29.05.2008 · Lieber Herr Mehdorn, bitte reagieren Sie! / Von Elsemarie Maletzke
Selbst wenn es jemals einen Mord im Orient-Express gegeben hätte, Bruno Ongaro würde ihn nicht erwähnen. Die Diskretion fährt immer mit: Venedig-Bozen-Brenner-Innsbruck-Zürich-Paris-Calais und zurück. Das Anstößigste, was dem Steward von Schlafwagen 3553 jemals entgegenkam, war ein Paar Handschellen, als er den aufgeplatzten Koffer eines älteren englischen Ehepaars in die Gepäckablage wuchten wollte.
Bruno Ongaro aus Venedig, seit zwanzig Jahren im Dienst der Compagnie Internationale des Wagon Lits, wunderte sich. Für Spiele mit Handschellen oder gar einen Mord nach Art von Agatha Christie gibt es besser geeignete Orte als den Venice Simplon-Orient-Express. Seine Kabinen aus schimmerndem blonden Holz sind so entzückend wie hellhörig. Wer sein zerknittertes Kleid auf den Bügel hängt und mit dem feuchten Handtuch striegelt, muss sich von seinem Nachbarn schon fragen lassen, was er da treibe. Aber die Phantasie fährt natürlich auch immer mit. Wo könnte man hier einen Menschen anketten? An der Gepäckablage? Am Wasserhahn? Am Fuß der Tischlampe mit dem himbeerroten Schirm?
Die Japaner seien schwieriger
Die Briten sind sonst Bruno Ongaros unauffälligste Gäste, „ein bisschen heilig, die Leute“, sagt er und meint vermutlich jenseits von Gut und Böse. Viele gönnen sich die einunddreißig Stunden dauernde Reise von Venedig nach London zum wiederholten Male und sind mit den Gepflogenheiten an Bord vertraut. Den dunkelblauen Zug mit dem Löwenwappen besteigt keiner in Jeans und Turnschuhen, und dem Herrn, der versuchen sollte, zum Dinner ohne Jackett in den Speisewagen einzudringen, wird der befrackte Chef de Service ein passendes Kleidungsstück reichen.
Die Japaner seien etwas schwieriger, sagt Bruno, besonders wenn sie wieder einmal darauf bestünden, alle zusammen zu frühstücken, was leider nicht geht, da das Frühstück am Platz serviert wird und nicht einmal achtzehn Japaner - das wäre die volle Besetzung von Wagen 3553 - in ein Abteil passen. Es ist für zwei gedacht, aber schon ein Mensch kann es vollständig ausfüllen.
Ein schwellendes, wie ein Perserteppich gemustertes Sofa mit zwei Armstützen und zwei Kopfpolstern unter weißen Spitzenbezügen nimmt eine Breitseite ein. Für die Nacht wird Bruno zwei zentnerschwere Teile herumklappen und daraus ein Bett bauen, den Kimono mit dem aufgestickten VSOE-Logo auf den Bügel hängen, einen kleinen weißen Frotteeläufer ausbreiten und die blauen Pantoffeln bereitstellen, denn zur Toilette muss sich der Gast noch selbst bequemen. Am Kopfende sind ein Nachtlicht und ein Klingelknopf eingelassen. Hinter der gewölbten Doppeltür neben dem Fenster verbirgt sich ein kleines Waschkabinett.
Von frevelhaftem Übermut beschwingt
Das Champagnerglas, das der Steward uns zur Abfahrt reicht, hat einen extra schweren Fuß, denn wir werden ja nicht im ICE durch die Gegend huschen, sondern in einer Antiquität mit hundertvierzig Stundenkilometer Spitze über die Alpen wanken. Nehmen wir also ein Blatt des chamoisfarbenen Briefpapiers, das in einer Mappe hinter der Lampe steckt, und setzen die Feder an: Lieber Herr Mehdorn, bieten Sie uns mal Vergleichbares!
Die Reise hatte morgens um elf in Venedig begonnen, mit dem Vaporetto zur St. Lucia Station am Canal Grande. Der Express ist auf Gleis 1 eingefahren. An jeder Wagentür wartet ein Steward in blauer Uniform und weißen Handschuhen, der die Platzkarte prüft und die Kabine zuweist. Der Passagier, der das Reisen mit eigenem Sofa noch nicht kennt, fühlt sich sogleich von frevelhaftem Übermut beschwingt, hängt sich ungeachtet des mehrsprachigen Verbots - Do not lean out . . . Ne pas se pencher en dehors - È pericoloso sporgersi - aus dem Fenster, als der Zug aus dem Bahnhof gleitet, und streckt die Nase in den Lagunenwind.
