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Nordatlantik - Island „Njals-Saga. Die Saga von Njal und dem Mordbrand“

 ·  Auch Thorkel war ein sehr tüchtiger und weiser Mann / Von Dirk Schümer

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„Ulf hieß ein Mann“: Für einen Roman ist das ein merkwürdiger, doch gar kein schlechter Anfang. Nüchtern und ohne Umwege geht es hier um Menschen. Fast alle Isländersagas fangen so an: „Önund hieß ein Mann.“ Oder: „Kjetil Flatnef hieß ein Mann, ein Sohn des Björn Buna.“ Diese merkwürdigen Texte handeln von nichts anderem als von Männern und Frauen, ihren Beziehungen zueinander, ihren Streitigkeiten, ihren Reisen um die halbe Welt.

Mit einem Mann fängt es an, mit einem anderen hört es - manchmal über hundert Jahre und mehrere hundert Seiten später - wieder auf, ebenso unspektakulär, wie es begonnen hat: „Thorkel, der Sohn des Gellir, war ein sehr tüchtiger Mann, und man sagte ihm außerordentliche Weisheit nach.“ Schluß. Nicht ohne Grund hat man die Sagas, diese „realistischen Prosaromane“ des isländischen Mittelalters, mit der kühlen Erzählkunst der Moderne verglichen. Die scheinbar emotionslosen Beschreibungen von Mord und Totschlag könnten einen Hemingway inspiriert haben, die eiskalten Familienpsychodramen in manchen Passagen von Faulkner stammen.

Ohne jede Frömmelei und Phantasielandschaften?

Können solche Erzählungen nahezu ohne metaphysische Anrufungen, ohne jede Frömmelei und Phantasielandschaften tatsächlich zur selben Zeit entstanden sein wie die Ritterromane Mitteleuropas mit ihren Märchenschlössern, Drachen und mythischen Helden? Gab es zur Zeit der Kathedralen und Scholastiker wirklich Autoren, die das Christentum bestenfalls als sozialhistorische Privatsache kannten und ganz nüchtern mit den Praktiken des germanischen Götterglaubens verglichen? Für die Literatur- und Mentalitätsgeschichte stellen die Isländersagas bis heute eines der größten Rätsel der Weltliteratur dar.

Wir wissen noch nicht einmal, wer umfangreiche Werke wie die „Njáls-Saga“ oder die „Laxdoela-Saga“ geschrieben hat. Genauso schleierhaft bleibt, warum solche virtuosen Seelengemälde ausgerechnet auf dieser abgelegenen, dünn besiedelten und klimatisch harten Insel im Nordatlantik verfaßt wurden. Die ganze Frühgeschichte Skandinaviens hat man hier überliefert, im Norwegen und Schweden derselben Epoche hingegen kaum etwas zu Pergament gebracht. Wer steckte hinter der Idee, die Schicksale von lange gestorbenen Ahnen mit korrekten Zeit- und Ortsangaben, mit Hunderten von Nebenfiguren und exakt bilanzierten Strafrechtsprozessen, Fehden und Liebeshändeln aufzuschreiben wie ein moderner Buchhalter?

Sie wirken mindestens wie Skeptiker

Für den russischen Mentalitätshistoriker Aaron J. Gurjewitsch widerlegen die Sagas so ziemlich alles, was wir mit der Kenntnis der religiösen oder ritterlichen Texte Mitteleuropas über die Menschen des Mittelalters zu glauben wußten. Die Leute der Isländersagas gleichen keineswegs den ängstlichen, abergläubigen, traditionsbewußten, orthodoxen, irrationalen Kollektivmenschen, die uns Kunst, Philosophie und Literatur des Hochmittelalters vorstellen. Die Isländer sind Typen, Originale, bieten uns die ganze Charakterpalette vom Großmaul und Feigling bis zum depressiven Schlagetot. Sie sagen kein Wort zuviel, durchmessen zuweilen mit trockenem Humor einen detailliert bekannten Lebensraum zwischen Berg und See, haben mit Umwelt und Krankheit zu kämpfen.

