27.03.2008 · Ein überdimensionaler Andenkenladen / Von Eckhart Nickel
Obwohl das Buch unmißverständlich warnt, man solle eines nicht tun, „nämlich das Unerklärliche erklären“, muß es gleich am Anfang gesagt werden: Vladimir Nabokov gelingt es, wie zu erwarten war. Das Unerklärliche, das ist die Schweiz, und obwohl ich bei der ersten Lektüre von „Durchsichtige Dinge“ die Schweiz nur aus der Perspektive einer adoleszenten Nachtschnellzugfahrt im Liegewagen kannte, war mir sofort klar: Dieses Land verlangt viele Besuche, weit mehr als die vier, die ihm der Held des Buches, Hugh Person, abstattet, um einen derart luziden Roman aus ihm zu destillieren.
Man reise mit ihm ins Land und stelle fest: Wer den ersten Kanton betritt, befindet sich, wie der Held gleich zu Beginn des Romans, im Bann eines überdimensionalen Andenkenladens und ist „von der zufälligen Übereinstimmung von Symbolen gepeinigt“. Die Schweiz dürstet danach, durchschaut zu werden oder, besser gesagt: ihr gelingt es, sich selbst ohne Widerrede dem Besucher als Rätsel aufzugeben, das gelöst werden will.
Was bedeutet die Schweiz? Wer in der Lage ist, die durchsichtigen Dinge, wie das gleichnamige Buch, zu lesen, ist im Besitz einer Fähigkeit, die Nabokov im Buch, und das darf ohne Abzug des Literaturvergnügens verraten werden, nur den Toten zugesteht.
Eines bleibt vorbehalten
Sie sehen in den geschnitzten Resten eines gespitzten Bleistifts in der Schublade eines Hotelzimmers in der Schweiz nicht nur die ganze Geschichte des Holzes, für sie schwingt darin selbst noch der Besuch eines russischen Großschriftstellers in ebendiesem Zimmer mit. Womit als erzählerische Pointe diskret verraten wird, daß es im Leben allein die Schriftsteller mit der Allwissenheit des Todes aufnehmen können.
Nur eines bleibt auch ihnen vorbehalten wie dem Helden des Buches: das Vermögen, sich mit Hilfe der Erkenntnis die Frauen zu erschließen, besser gesagt, die Frau. Denn Armande Chamar, die Geliebte von Hugh Person, ist wie die Schweiz: kühl, hübsch, unwiderstehlich und dabei von einem perfiden Irrsinn getrieben, der es ihm nicht erlaubt, über sie hinwegzukommen, ein unbezwingbares Gebirgsmassiv, an dem er letztendlich nur scheitern kann. Na dann, gute Reise.
Literatur
Vladimir Nabokov: „Durchsichtige Dinge“. Rowohlt Tb. Verlag 1986. 155 S., br., 4,90 Euro.