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Südostasien - Myanmar / Burma George Orwell: „Tage in Burma“

13.09.2007 ·  Ein Traum für die Ewigkeit / Von Andreas Obst

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Im vorderen Teil der Lounge der „Road To Mandalay“ stehen drei Trimmgeräte. Ein Stepper, ein Laufband und ein Fahrrad. Während man in die Pedale tritt, sieht man durch die Fenster auf den trägen Lauf des Flusses. An diesem Morgen schlagen fingerkuppendicke Regentropfen an die Scheiben. Himmel und Wasser sind zur graubraunen Masse verschmolzen, aus dem Grün des dichten Urwalds an beiden Ufern schimmert es bisweilen golden. Keine Ansicht gebe es im ganzen Land ohne Pagode, heißt es.

Myanmar, wie die Militärmachthaber den größten Staat Südostasiens im Rückgriff auf vorkoloniale Zeiten nennen, ist ein frommes, fremdes Land, über das die übrige Welt nicht viel weiß. Jahrzehntelang wehrte Myanmar alle Einflüsse von außen ab. Dort zu reisen, hat bis heute Expeditionscharakter, das macht den Reiz aus.

Komfortabler auf Expedition gehen als mit der „Road To Mandalay“ kann man nicht. Die Exerzitien auf den Trimmgeräten im Salon sind die einzigen Anstrengungen, die das Bordleben bereithält. Seit zehn Jahren fährt das ehemalige Rheinschiff für die amerikanische Orient-Express-Gruppe auf dem Ayeyarwady, der ewigen Lebensader Myanmars. Üblicherweise ist das Schiff zwischen Mandalay, der ehemaligen Königsstadt in der Mitte des Landes, und Bagan im Einsatz, wo sich am Ufer des Flusses ein grandioses Pagodenfeld erstreckt. Zwischen Mandalay und Bagan verläuft die Hauptroute des Myanmar-Tourismus, der immer noch ganz am Anfang steht. Die „Road To Mandalay“ ist das ideale Medium der Annäherung. Ein schwimmendes Hotel, eingerichtet mit asiatischem Geschmack und westlichem Komfort. Die Passage bietet exzellente Vollpension, geräumige Kabinen und wunderbare Ausblicke auf die Flußlandschaft vom Sonnendeck, das sogar mit einem kleinen Swimmingpool aufwartet. Auf den Landgängen werden die Gäste von mehrsprachigen Reiseleitern geführt, bei der Rückkehr aus der schwülen Hitze mit gekühlten Erfrischungstüchern empfangen.

Ein schwimmendes Hotel

Dreimal im Jahr bricht das Schiff aus dem selbstgesponnenen Kokon aus. Dann fährt es mit fünfzig Gästen an Bord vier Tage lang den Ayeyarwady hinauf bis in die Nähe der chinesischen Grenze - so weit, wie der Fluß für ein Schiff dieser Größe überhaupt und nur in der Regenzeit befahrbar ist. Drei Tage lang geht es zurück nach Mandalay und von dort nach Bagan. Es ist eine gemächliche Fahrt mit zahlreichen Aufenthalten unterwegs. In einem Dorf am Ufer schaut man Töpfern bei der Arbeit zu, in einem Dschungelcamp Elefanten beim Baumstämmerollen. Man schlendert über Märkte, besichtigt auf einer winzigen Insel eine erstaunlich große Klosteranlage und trinkt nach dem Aufstieg über endlose Treppenstufen eine Tasse Tee in einem Meditationszentrum.

Bhamo, die letzte größere Siedlung vor der Grenze und Scheitelpunkt der langen Flußreise, ist eine Kleinstadt, die widerhallt vom Dröhnen kleiner Traktoren - die robusten Fahrzeuge sind dort das wichtigste Verkehrsmittel. In den Auslagen der Geschäfte stapeln sich grellbunte Plastikwaren aus China, am Rande der Stadt stehen zwei Pagoden, und an einer Kreuzung schlammiger Straßen im Zentrum ragt der Betonklotz des „Friendship Hotels“ auf, das auch Touristen beherbergen darf - eine Seltenheit im Landesinneren von Myanmar, wohin es wegen mannigfaltiger Reisevorschriften der Militärregierung nur wenige Fremde unbeaufsichtigt schaffen. Die Gäste der „Road To Mandalay“ kehren nach einem Spaziergang durch den Nieselregen lieber auf das Schiff zurück.