Kurz darauf, in Mestre, bleibt der VSO-Express schon wieder stehen. Am Bahnsteig gegenüber hält ein Regionalzug; auf dem Fensterplatz sitzt ein Mann und mampft etwas aus einer Papiertüte, eine schauerliche Angewohnheit, der man selbst gelegentlich nachgibt und von nun an für alle Zeit entsagen wird. Stattdessen möchte man auf neue Art geschmacklos werden und grüßend seinen Champagnerkelch erheben: Ein wenig Neid, Signor, wenn ich bitten darf! So wirkt eine Überdosis Luxus auf Leute, die sonst zweiter Klasse fahren.
Höhepunkt in den dreißiger Jahren
Der kontinentale Orient-Express, heute Venice Simplon-Orient-Express, und der British Pullman sind seit hundertfünfundzwanzig Jahren Inbegriff für das Reisen vom Feinsten. Die Hauptroute führte von London nach Paris und weiter über die Schweiz nach Venedig und Istanbul. Andere Strecken verliefen von Berlin nach Neapel, Riga oder Bukarest, von Ostende nach Warschau, von Madrid nach Lissabon, von Istanbul über Aleppo nach Beirut und Kairo.
Der Schick des Bahnreisens erreichte in den dreißiger Jahren seinen Höhepunkt. Ab London verkehrte sogar eine Eisenbahnfähre, die den Nachtzug von England nach Frankreich trug, ein Service, der, wie man liest, gern von Edward VIII. genutzt wurde, um seine Geliebte, Mrs. Simpson, in Paris zu besuchen. Die Durchschlafverbindung wurde 1980 eingestellt, was heute jeder Passagier, der in Calais seine Plüschhöhle verlassen muss, um per Bus durch den Tunnel geschoben zu werden, nur als Abstieg interpretieren kann.
Angeblich genügen die mokka- und vanillefarbenen englischen Pullman-Wagen, mit denen wir von Folkstone nach London weiterreisen, kontinentalen Sicherheitsbestimmungen nicht. Versöhnt wird der Pullman-Passagier mit einem üppigen Nachmittagstee samt Scones, Himbeergelee und Clotted Cream, während der Zug über die Hafenbrücke und aus der Stadt zockelt. Der Fahrgast, den schon wieder nach dem Neid seiner Zeitgenossen verlangt, fängt die Blicke eines Trupps junger Train Spotter auf, die am Bahndamm entlangstreichen. Sie strafen ihn grinsend mit dem ausgestreckten Mittelfinger, entschließen sich dann doch zu einem Winken. Gentlemen. Nicht die schlechteste Geste für den Schluss der Reise. Später. Denn da sind wir noch lange nicht angekommen.
Mit einem Wagen wollte Hitler nach England fahren
Für den Orient-Express kam im Mai 1977 der Abpfiff. Die stolze Mobilie war auf vier schäbige Wagen zusammengeschrumpft, und die Passagiere mussten sich für die Reise von Paris nach Istanbul selbst verproviantieren. Noch im selben Jahr ersteigerte der Brite James Sherwood, Präsident der Sea Containers Group zwei der alten Luxuswaggons. Es war der Beginn einer wunderbaren Restaurierung, in die Sherman elf Millionen Pfund steckte. Er sammelte in ganz Europa ausgemusterte und schrottreife Wagen, die als Truppentransporter, Bordell oder Gartenhaus dienten.
Ein Salonwagen stammte aus dem Zug, mit dem Hitler nach seinem Sieg in England einfahren wollte. In einem anderen war König Carol von Rumänien 1940 mit seiner Geliebten Magda Lupescu aus Bukarest getürmt. Zwei Salonwagen und Schlafwagen 3452, in denen das Familiensilber und Magdas Koffer voll Fremdwährung verstaut waren, wurden an den Orient-Express nach Westen gekoppelt. In Jugoslawien beschossen Partisanen den Zug, aber König Carol kam durch. Hinter dem Simplon-Tunnel erwartete ihn die gastfreundliche Schweiz.
Wie frisch vom Friseur
Was von den Wagen zu retten war, wurde ausgebaut, aufpoliert, nachgebaut. Kein Teil fällt aus dem Zeitrahmen von Jugendstil und Art déco. Unter ihrer Schellackpolitur schimmern die Intarsien: Feuerlilien, Vögel, Blumengirlanden. Alle Knäufe und Gepäckablagen sind aus eitel Chrom. Die Glas-Paneele im Speisewagen und die tulpenförmigen Lampenschirme hat René Lalique 1929 entworfen. Siebzig Jahre später sieht der Express wieder aus, als käme er frisch vom Friseur.