Und sie wirken, was Jenseits und Erlösung betrifft, mindestens wie Skeptiker, wenn nicht wie Agnostiker. Ein Held wie der mißgestaltete Dickkopf Egil, der seine Widersacher brutal hinschlachtet, aber unglaublich sensible Gedichte über den Tod seines Sohnes schreibt und dabei vor Schmerz fast umkommt, würde heute in jeder Gemeinschaft als kaum zu bändigendes Individuum erscheinen. Und Gudrun, die aus rasender Eifersucht ihre große Liebe Kjartan umbringen läßt, danach jedoch intrigant ebenso dafür sorgt, daß alle Täter aus dem Wege geräumt werden, und schließlich als melancholische Einsiedlerin stirbt, wirkt mindestens so diabolisch, abgründig und zugleich leidenschaftlich wie eine Medea, Lady Macbeth oder Alexis Carrington aus dem „Denver-Clan“.

Eine unwirtliche Insel von der Größe Süddeutschlands

Solche verdächtig modernen, tief gebrochenen Helden hat man in Deutschland lange als urgermanische Kraftmeier verklärt, hat ihre Sagas als Protokolle des einfachen Wikingerlebens mißverstanden oder sogar eine verquere Rassentheorie des unspekulativen „nordischen“ Naturmenschen daran aufgehängt. Die gegenwärtig besten Experten - wie der Münchener Germanist Kurt Schier - versuchen gegen alle Mythisierungen die Texte sozialhistorisch zu verorten und durch ihre Entstehungsbedingungen den Absichten dieser rätselhaften Texte auf die Spur zu kommen.

Island, eine unwirtliche Insel von der Größe ganz Süddeutschlands, wurde um 870 von Nordmännern angesteuert, die sich hier niederließen. Zu der Zeit lebten hier wohl einige irische Eremiten, deren keltische Kultur jedoch keine Spuren hinterlassen hat. Die ersten Siedler entstammten fast alle dem heidnischen Norwegen und blieben jahrhundertelang mit dem Mutterland in regelmäßigem Seeverkehr verbunden. Nachdem sich nach 980 isländische Siedler auf Grönland und in Neufundland niedergelassen hatten, umspannte die Kultur dieser isoliert siedelnden Eismeerbauern die halbe Nordhalbkugel. Stolz versicherten sich die Isländer später im „Landnamábók“ (Chronik der Besiedlung) ihrer Wurzeln. Auch die Sagas handeln fast ausschließlich von dieser historischen Epoche nach der Einwanderung bis nach der Annahme des Christentums zur Jahrtausendwende.

Isländisches Nationalheiligtum

Die Gesellschaft der Isländer war einzigartig. Es gab weder Dörfer noch Städte, nur Eigenhöfe, auf denen bis zu einige Dutzend Menschen mehr oder weniger autark, im Winter in totaler Isolation hausten. Kirchengemeinden gab es keine, der Geistliche gehörte als eine Art Angestellter zum Eigenbauern und hatte nie viel zu sagen - was vielleicht die mangelnde Frömmigkeit der Sagas erklärt. In einer Einöde Westislands hat man den Hof Stöng rekonstruiert, der 1104 beim Ausbruch des Vulkans Hekla verschüttet wurde und dadurch wenigstens in den Grundrissen erhalten blieb. Rundum gegen die Kälte mit Torf und Moos bekleidet, schmiegte sich das Langhaus an einen windgeschützten Berghang. Eine bis zum Dachstuhl offene Halle bot Schlafplätze und Sitze, auf denen gegessen, getrunken, geliebt und erzählt wurde. Zwei Nebenräume dienten als Küche mit großen Molkebottichen für die Lagerung des Fleischs sowie als Abtritt. Eine heiße Quelle, wie sie auf Island keine Seltenheit ist, stellte oft den Badeplatz.

