27.03.2008 · Das aufregendste Land Amerikas / Von Barbara Liepert
Mexiko ist das aufregendste Land Amerikas. Alles ist maßlos: Der Verkehr, die Kultur, die Gewalt, die Schönheit, die Korruption, die Hitze, und selbst der Tod kennt hier keine Grenze - und alle diese Themen werden ausgiebig in Oktavio Paz' „Labyrinth der Einsamkeit“ behandelt. Paz hat den Nobelpreis bekommen - aber wer Mexiko wirklich begreifen will, muß etwas anderes lesen: Die Geschichten von Juan Rulfo.
„Nie mehr“, schreibt Gabriel García Márquez, „seit der verrückten Nacht, als ich Kafkas Verwandlung in einer düsteren Studentenpension in Bogotá gelesen hatte, war ich so bewegt gewesen.“ Rulfo ergeht sich nicht wie andere lateinamerikanische Bestsellerautoren in endlosen Beschreibungen üppiger magischer Natur, im Gegenteil, er hat sich lange geweigert, seine Manuskripte an den Verlag herauszurücken, aus Angst, es könnte noch ein überflüssiges Wort darin sein.
Rulfo (1918-1986) hat in seinem Leben nur zwei Bücher - insgesamt karge 250 Seiten -, ein Drehbuch und ein paar Liebesbriefe verfaßt - aber weder in „Pedro Paramo“ (1955) noch in dem vielleicht noch lesenswerteren Kurzgeschichtenband „El Llano en Llamas“ (1953) findet sich auch nur ein überflüssiges Wort. Rulfos Werk ist Mexiko durch ein Brennglas betrachtet, es verstört, und gleich danach verzaubert es. Rulfo gibt seinen Protagonisten, und seien es noch so verlorene Existenzen, das, was in Lateinamerika ein seltenes Gut ist: Würde.
„Sag ihnen, sie sollen mich nicht töten!“
Wenn etwa in „Macario“ (El Llano en Llamas) ein Junge am Froschteich von seinem Leben erzählt, erfährt man vielleicht erst beim zweiten Lesen, daß er behindert ist und unter seiner Patin, die ihn zum Fröschetotschlagen am See stillgestellt hat, leidet. In „Man hat uns Land gegeben“ beschreibt Rulfo in wunderbar wortkargen Dialogen seine Heimat, einen trostlosen, unfruchtbaren Landstrich, und die bittere Wahrheit nach der Mexikanischen Revolution. In „Luvina“ und auch in „Sag ihnen, sie sollen mich nicht töten!“ wird Angst in all ihren Variationen als wichtigstes Herrschaftsinstrument in der mexikanischen Gesellschaft entlarvt. Obwohl die Kurzgeschichten vor 50 Jahren geschrieben wurden, wirken sie, als seien sie erst gestern entstanden. Und es ist schön, daß Rulfo nur 250 Seiten geschrieben hat, denn diese 250 Seiten muß man immer und immer wieder lesen.
Literatur
Juan Rulfo: „Der Llano in Flammen“. Suhrkamp Verlag 1999. 144 S., geb, 12,80 Euro.