Plötzliche Untiefen

Die Attraktionen unterwegs sind also eher bescheiden, zumeist reicht tatsächlich die Stunde Landaufenthalt, die das straff organisierte Reiseprogramm der „Road To Mandalay“ vorsieht. Überwacht wird es von einem elfköpfigen Team, dessen Mitglieder rote Pullover mit der Aufschrift „Logistics“ tragen. Einige von ihnen fahren mit einem Motorboot voraus, um den Kapitän der „Road To Mandalay“ auf Treibholz, plötzliche Untiefen und Strudel aufmerksam zu machen, andere begleiten das Schiff am Ufer mit geländegängigen Fahrzeugen. Wenn die Passagiere in geordneten Formationen Landausflüge unternehmen, halten sich die Logistiker dezent, aber unübersehbar im Hintergrund.

Der Zauber dieser Reise entfaltet sich wie ein Parfüm auf erhitzter Haut. Es ist die Erfahrung des völlig Fremden, sobald man sich aus der Vertrautheit des Schiffs löst. Als würde man in einen Traum reisen, in dem man sich immer besser zurechtfindet und aus dem man nicht mehr erwachen möchte. Den Traum inspirieren die Begegnungen mit den Menschen an Land. Das Miteinander besteht zunächst nur aus scheuen Blicken hin und her. Dann kommt ein Lächeln hier dazu, eine Geste dort. Die Reisenden und die Einheimischen am Fluß haben keine gemeinsame Sprache. Sie haben überhaupt nichts gemeinsam. Und doch gibt es die jähe Erkenntnis des Gleichen im Unterschiedlichen. Diese Anmutung war noch nirgendwo so gegenwärtig wie auf dieser Reise.

Klebrig heiße Luft in den Straßen

Erst seit fünf Jahren fährt die „Road To Mandalay“ überhaupt in den Norden, nach Oberburma, wie man in englischen Kolonialzeiten sagte, in jenen Teil des Landes, den George Orwell 1934 zum Schauplatz des Romans „Tage in Burma“ wählte. In den zwanziger Jahren war Orwell als Polizeioffizier in Katha am Ufer des Ayeyarwady stationiert, im Roman wurde aus Katha das Städtchen Kyauktada, doch die Wirklichkeit beschrieb Orwell, wie er sie empfand: die Arroganz der Kolonialherren, die Durchtriebenheit einheimischer Kollaborateure, die Hilflosigkeit der Bevölkerung - Existenzen in einem Ort unendlich weit entfernt von allem anderswo.

Katha sieht immer noch genauso aus wie Kyauktada. Es ist, als hielte die klebrig heiße Luft in den Straßen das Leben im Würgegriff. Eigenartige Stille liegt über der Stadt. Es gibt keine Autos und nur wenige Mopeds, die Menschen bewegen sich fast lautlos durch die Hitze. Wer lange genug sucht, findet die Stätten aus Orwells Roman. Den englischen Club mit dem Tennisplatz, den Markt, die Polizeistation, den Bahnhof. Am Ortsrand ragen aus wucherndem Gras die Fachwerkstrukturen der ehemaligen Kolonialvillen in unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Die Reisegesellschaft von der „Road To Mandalay“ schlendert durch die Straßen, ohne Ziel und ohne Hast. Aus dem Nichts erscheinen die roten T-Shirts mit der Aufschrift „Logistics“. Zeit, auf das Schiff zurückzukehren. Eine halbe Stunde später setzt sich die „Road To Mandalay“ auf dem Fluß in Bewegung. Sie wird erst im nächsten Jahr wiederkehren.

Literatur

George Orwell: „Tage in Burma“. Diogenes Verlag 1982. 321 S., br., 10,90 Euro.

Auf dem Ayeyarwady

Die „Road To Mandalay“ fährt im kommenden Sommer dreimal von Mandalay nach Bhamo, am 8. und 22. August sowie am 5. September. Das Arrangement mit Flügen ab und bis Bangkok, einer Übernachtung in Yangon und elf Nächten auf dem Schiff kostet ab 2350 Euro.

Im Juli und von Ende September an ist die „Road To Mandalay“ auf ihrer üblichen Strecke auf dem Ayeyarwady zwischen Mandalay und Bagan im Einsatz. Arrangements ab/bis Bangkok für fünf, sechs oder neun Nächte kosten ab 2085 Euro. Informationen: Venice Simplon-Orient-Express Deutschland, Sachsenring 85, 50677 Köln, Telefon: 02 21/33 80 30 0, im Internet: www.orient-express.com.

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