Seit 930 trafen sich die größten Hofbauern einmal im Jahr zum „Allthing“, einer Art Inselparlament, wo alle Verwandten ihre Torfhütten bezogen und der Gesetzessprecher regelmäßig die verbindlichen sozialen Regeln vorlas. In dieser Fluß- und Seeniederung Südwestislands, die bis heute isländisches Nationalheiligtum ist, wurden Geschäfte und Eheschließungen verabredet, und man versuchte, die blutigen Streitigkeiten beizulegen, was beileibe nicht immer gelang. Dann zogen die Männer wieder in ihre Behausungen, oft Hunderte Kilometer weiter an einem einsamen Fjord, wo bereits im September wieder der Winter begann.

Kenntnis von Ritterromanen und frommen Chroniken

Es war ein Gemeinwesen, so Kurt Schier, „zu dem es in Europa überhaupt nichts Vergleichbares gab, ein Staat ohne König oder Fürst, ohne Lehnsleute und ohne Ministerialen, ohne Verwaltungsapparat, ohne Exekutive, aber nicht ohne Recht“. Saßen dann die Wikinger am Winterfeuer und zeichneten getreu die Lebensgeschichten ihrer kämpferischen Sippe auf? Die Lage ist sehr viel komplizierter. Zwar handeln die meisten Sagas von Ereignissen zwischen 900 und 1050, das läßt sich aus Erwähnungen norwegischer Könige oder der Missionierung erschließen.

Doch aufgeschrieben wurden die großen Sagatexte erst um und nach 1200, als die Insel schon lange christianisiert war, Mönche und Geistliche und damit auch die Schrift kennengelernt hatte. Es gab Bischofssitze mit Domschule in Skálholt und Hólar, und manche mächtigen Gerichtsherren ließen hier oder in Klöstern ihre Söhne literarisch ausbilden. Es gab zwar kaum Ausländer auf der Insel, doch über Manuskripte hatte man Kenntnis von der literarischen Welt Mitteleuropas, von Ritterromanen und frommen Chroniken. Die ältesten erhaltenen Texte auf isländisch bilden solche übersetzte Importware, Psalterien und Bearbeitungen, und keineswegs eigene Abenteuer.

Die kleine, doch ungemein kreative Gruppe der Saga-Autoren wurde vom isländischen Literaturwissenschaftler Sigurdur Nordahl in detektivischem Indizienbeweis am Benediktinerkloster Thingeyar in Nordisland festgemacht. Dort muß um das Jahr 1200 bei einigen studierten und weitgereisten Geistlichen die Einsicht gekeimt sein, selber als Chronisten tätig zu werden. Zuerst verfaßte man Sagas norwegischer Könige, eine Art Geschichte des Mutterlands. Doch dann übertrug man das Muster auf die eigene Inselhistorie, fixierte schriftlich die Sagen von Gründervätern und mythischen Originalen, deren Taten bisher - immerhin über zweihundert Jahre - allerhöchstens mündlich überliefert worden waren. Isländersagas sind also in vielem dem historischen Roman vergleichbar: Man orientierte sich an bekannten Personen vergangener Zeit und faßte die Überlieferung in möglichst spannender, doch zugleich glaubwürdiger Prosa neu zusammen.

Man dichtete im Abendrot einer uralten Tradition

Die berühmtesten Gedichte, die authentischen Skaldenverse dieser Helden, waren allerdings ziemlich exakt weitergegeben worden und wurden nun wie historische Quellen in den Sagatext gerückt. Damit sind uns nun wirklich zahlreiche, hochkomplizierte Verse aus vorchristlicher Wikingerzeit überliefert, die lange vor dem Prosatext der Saga entstanden. An dieser Skaldenlyrik überrascht der Spaß an Verrätselung, der kaum einen bedeutungstragenden Gegenstand direkt beim Namen nennt, sondern den Gehalt des Textes einzig durch Umschreibungen, sogenannte „Kenningar“, transportiert. Die kultivierten, an Klosterschulen erzogenen Autoren im Island um 1200 belieferten also eine Leserschaft von Kennern und literarischen Feinschmeckern.

