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Mario Vargas Llosa: Das böse Mädchen Wie macht sich mein Chronist im Bett?

03.10.2006 ·  Böse Mädchen kommen bekanntlich überall hin. Die Titelheldin von Mario Vargas Llosas neuem Roman kommt vor allem ins Buch - als überzeitliche Kunstfigur aus femme fatale, Lolita und Nadja, Emma Bovary und weiblichem Felix Krull.

Von Friedmar Apel
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Böse Mädchen kommen bekanntlich überall hin. Auch die Titelheldin von Mario Vargas Llosas neuem Roman gelangt mittels ihres schlechten Charakters von Lima aus nach Paris, Havanna, London, Tokio und Madrid, und immer führt ihr Streben nach Luxus und Abenteuer durch die Betten reicher Männer. Zum Schluß aber findet der Leser sie in einem schlichten, kleinen Garten in Südfrankreich wieder, „von dem aus man das schöne Meer sehen konnte, das Valéry in ,Le cimetière marin' besungen hatte“. Das erinnert flüchtig daran, daß nach dem letzten Wechselfall des Lebens auch die bösesten Mädchen nur dahin kommen, wo alle Menschen hin müssen.

Mario Vargas Llosas niña mala aber kommt vor allem ins Buch. Sie ist eine überzeitliche Kunstfigur aus literarischen Versatzstücken: femme fatale und belle dame sans merci, Lolita und Nadja, Emma Bovary und weiblicher Felix Krull. Als solche scheint sie auch Herrin des Zufalls zu sein. Daher kann sie ungehindert an beliebiger Stelle ins Leben und in die Geschichte des armen Erzählers einbrechen, um sich von diesem Trottel der Liebe und der Lebenspraxis kitschige Komplimente ins Ohr flüstern zu lassen, bevor sie spöttisch lächelnd wieder verschwindet. In ihrer Abwesenheit betätigt sich der Erzähler Ricardo, ein Peruaner im Alter von Mario Vargas Llosa, als eine Art Cicerone der „heroischen Zeiten“ jener Städte, in denen auch der Autor gelebt hat und noch lebt.

Sie tanzte den Mambo wie keine

Das katholische Bürgermilieu im Lima der fünfziger Jahre mit all den sympathischen Tanten und Onkels, die der Leser aus den ersten Romanen Vargas Llosas schon kennt, kommt noch einmal vor Augen, vor allem aber das Paris der Surrealisten und Existenzialisten, der revolutionären Umtriebe und Denkbewegungen, das Swinging London der Siebziger mit seiner sorglosen Alternativkultur der Zeiten vor Aids und schließlich die spanische Hauptstadt in ihrem geschichtsvergessenen Hedonismus der Ära nach Franco. Ein exotistischer Abstecher führt in die geheimnisvolle Welt der japanischen Erotik.

Ricardo hat das böse Mädchen im unvergeßlichen Sommer 1950 in Peru kennengelernt, als sie sich als Chilenin ausgab und den Mambo tanzte wie keine. Während sie sich vorläufig zu den südamerikanischen Revolutionären schlägt, verfolgt er sein einziges Ziel, in Paris zu leben, „der schönsten Stadt der Welt“, die er früh in den Romanen von Jules Verne oder Alexandre Dumas kennengelernt hat. Als Übersetzer und Dolmetscher bei der Unesco verdient er seinen Lebensunterhalt und scheint zufrieden, für das böse Mädchen aber wird er immer ein „armer Teufel“ bleiben. In trübseligen Momenten aber ist auch Ricardo „von der absoluten Nutzlosigkeit“ seiner Existenz überzeugt. Auch weiß er, daß er nicht nur als Peruaner in Frankreich immer ein Fremder bleiben wird: „Wie unser Dolmetscherberuf, auch eine Form, immer ein Fremder zu bleiben, zu existieren, ohne zu existieren, zu sein und doch nicht zu sein.“

Erlebnisaufsatz mit literarischen Reminiszenzen

Seine Arbeit und sein wenig ereignisreiches Leben in Paris schildert er entsprechend so detailliert wie schlicht als Chronist der eigenen Existenz, die ohne die Intervention des bösen Mädchens nichts Bemerkenswertes an sich hätte. Selbst die Begebenheiten auf den Dienstreisen zu exotischen Orten werden im Tone des artigen Erlebnisaufsatzes wiedergegeben, veredelt nur durch gelegentliche literarische Reminiszenzen. „Am nächsten Tag, den ich frei hatte, machte ich einen Spaziergang durch die alte, von Alexander gegründete Stadt, besuchte das Museum der Römischen Antike und die Ruinen des Amphitheaters und schlenderte lange über die wunderschöne Küstenpromenade mit ihren zahllosen Cafés, Restaurants, Hotels und Touristenläden, zwischen denen sich eine lärmende, kosmopolitische Menschenmenge bewegte. Ich setzte mich auf eine jener Terrassen, die mich an den Dichter Kavafis denken ließen.“

