27.03.2008 · Noch schöner als Blättern im Familienalbum / Von Gabriele Knoll
Mit einem leichten Kratzen flog der Federkiel über das Blatt. In ihren Gedanken war Jane ganz bei Elizabeth Bennet. Aber gab sie nicht gerade in diesem Kapitel, auf diesen Seiten ihrer weiblichen Hauptfigur in dem Manuskript „Pride and Prejudice“ zu viele ihrer eigenen Züge und Charaktereigenschaften preis? Könnte man nun im großen Familien- und Bekanntenkreis Rückschlüsse auf die Autorin ziehen? Ihr letztes Werk „Sinn und Sinnlichkeit“ hatte sie 1811 anonym veröffentlichen lassen, weil es sich für die Tochter eines Kirchenmannes nicht schickte, ihren Namen unter einen Roman zu setzen. Nur „By a Lady“ hatte angedeutet, dass hier eine Autorin am Werk gewesen war.
Und dann noch dieses Misstrauen des Verlegers! Egerton of Whitehall hatte sich von ihr unterschreiben lassen, dass sie für alle Verluste des Buchprojektes aufkommen werde. Aber zum Glück verkaufte sich das Buch gut, und die erste Auflage, die ihr den beachtlichen Betrag von 140 Pfund eingebracht hatte, war bereits vergriffen.
All diese Gedanken verdrängte sie jedoch schnell, denn es schien heute ein guter Tag fürs Schreiben zu sein, fühlte sie. Stets nach dem Frühstück am großen Tisch in der Mitte des Raumes setzte sie sich an das zierliche Tischchen direkt am Fenster. Dabei mochte sie es überhaupt nicht, wenn sich jemand in das Speisezimmer schlich, um ihr über die Schulter zu schauen und einen Blick auf den Stand der komplizierten Liebesgeschichte zwischen Elizabeth und Mr. Darcy zu werfen oder sie gar in störende Gespräche zu verwickeln. Aus diesem Grund hatte Jane verboten, die knarrende Tür vom Treppenhaus in dieses Zimmer zu ölen. So wurde sie durch das untrügerische Geräusch gewarnt und hatte genügend Zeit, ihr Manuskript zu verstecken oder es schnell zu bedecken. Heute hängt ein Schild „Creaking door“ an der Tür und erinnert an dieses so einfache wie effektive Warnsystem.
Postkutschen rumpelten über die Dorfstraße
Mit Ausnahme der knarrenden Tür kann man Jane Austens Haus in Chawton als ein Cottage gehobenen Niveaus bezeichnen. Für acht Jahre, von 1809 bis 1817, die gleichzeitig ihre besten als Schriftstellerin bedeuteten, lebte sie hier mit ihrer Mutter, der älteren und einzigen Schwester Cassandra sowie der Freundin Martha Lloyd. Das um 1700 errichtete Haus hatte ihnen ihr Bruder Edward zur Verfügung gestellt, der in zwei Porträts im Esszimmer zu sehen ist. Als Sechzehnjähriger war er von wohlhabenden Verwandten adoptiert worden und hatte in der Folge von seinen neuen Eltern, Thomas und Catherine Knight, beachtlichen Landbesitz in Kent und Hampshire, darunter auch Chawton Great House mit seinen Ländereien, geerbt.
Ein Besuch im „Jane Austen's House“ bietet neben Einblicken in das Leben der Schriftstellerin auch solche in den Alltag einer vielköpfigen Familie im frühen neunzehnten Jahrhundert - Jane hatte am Ende ihres kurzen Lebens vierundzwanzig Neffen und Nichten. Chawton mit dem Cottage und dem Great House hatte sich damals zu dem bedeutendsten Ort des Familienlebens entwickelt. Seit dieser Zeit scheint sich in dem verschlafenen Nest auch nicht viel verändert zu haben. Es mag sogar noch ruhiger geworden sein, denn in jener Zeit rumpelten die Postkutschen nach London über die Dorfstraße. Aus diesem Grund ließ Edward in der Straßenfassade auch ein Fenster zumauern und dafür das neugotische zum Garten hin anlegen.
Familienkirche durch Brand zerstört
Im einstigen Backhaus steht heute wieder der zweirädrige Eselskarren, mit dem Jane im Dorf und in der Umgebung herumfuhr. Ein kurzer Weg war es damit nur zum Chawton Great House und zur St. Nicholas Church. Diese kleine Kirche außerhalb des Dorfes war wegen des benachbarten Great House die Kirche der Familie Knight und damit auch der Austens. Zu den Zeiten, als Jane hier ein und aus ging, war das Gotteshaus jedoch noch ein mittelalterliches Gebäude. 1838 ließen es ihr Bruder Edward und dessen Sohn Charles durch einen neuen Bau ersetzen - so wie es viele Landlords in jener Zeit taten. Die heutige Kirche wurde jedoch erst 1871 geweiht, nachdem ein Brand die Familienkirche zerstört hatte. Die engen Verbindungen zu Janes Familie zeigen sich nicht nur an verschiedenen Stellen in der Kirche, sondern auch auf dem Friedhof. Die Gräber der Mutter und der Schwester Cassandra befinden sich gleich neben der Kirche, während der einstige Herr auf Great House, Edward und seine Frau, in Godmersham in Kent beigesetzt wurden.