Man dichtete im Abendrot einer uralten Tradition; kommende Generationen aber drohten die kunstvollen Versgebäude kaum noch zu verstehen. Offenbar im bewußten Gegensatz zur schwierigen Skaldenlyrik schrieb man dann mit der Objektivität und Selbstlosigkeit von Historikern die nüchterne Saga drumherum. Der berühmteste Isländer jener kreativen Jahre, Snorri Sturluson, war ein mächtiger Gerichtsherr, Politiker und Christ, der aber als gebildeter Mann um den Verfall der Skaldendichtung fürchtete. In einer Verslehre, einer Art Handbuch für Dichter, schrieb er die wichtigsten Stoffe und Metaphern der isländischen Überlieferung auf. Dieses Buch wurde unter dem Namen „Prosa-Edda“ zu einer der wichtigsten Quellen der germanischen Götterwelt, für Richard Wagner wie für heutige Jugendbücher. Vieles von dem, was wir von Wotan und seiner Götterfamilie, von der Midgardschlange und dem schlauen Loki, wissen, hat ein redlicher Christ und Historist auf einem isländischen Bauernhof aufgezeichnet, damit die heimische Dichtkunst ihre Themen nicht einbüße.

Mit guten philologischen Gründen und gestützt auf eine Computeranalyse des Wortschatzes, hält man Snorri heute für den Autor der Egils-Saga, einer der umfangreichsten und bemerkenswertesten isländischen Prosaromane. Der skurrile Haudrauf Egil, von dessen Abenteuern in Norwegen und dessen Altersgrillen der Text handelt, war Stammvater von Snorris Sippe, doch als Saga-Autor hielt sich der Autor streng mit eigenen Kommentaren zurück, gab seine Identität nicht preis. Offenbar gehörte es zu den ausgefuchsten Stilmitteln dieses Genres, noch die absurdesten Abenteuergeschichten mit der Nüchternheit eines Gerichtsprotokollanten wiederzugeben. Noch heute kennt jeder in Island den Hügel, wo der fast erblindete Egil seinen zusammengeraubten Silberschatz versteckte. Ganz mißgünstiger und lebensneidischer Greis, zieht der Alte abends mit zwei Sklaven und seiner Schatzkiste ins Gelände und wird morgens umherirrend gefunden. Nachdem sie das Geld versteckt hatten, so muß der Leser folgern, hat der böse Egil die Sklaven erschlagen. Den Schatz hat man bis heute nicht gefunden.

Bei allem Realismus kennen die Sagas auch das Übersinnliche

Solche illusionslosen Einblicke in die Schlechtigkeit des menschlichen Wesens machen viel von der Faszination der Sagas aus. Man redet um Eifersucht, Neid, Besitzgier und grundlose Bosheit nicht herum. So ist die Njáls-Saga, das umfangreichste Exemplar der Gattung, eine gekonnte und spannende Auflistung eines grund- und endlosen Sippenstreits. Aus kleinsten Anlässen, etwa einer vor Gericht errungenen Mitgift oder einer winzigen Herabsetzung bei einem Festmahl, entstehen fürchterliche Metzeleien, die sich mit der Fatalität eines Uhrwerks abspulen. Weil eine eitle Frau, die schöne Hallgerd, immer wieder Zank stiftet, müssen Dutzende von Männern sterben - ohne Telos, ohne explizites Ethos. Die ganze Könnerschaft des unbekannten Autors zeigt der kathartische Brand am Schluß, bei dem Njál mit seinen drei Söhnen umkommt. Der weise, gütige Held, der das Schicksal der Blutrache immer kommen sah und es mit den listigsten Winkelzügen aufzuhalten versucht hatte, schickt sich am Ende resigniert drein und legt sich mit seiner Frau Bergthora inmitten des brennenden Infernos unter eine Ochsenhaut, wo man später die unversehrten Leichname beider findet.

