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Mexiko - Taxco de Alarcón : Daniel Kehlmann: „Die Vermessung der Welt“

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Witzig, intelligent und federleicht: Mit seinem Roman „Die Vermessung der Welt“ über Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß gelingt dem jungen Daniel Kehlmann der Durchbruch.

          Die Kunst, Inhalt und Form eines Sprachkunstwerks in wenigen Sätzen wiederzugeben, hat leider nur sehr wenige Meister hervorgebracht. Hier haben wir einen, der auch nicht gerade zu den Auserwählten zählt: Sein Name ist Alexander von Humboldt, und wir begegnen ihm, als er gerade mit einem Boot den Rio Negro befährt. Der Gelehrte wird von seinen spanischen Reisegefährten gebeten, der quälenden Langeweile an Bord mit einer Geschichte zu begegnen. Geschichten wisse er keine, sagt darauf Humboldt, aber er könne das schönste Gedicht deutscher Sprache vortragen, frei ins Spanische übersetzt: „Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein.“ Seine Begleiter schauen ratlos drein. „Fertig, sagte Humboldt.“

          Wenden wir dieses verführerisch unkomplizierte Verfahren rasch auf Daniel Kehlmanns neuen Roman „Die Vermessung der Welt“ an: Zwei Männer forschen ihr ganzes Leben lang wie besessen vor sich hin, sie werden berühmt, begegnen sich einmal, als beide schon in hohem Alter sind, und irgendwann danach müssen sie dann gestorben sein. Fertig.

          Humboldt wendet sich nach seinem Vortrag von den verdutzten Freunden ab, steckt einen kleinen Affen, der ihn necken wollte, mit energischem Griff zurück in den Käfig, greift zu seinem Sextanten und nimmt eine Tätigkeit auf, die ihn, wie schon so oft, die ganze Nacht beschäftigen wird: Der Gelehrte vermißt die Welt und das Universum. Er bestimmt den Längengrad, mißt den Winkel der Mondbahn und fixiert mit dem Teleskop die Geisterflecken der Jupitermonde. Dann spricht er mit seinem vierbeinigen Freund: „Nichts sei zuverlässig, sagte er zu dem ihn aufmerksam beobachtenden Hund. Die Tabellen nicht, nicht die Geräte, nicht einmal der Himmel. Man müsse selbst so genau sein, daß einem die Unordnung nichts anhaben könne.“

          Daniel Kehlmann

          Der Satz des Hauslehrers

          Der Panzer, mit dem sich Alexander von Humboldt gegen die Unordnung der Welt und andere Zumutungen gerüstet hat, ist auch für die Poesie undurchlässig. Es erreicht ihn, so will es scheinen, überhaupt nur sehr wenig jenseits von Forschung und Wissenschaft. Dabei läßt Kehlmann es nicht an kleinen Hinweisen auf das fehlen, was den Gelehrten im Innersten antreibt: Als das Brüderpaar Wilhelm und Alexander einem Experiment beiwohnt, das Marcus Herz, der Lieblingsschüler Kants und einer der Hauslehrer der Humboldts, durchführt, mißt Herz die Höhe einer Stichflamme, die aus einem Röhrchen schießt: zwölf Zentimeter. „Wann immer einen die Dinge erschreckten, sei es eine gute Idee, sie zu messen“, sagt der Hauslehrer beiläufig. Das ist alles.

          Wenn Humboldt sich viele Jahre später an einem Seil in den Krater des Vulkans Jorullo herabläßt, mit einer Atemmaske die Untiefen der Mine von Taxco erkundet oder im Urwald mit dem Finger vom Pfeilgift Cuare nascht wie ein Kind vom Kuchenteig der Mutter, dann kommt einem der Satz des Hauslehrers wieder in den Sinn. Alexander von Humboldt vermißt den Schrecken, um die Angst zu bannen. Er sucht nach der Ordnung und der Einheit des Lebens, von dem er sich immer ausgeschlossen fühlen wird. Ruhm und Nachruhm sind das Lebendigste an diesem Mann.

          Unterhaltung auf subtile, intelligente und witzige Weise

          Daß man von diesem Roman auf eine so subtile, intelligente und witzige Weise unterhalten wird, wie man es in der deutschsprachigen Literatur kaum einmal erlebt, ist dabei nur einer der vielen Vorzüge dieses in jeder Hinsicht bemerkenswerten Buches. Daniel Kehlmann, der gerade einmal dreißig Jahre alte Verfasser von bislang sieben Büchern, legt mit seinem jüngsten Roman „Die Vermessung der Welt“ ein Buch über den Naturforscher Alexander von Humboldt und den Mathematiker und Astronomen Carl Friedrich Gauß vor, das nicht nur die kurzweilige Doppelbiographie zweier großer Gelehrter des neunzehnten Jahrhunderts ist, sondern viele Themen in sich vereint.

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