds Seite. Sie alle und andere mehr agieren als Terroristen im Interesse der, so glauben sie, besseren Vergangenheit gegen die Sachwalter des zwanzigsten Jahrhunderts.

Und sie siegen. Keiner wird für die fürchterlichen Bluttaten bestraft. Am Ende finden wir im Herzen des gegenwärtigen Prag, im Umkreis von sieben altertümlichen Kirchen, eine Exklave der selbsternannten Gerechten, ein wiedererstandenes Mittelalter in Reinkultur, und Held Kvetoslav lebt mittendrin. Was will uns dieses Ende sagen? Daß die Zeit der Gotik moralischer und humaner war als die der Plattenbauten und der Autostraßen? Oder daß man die eine Epoche ebenso tadeln muß wie jede andere, weil alle ohne Ausnahme Menschlichkeitsbeglücker hervorbringen, die eigentlich nur selbstverliebte Gewalttäter sind? Der Autor beantwortet die Frage nicht, der Roman läßt uns ratlos zurück.

Literatur

Milos Urban: „Die Rache der Baumeister. Ein Kriminalroman aus Prag“. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová und Beate Smandek. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2001. 380 S., geb., 19,90 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.03.2002, Nr. 56 / Seite 44

 
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Veröffentlicht: 24.03.1998, 12:00 Uhr