Nicht nur dieser ergreifende Mordbrand widerlegt das Vorurteil, die Sagas handelten vor allem von fröhlicher Gewalt. Im Gegenteil - stets geht es um mühselige Deeskalation, um gerichtliche Absprachen und um das vergebliche Ringen der Mitmenschlichkeit gegen die Bosheit. Allzu viele Leute, so mag der Autor, bezogen auf die kriegerischen Wirren seiner eigenen Zeit, gemahnt haben, sind gewalttätig und unverträglich, und nur schwer läßt sich das Unheil im Zaum halten. Wem aber einmal ein böses Schicksal verhießen war, der konnte dessen eiserner Härte nicht mehr entrinnen.

Bei allem Realismus kennen die Sagas allerdings auch das Übersinnliche. Besonders Begabte haben das Zweite Gesicht. Die Welt ist voller Geister (was viele Isländer übrigens bis heute glauben), und Untote und Monster können durchaus erscheinen, doch werden sie erst in der fabulösen Grettis-Saga handlungstragend, die in der Spätzeit des Genres, nach 1300, entstanden ist. Hier bekommt der großmäulige Held Grettir, dem als Geächtetem das Pech an den Füßen klebt, regelrecht burleske Züge. Da ist die Gattung der Saga schon bald erschöpft.

„Gäbe es die Sagas nicht, dann säße ich nicht hier“

Snorri Sturluson wurde 1241 erschlagen; er hatte sich während der ausufernden innerisländischen Fehden nachhaltig für einen freiwilligen Anschluß der Insel an die norwegische Krone eingesetzt, zu dem es 1262 auch kommen sollte. Island blieb bis in unser Jahrhundert abhängig - erst von Norwegen, später von Dänemark - und versank in einer Rückständigkeit, aus der sich das Land nach der Unabhängigkeit von 1944 rapide losgemacht hat. Die einzigartigen Sagas können die Isländer bis heute im Original lesen; sie sind schon bei Kindern populär. Weil aus der Zeit der Unabhängigkeit bis auf einige Schwerter und Grundmauern so gut wie alle Überreste verloren sind, begreifen die Isländer die Sagas als identitätstiftendes Erbgut. „Gäbe es die Sagas nicht“, so sagt der derzeitige Staatspräsident Olafur Ragnar Grímsson, „dann säße ich nicht hier.“ In beispiellosen Verhandlungen mit der früheren Kolonialmacht Dänemark gelang es den Isländern in den sechziger Jahren, den umfangreichen Kopenhagener Besitz an Manuskripten philologisch auseinanderzudividieren und diejenigen Texte wieder zurückzuerlangen, die im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert nach Dänemark gebracht worden waren, insgesamt mehrere hundert.

Die Handschriftensammlung der wichtigsten Saga-Niederschriften, ein Neubau mit flammensicherem Bunker im Arni-Magnusson-Institut von Reykjavik, gilt als wichtigster Kulturschatz eines Volkes, das in seiner Identität bis heute auf mittelalterlicher Prosa fußt. Nicht nur daß fast alle Isländer bis heute die Namen von Sagahelden tragen und immer noch deren Sprache relativ unverändert sprechen - die Ereignisse, Denkmuster, Sprachbilder, Ausdrücke der Sagas prägen bis heute Literatur und Überlieferung des Landes. „Auch die neuere isländische Dichtung“, so schreibt der dänische Literaturwissenschaftler Erik Skyum-Nielsen, „muß im Licht des recht einzigartigen Phänomens gesehen werden, daß die fundamentalen Umbrüche in Wahrnehmung, Bewußtsein und Sozialisation, die das zwanzigsten Jahrhundert mit sich geführt und gewissermaßen als mentales Grundmuster kanonisiert hat, auf Island in sprachlich-literarischen Strukturen durchdacht werden, die sich seit dem Mittelalter in der Volkskultur des Landes nahezu ungebrochen erhalten haben.“