Für Jane sollte das Schicksal ebenfalls eine andere Ruhestätte vorsehen als in der Umgebung, in der sie ihre glücklichsten Jahre inmitten eines regen Familienlebens verbracht hatte. Im Sommer 1816 häuften sich gesundheitliche Beschwerden, und ihr Zustand verschlechterte sich zusehends. Zu den Rückenschmerzen, Nierenproblemen und Erschöpfungszuständen kamen im folgenden Frühjahr besorgniserregende schwarze und weiße Flecken im Gesicht hinzu. Man beschloss, sie nach Winchester zu bringen, da diese Stadt, nach London, einen hervorragenden Ruf als Medizinzentrum genoss. Dr. Alured Clarke, ein Domherr der Kathedrale, hatte 1736 mit seinem County Hospital das erste öffentliche Krankenhaus außerhalb Londons gegründet, das wegen seiner erfolgreichen Arbeit 1758 in einen größeren Neubau von der Colebrook Street in die Parchment Street verlegt wurde. Weitere Ärzte ließen sich in der Stadt nieder, und die gute medizinische Versorgung zog Patienten aus der näheren und weiteren Umgebung an.
Nicht üblich, dass Frauen hinter einem Sarg gingen
So wurde auch Jane Austen am 24. Mai 1817 nach Winchester gebracht. In einer Kutsche, die Edward zur Verfügung gestellt hatte, begab sie sich in Gesellschaft ihrer Schwester Cassandra, zusätzlich zu Pferd begleitet von ihrem Bruder Henry und ihrem Neffen William, auf die Reise. An der College Street 8 hatte man eine Wohnung für die beiden Frauen gemietet. Eine Inschrift an dem fröhlich gelben Haus, heute ein privates Wohnhaus, erinnert an die berühmteste Bewohnerin. Am Morgen des 18. Juli 1817 starb Jane hier mit nur 41 Jahren in den Armen ihrer Schwester.
Sechs Tage später zog in den frühen Morgenstunden, denn man wollte - oder sollte - nicht die feststehenden täglichen Gottesdienstzeiten stören, von hier aus ein kleiner Trauerzug zur Kathedrale. Nur drei Brüder und ein Neffe begleiteten Jane auf ihrem letzten Weg, Cassandra war in der Haustür an der College Street stehen geblieben. Es war nicht üblich, dass Frauen hinter einem Sarg gingen. Nur wenige Schritte lang konnte Cassandra die Trauergesellschaft beobachten, wie sie sich aus dem Dunstkreis der Brauerei des altehrwürdigen Winchester College, ihrer direkten Nachbarschaft, vorbei an einigen kleinen Gärten der Stadtmauer bewegte und nach rechts zum Kingsgate abbog. Die Männer durchschritten das kleine Stadttor mit einer Kapelle zu Ehren des heiligen Swithun im Obergeschoss. Dann bog der Trauerzug wieder rechts ab zum nahe gelegenen Tor der Domimmunität, dem Prior's Gate.
Pilgerherberge des Mittelalters
Die Gebäude, die an jenem Sommermorgen den Weg flankierten, wurden bis heute kaum verändert. Man passiert den mittelalterlichen Cheyney Court, den Gerichtshof des Bischofs, mit seiner markanten Fachwerkfassade und die Pilgrims' School. Im Mittelalter befand sich hier, wie es schon der Name verrät, eine Pilgerherberge, heute ist in dem Gebäude die Schule für die Jungen des Domchors untergebracht. Dann stößt man auf dem weiteren Weg in die Kathedrale auf das Dekanat aus dem dreizehnten Jahrhundert, in dem seit jener Zeit auch der Dekan der Kathedrale wohnt.
Beigesetzt wurde Jane im Nordschiff der Winchester Cathedral. Es ist bemerkenswert, dass man ihrem Wunsch entsprach, ihr an dieser Stelle ihre letzte Ruhestätte zu geben. Vermutlich hat ihr Bruder Henry es durchsetzen können, dass die Tochter eines Reverends in der Kathedrale beerdigt werden durfte. Auf ihrer Grabplatte im Boden des Kirchenschiffs ließ die Familie die menschlichen Qualitäten der Verstorbenen verewigen, von ihrem Ruhm als Schriftstellerin, der zumindest in diesem Kreis bekannt gewesen war, ist dagegen nichts zu lesen. Erst 1872 wurde an der Kirchenwand beim Grab eine zusätzliche Inschrift angebracht, die sie auch als Autorin würdigt. Im Jahre 1900 erhielt das darüber liegende Fenster seine aktuelle Verglasung, ebenfalls eine Ehrung Jane Austens - diesmal ihres religiösen Lebens.