Aber auch die Episoden mit dem bösen Mädchen wie die Analyse der eigenen Leidenschaft und ihrer Wirrungen werden in Anlehnung an die Erzählhaltung Flauberts aus der Perspektive des Biedermanns geschildert. Die sexuellen Begegnungen beschreibt Ricardo so linkisch, wie er sich nach Meinung des Mädchens dabei anstellt, nur von der Arbeit seiner Zunge hält sie etwas. Die Darstellung der Perversionen, die sie auslebt oder auszuleben vorgibt, und die Gewalt, die ihr dabei schließlich wirklich oder vorgeblich widerfährt, überschreitet nicht selten die Grenze zur sensationslüsternen Kolportage, was sich offenbar aus der Lektüre und dem Bewußtsein des mittelmäßigen Chronisten rechtfertigen soll.

Die unheilbare Krankheit Peru

Überhaupt scheint sich der erzählende Übersetzer und Dolmetscher seine Mittel aus den verschiedensten Originalen der höheren und niederen Literatur zusammengeborgt zu haben. Am Ende aber stellt sich heraus, was Ricardos Freund, der Dragoman aus der Türkei, schon argwöhnte: „Ein literarischer Übersetzer will Schriftsteller sein, das heißt, er ist fast immer ein verhinderter Schreiberling.“ Der arme Teufel, auch das böse Mädchen hat es geahnt und möchte in der Geschichte „nicht zu schlecht wegkommen“, ist die ganze Zeit schon ein Romancier gewesen, ohne es noch zu wissen. Die Übersetzerin Elke Wehr hat die Botschaft verstanden. Sie verzichtet auf einen einheitlich glättenden Stil und gibt den Text in einem flüssigen, aber gemischten Idiom wieder, in dem das Ineinander der verschiedenen angeblich heroischen Zeiten auch als unzeitgemäße Redeweise aufscheint.

Die wechselnden Rollen des bösen Mädchens lösen sich am Ende als „Thema“ in einer Allegorie des weltliterarischen Romans auf. Der erscheint selbst als eine Art Übersetzung, als ein wandlungsfähiges Medium, das Verstehen auch da noch stiftet, wo das Verständnis versagt. Das zwiespältige Verhältnis des Erzählers zu seinem geliebten und verfluchten weiblichen Verhängnis ähnelt überdies den gemischten Gefühlen des Autors seinem Heimatland gegenüber, wie er sie als Antrieb seines Schreibens wie seines politischen Engagements beschrieben hat: „Für mich ist Peru eine Art unheilbare Krankheit, und meine Gefühle gegenüber dem Land sind heftig, voll von Verbitterung und jener Gewalt, die charakteristisch ist für Leidenschaft.“

Bewegend, belehrend und belustigend

Diese Leidenschaft erscheint aber in diesem Alterswerk in einer eigentümlichen Dämpfung. Mario Vargas Llosa, der in diesem Jahr siebzig wurde, verzichtet weitgehend darauf, in einem Personalstil zu erscheinen, jedoch ohne die Geste des entsagenden Rückzugs, die im Spätwerk großer Autoren gern konstatiert wird. In der Ordnung des Archivs der Erinnerungen, in dem die Straßen, Parks, Cafés, Kinos und Buchläden in Paris und anderswo, die großen Romanciers und Dichter, aber auch die kleinen und vergessenen Akteure und Episoden des Geschehens in der zweiten Hälfte des schrecklichen und bewegten zwanzigsten Jahrhunderts sorgfältig verzeichnet sind, wird der Autor durchaus kenntlich.

Daß die Überfrachtung mit historischen und literarischen Anspielungen den Roman nicht scheitern läßt, dafür sorgt eine nur gelegentlich trivial wirkende Haltung epischer Naivität, mit der wie selbstverständlich berichtet wird, was um seiner selbst willen verdient berichtet zu werden. Diese sich schlicht gebende, in Wahrheit sorgsam ausgearbeitete Kunstübung hält das Heterogene wundersam zusammen und widerlegt zugleich die modernistischen Verbote unzeitgemäßer Stilmittel. Der Leser fühlt sich von diesem großen Autor einmal wieder bewegt, belehrt und belustigt und (je nach Alter) beinahe gerührt an Zeiten erinnert, in denen alles besser werden sollte.

Quelle: F.A.Z., 04.10.2006, Nr. 230 / Seite L15
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