Wörter für Megaphon oder Barrikade entstammen den Sagas

Sind die Isländer, die mit Internet und Gentechnologie vollkommen in unserem Jahrhundert zuhause sind, also in ihrer Sprache, in ihrem Denken Wikinger geblieben? Der moderne Saga-Roman „Islandreise“ des Dänen Poul Vad scheint diesen Gedanken zumindest zu erwägen. Fasziniert von der rätselhaften Hrafnkel-Saga, deren Held einen Knecht erschlägt, weil dieser verbotenerweise auf seinem Lieblingspferd Freyfaxi geritten war, reist Vad zum Ort des Geschehens, einem Hof in Ostisland. Dort trifft er Typen, die ihre eigenen Biographien und Beziehungen in der Sprache und den Denkmustern der Sagas zu erleben scheinen. Die mythische Sagazeit ist hier nie zu Ende gegangen.

Und die Isländer scheinen selbst sehr genau zu begreifen, daß die Sagas ihnen ein gleichermaßen modernes wie archaisches Empfinden ermöglichen, sozusagen jenseits der Zeit. Vielleicht deshalb pflegen sie ihre Sprache dermaßen sorgsam. Eine Sprachkommission sucht für alle Fremdwörter Neologismen aus dem Wortschatz der Sagas. So heißt Computer auf isländisch „Tölva“, was aus den Begriffen „tala“ (Zahl) und „völva“ (Zauberin) zusammengesetzt ist. Auch Wörter für Megaphon oder Barrikade entstammen unvermischt den Sagas, nur daß man damals eben ein Götterdämmerungshorn oder eine Schildwache damit bezeichnet hat. Soeben hat man mit gehörigem politischen Druck für die gerade einmal 250.000 Isländer durchgesetzt, von Microsoft in Isländisch beliefert zu werden.

Mit der Härte eiserner Stilisten

Und auch die Austragungsorte der Sagas, von denen wenig genug Materielles übriggeblieben ist, werden auf der Insel eingehend gepflegt und ausgeschildert. Denn fast jeder Hügel, jeder Meeresarm und jeder Felsbrocken der Texte ist bis heute ziemlich exakt zu lokalisieren, so genau gaben die Autoren die Topographie der Geschehnisse an. Nur die großen Landschaftswunder, die Geysire und Wasserfälle, kommen in den unterkühlten Texten nicht vor, wenn wir uns auch kaum vorstellen können, daß die sensiblen Nordmänner nicht davon fasziniert waren. Doch mit der Härte eiserner Stilisten merzte man alles aus, was nicht direkt zur Handlung paßte, und das überliefert uns immer noch allerhand.

Im Örtchen Hvölsvollur etwa gibt es ein eigenes Museum zur Geschichte der Njáls-Sage, die in der Gegend spielt. Und in Reykholt, dessen Pastor traditionsgemäß selbst als Sagaforscher wirkt, wird soeben eine Forschungsstätte mit Bibliothek und Stipendiatenwohnung zur Erinnerung an Snorri Sturluson aufgebaut. Snorris heißes Bad, das er im Winter durch einen Gang erreichen konnte und wo er 1241 waffenlos erschlagen wurde, steht heute unter Denkmalschutz. Fein behauene Granitsteine fassen einen Pool ein, in dessen angenehmem, fünfunddreißig Grad warmem Wasser jetzt niemand mehr sitzen und über Literatur nachdenken darf, die ganz trocken beginnt: „Ulf hieß ein Mann.“ Wenigstens in Snorris Gestalt aber können wir uns einen der geheimnisvollen Autoren vorstellen, die bald nach 1200 auf die zukunftsweisende Idee kamen, von Menschen - und nur von Menschen - zu erzählen.

Literatur

„Njals Saga. Die Saga von Njals und dem Mordbrand“. Lit-Verlag 2005. 384 S., geb., 39.90 Euro.

Englische Übersetzung: „Njal's Saga: Or, the Story of Burnt Njal“ , Dover Publications Inc., 358 S., br., 7,99 Euro.

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