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Tadschikistan Andrej Wolos: „Churramobod“

27.03.2008 ·  Vom Töten des Drachentöters / Von Tilman Spreckelsen

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Schon als der russische Chemiker Makuschin aus dem Flugzeug steigt und tadschikischen Boden betritt, ist er dem Land auf rätselhafte Weise verfallen. Er gibt alles auf, was ihn mit seiner Heimat in Moskau verbindet, und schlägt sich als Gehilfe eines Pastetenbäckers durch. Die Sprache des Gastlandes lernt er schnell, seinen Namen ändert er nach tadschikischem Muster, äußerlich ist er von den Einheimischen nicht mehr zu unterscheiden.

Und dennoch erfüllt sich sein sehnlichster Wunsch nicht: Seine tadschikischen Nachbarn betrachten ihn nicht als einen der ihren, als dem Land zugehörig. Dies ändert sich erst am Ende des Buches, als Makuschin im Bürgerkrieg zwischen zwei rivalisierende Lager gerät und umgebracht wird, weil ihn die eine Stammesgruppe für ein Mitglied der anderen hält: „Einen Moment packte ihn das Leid, dennoch starb er glücklich - seine Zugehörigkeit hatte Anerkennung gefunden.“

Die Geschichte Makuschins wird unter dem Titel „Zugehörig“ im fünften Kapitel eines Romans erzählt, der zu den Glücksfällen der russischen Gegenwartsliteratur zählt. „Churramobod - Stadt der Freude“ nennt Andrej Wolos sein Buch, das er mit der einleuchtenden Gattungsbezeichnung „Roman in punktierter Linie“ versehen hat: Die zwölf Kapitel, die im Umfeld der fiktiven tadschikischen Stadt Churramobod spielen, sind einzelne Erzählungen, die unter verschiedenen Perspektiven und mit jeweils neuen Protagonisten die Geschichte der letzten Jahre russischer Einflussnahme in Tadschikistan erzählen - das Ende der Sowjetunion, die Unruhen in den Nachbarstaaten, der mörderische Bürgerkrieg, der seit 1992 in dem Land tobt und erst in jüngster Zeit einem fragilen Frieden gewichen ist.

Kein verkapptes Geschichtsbuch

In seiner Einleitung umreißt Wolos die Situation, auf der sein Roman aufbaut: „Von der Sowjetmacht gerufen, waren die Russen Ende der zwanziger Jahre hierhergekommen, um Kraftwerke zu errichten, feinfaserige Baumwolle anzubauen, Menschen medizinisch zu behandeln, Uran und Gold zu fördern, Posten in Parteikomitees zu bekleiden und als Verbannte Kanäle zu graben. In jüngster Vergangenheit strömten sie zurück in die alte Heimat und gaben, vertrieben durch Krieg und Hunger, dieses einzigartige Land Tadschikistan für immer auf.“

Die Russen, die im Mittelpunkt der Erzählungen stehen, erfahren ihre Fremdheit auf jeweils unterschiedliche Weise, fremd aber bleiben sie immer. Sie haben Privilegien, die den Tadschiken nicht zustehen, einige mühen sich um ein Verständnis der Sprache und Literatur des Gastlandes, um immer wieder zu scheitern. Andere kommen im Netz der Stammesfehden zu Fall, viele werden in Pogromen hingemetzelt, weil sie Russen sind oder man sie dafür halten will. Das letzte Kapitel des Romans schildert das Schicksal einiger Russen, die ins Land ihrer Herkunft heimgekehrt sind und dort wiederum als Fremde gelten.

Doch der Roman ist, bei aller Hinwendung zur Zeitgeschichte, kein verkapptes Geschichtsbuch, auch kein Propagandawerk im Dienste russischer Interessen, das die ehemaligen Besatzer als hilflose Opfer zeichnet. Wolos vermeidet Analysen oder Erklärungen. Er spricht von Einzelnen, beschränkt die Erzählperspektiven auf das Erleben weniger Augenzeugen und erschafft dadurch, nimmt man die zwölf Kapitel zusammen, eine ungemein lebendige und vielschichtige Atmosphäre: Das ist die hitzeflirrende Stadt Churramobod, das Treiben auf den Marktplätzen, in den kleinen Gassen oder der Behausung tadschikischer Hirten an der Peripherie der Metropole - die ungewöhnlich dichten und unverbrauchten Beschreibungen atmen in jedem Wort die tiefe Verbundenheit des 1955 in der tadschikischen Hauptstadt geborenen Autors mit dem Land seiner Kindheit.

Vorzügliche Worterklärungen und Anmerkungen

Die Ereignisse, die dem Bürgerkrieg vorangehen, und der Krieg selbst brechen über Russen und Tadschiken wie eine Naturkatastrophe herein, ohne Erklärung und fast ohne Vorwarnung. Das Hin und Her der paramilitärischen Koalitionen lässt Wolos konsequent unerörtert, so dass für den Anhang der deutsche Ausgabe des Romans neben den vorzüglichen Worterklärungen und Anmerkungen noch ein kurzer Abriss der Ereignisgeschichte Tadschikistans in den letzten zehn Jahren hilfreich gewesen wäre, ebenso wie eine Karte des Landes.

Doch man wird das Buch selbst dann mit wachsender Spannung lesen, wenn man zuvor nicht das geringste Interesse für das zentralasiatische Land aufbringen konnte. Denn Wolos entwirft in seinem Roman eine Anatomie der Gewalt, eine literarische Studie über das langsame Anschwellen einer kollektiven und ziellosen Aggression, die in den ersten Kapiteln noch weit entfernt, kaum glaubhaft und nur wenig beunruhigend, am Ende aber als alles beherrschende und verdüsternde Macht erscheint.

Ein verhaltenes Epos der Gewalttätigkeit

Hier erweist sich, wie sinnvoll die durchgängig eingenommene, dabei vielfach gebrochene Froschperspektive der Erzählungen ist, indem die allgegenwärtige Gewalt umso nachdrücklicher auf den Leser wirkt, je intensiver die unmittelbaren Auswirkungen auf den Einzelnen geschildert werden. Dabei ist das Erstaunliche, wie Wolos, der grelle Töne und erzwungene Schockeffekte vermeidet, dennoch ein verhaltenes Epos der Gewalttätigkeit erschafft, das beim Lesen stellenweise kaum zu ertragen ist und zum Vergleich auffordert mit den Berichten von Vertreibungen auch aus europäischen Regionen.

Für die Gewalt in Tadschikistan jedenfalls findet der Lyriker Nuriddin, dessen Geschichte im vierten Kapitel erzählt wird, eine Erklärung: In jedem Menschen wohne ein „Ashdar“, ein Drache, der den Menschen mit seinem Hass von innen auffrisst: „Wie kann der Mensch gut sein, wenn der Drache sein Herz in Stücke reißt?“ Daher, so meint Nuriddin weise, muss jeder Mensch nur den inneren Drachen töten, und alles wird gut. „Ja“, antwortet Nuriddins Bruder, der Kraftfahrer Bahrom, düster, „töte den Drachen in dir. Und während du dabei bist, ihn zu töten, kommen Leute und stechen dich ab.“

Literatur

Andrej Wolos: „Churramobod“. Stadt der Freude. Roman. Aus dem Russischen übersetzt von Alfred Frank. Berlin Verlag, Berlin 2000. 395 S., geb., 19,90 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.05.2000, Feuilleton, S. 12
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