Die Krönung wäre eine vulkanische Dampflokomotive, aber dafür sei der Zug zu schwer, hört man, vierhundert Meter lang, siebzehn Waggons, davon drei Speisewagen und ein Barwagen mit Konzertflügel. (Wie das Instrument da hineingekommen ist, bleibt ein Geheimnis.) Dennoch weht ein unverkennbarer Eisenbahngeruch durch den Express, und der rührt von den Waggon-Heizungen. Alle paar Stunden zieht Bruno Ongaro seine weißen Handschuhe aus, öffnet den Bunker links der Wagentür und schippt Kohlen in den Feuerschlund rechts der Tür.
Der Venice Simplon-Orient-Express rauscht durch die Po-Ebene, und bald kommen die graublauen Füße der italienischen Dolomiten in Sicht mit einem weißen Sahne-Sprutz auf den Gipfeln. Im Barwagen trifft man sich zum Aperitif. Nicht nur die Gläser brauchen schwere Füße. Auch die Fahrgäste müssen sich stabilisieren. Das höfliche Herumeiern - oops, sorry - bitte nach Ihnen - keine Ursache - bringt bei allen zumindest zwei Tagesreisen lang die besten Seiten zum Vorschein.
„Ich habe es im Blut“
Kontakt wird unvermeidlich. So mit Jean Philippe Noat, Besitzer eines IT-Unternehmens in Monaco, der seiner englischen Frau Sara die Reise zum Geburtstag geschenkt hat, hin und zurück eine Angelegenheit von 6320 Euro, ohne Wein. „Seit die Concorde nicht mehr fliegt, ist das Reisen eine solche Plage geworden“, seufzt Madame. „Diese entwürdigenden Sicherheitskontrollen auf den Flughäfen!“ Monsieur Noat, der sich die roten Wangen eines Knaben erhalten hat, der unbedingt Lokführer werden will, „sammelt Luxuszüge“ weltweit. „Ich habe es im Blut. Schon mein Vater hatte das Eisenbahnfieber.“ In der internetfreien Zone des Venice Simplon gönnt er sich eine lange Denkpause, die er nur unterbricht, wenn die Lok umgespannt wird und er zum Fotografieren auf den Bahnsteig springt.
Um halb acht passiert der Zug St. Anton am Arlberg. Das Dinner wird serviert, während es draußen für ein paar Sekunden schneit: Gänseleber mit grünem Spargel; Lammfilet mit Artischockenböden in Koriandersauce; Käse; Schokoladengebäck mit Sechuan-Pfeffer-Eiscreme. Alles ist à la minute zubereitet; in der Küche gibt es weder Mikrowelle noch fettspritzende Fritteuse. Leider sind die Zuschauer gegangen; nur die Berge und die nächtliche Verdüsterung spiegeln die Köstlichkeit.
Es geschah in Schlafwagen 3553
Im Jahr 1934 war in Agatha Christies Krimi der Orient-Express im Taurus-Gebirge eingeschneit. Hercule Poirot sah sich mit einem Fahrgast konfrontiert, der in seinem Bett von zwölf Messerstichen durchbohrt worden war, und einem Zug voller Verdächtiger. Es geschah in Schlafwagen 3553. Auf den alten Filmbildern sind das Blumenmuster der Gepäckablage und die Lilien-Intarsien an den Wänden zu erkennen.
Umso lieber schlüpft man heute dort ins gemachte Bett. Sicher eingenistet, durchfliegt der Reisende die Lichtgewitter nächtlicher Bahnhöfe, die Pfiffe und das Tosen entgegenkommender Züge, den großen Wusch wie von einer aufspringenden Gasflamme, wenn der Express in den Tunnel jagt, und er beneidet sich selbst am heftigsten.
Mitten in der Nacht werden in Zürich die Frühstücksbrötchen zugeladen, und um sieben, wenn die Vorhangblenden hochschnappen und rosig durchsonnter Dunst im Gesträuch hängt, ist er schon fast in Paris. Auf dem Gare de l'Est stehen die Paletten mit frischem Hummer für den Imbiss auf der letzten Etappe nach Calais; schnelle Geschäftigkeit. Der Chef de Cuisine legt selbst Hand an die Kartonstapel, die im Küchenwagen verschwinden. Monsieur Noat mit seiner Kamera steht auf dem Bahnsteig und fotografiert. „Wie haben Sie geschlafen, Monsieur?“ - „Wie im Himmel.“ - Gut so. Es sind noch achteinhalb Stunden bis London.
Literatur
Agatha Christie: „Mord im Orientexpress“. Fischer Tb. Verlag 2006. 256 S., br., 7,95 Euro.