Festsaal mit überdimensionalen Familienbild
In unzähligen Briefen, aber nur einem einzigen Porträt, das Cassandra von ihrer Schwester zeichnete und das sich heute in der National Portrait Gallery in London befindet, blieb die historische Person lebendig, während sich Jane-Austen-Gesellschaften rund um den Globus, von Nord- über Südamerika bis hin nach Australien, auch um das Werk der Schriftstellerin bemühen, die zu den bedeutendsten Englands gezählt wird. Vor allem nach jeder Verfilmung erleben ihre Bücher eine Renaissance, und besonders englische und amerikanische Leser streben seitdem zu den Drehorten.
Von diesem Ruhm profitiert nach der jüngsten Verfilmung (2005) des Romans „Pride and Prejudice“ mit Keira Knighty und Matthew Macfadyen in den Hauptrollen das Wilton House. Im sogenannten „Double Cube Room“, dem Festsaal des Hauses mit den beeindruckenden Maßen von achtzehn Meter Länge und je neun Meter Breite und Höhe, wird Elizabeth Georgina der Schwester Mr. Darcys vorgestellt. Das repräsentative Ambiente des Saales, der die Architekturideale und Proportionen eines Palladio in einer meisterlichen Interpretation im England des siebzehnten Jahrhunderts zeigt, deutet im Film den Wohlstand der Familie Darcy an. Im Laufe seiner Geschichte diente dieser Prunksaal für Staatsempfänge und offizielle Galadiners. So soll seit König Charles II. jeder britische Monarch an diesem Ort gewesen sein. Auch die geheimen Verhandlungen für den D-Day fanden hier 1944 statt. König Georg VI., Sir Winston Churchill, Feldmarschall Montgomery, General Eisenhower und General de Gaulle waren während des Zweiten Weltkriegs hier zu Gast. Heutzutage muss sich der 18. Earl of Pembroke mit weniger berühmten Gästen zufriedengeben, indem er den Festsaal mit dem überdimensionalen Familienbild des 4. Grafen von Pembroke, das Anthonis van Dyck 1630 malte, für Hochzeitsempfänge, private Feiern, Konzerte, Bälle oder eben Filmaufnahmen vermietet.
Kunstvoll gestalteter Garten
Eine etwas andere Welt mit bescheideneren Lebensbedingungen zeigt Groombridge Place an der Grenze der Grafschaften Kent und East Sussex, wohin in der Verfilmung „Longbourn“, das Wohnhaus der Familie Bennet, verlegt wurde. Betrachtet man die Fassade des Backsteingebäudes aus dem siebzehnten Jahrhundert, das als Privathaus nicht zu besichtigen ist, wird an den historischen Fenstern deutlich, dass man hinter diesen Mauern höchstens an warmen Sommertagen wohnen möchte. Den kunstvoll und kreativ gestalteten historischen Garten, der dem Publikum offensteht, genießt man hingegen auch an kühleren Tagen gern. Das Filmteam hatte Glück, dass kurz zuvor Groombridge Place seinen Besitzer, übrigens erst zum zweiten Mal in seiner über vierhundertjährigen Geschichte, gewechselt hatte. Bevor dieser nun einzog, konnte er davon überzeugt werden, mit seinen Renovierungsarbeiten noch etwas zu warten und somit dem Filmteam eine authentischere Kulisse zur Verfügung zu stellen. Aber trotzdem musste manche Wand eine noch älter erscheinende Oberfläche erhalten, wie es die kleine Ausstellung zu den Dreharbeiten in einem Nebengebäude zeigt.
Im Mompesson House nahe der Kathedrale von Salisbury brauchte man im Sommer 1995 solch einen Aufwand gar nicht zu treiben, denn das 1701 für Charles Mompesson errichtete Haus passte exakt zum Drehbuch von „Sinn und Sinnlichkeit“. Die Räumlichkeiten stimmten genau, nur musste einiges vom Mobiliar durch andere historische Stücke ersetzt werden, weil der National Trust als Hausherr seine Antiquitäten keinen neuen Benutzungsspuren aussetzen wollte. Und so tranken die Hauptdarstellerinnen Emma Thompson und Kate Winslet eben ihren Tee an einem Tisch, den die Requisite besorgt hatte. Als im Obergeschoss des Hauses die Szenen mit den sehr persönlichen Gesprächen zwischen den beiden Schwestern Elinor und Marianne Dashwood gedreht wurden, in denen es um das Thema des Buches, um „Sensibility“, ging, hatte man schon eine gewisse Sorge um den alten Holzboden. Dies jedoch weniger wegen eventueller Spuren, sondern wegen des Gewichts von Kamera, Beleuchtung und weiterer technischer Ausrüstung, der Filmcrew sowie den Schauspielern, die die historischen Dielen belasteten. Doch es ging ohne Schäden ab. Mit einem anderen Problem waren dagegen die Filmaufnahmen täglich konfrontiert: Der Besucherverkehr von etwa zweihundert Menschen am Tag sollte nicht leiden, und so durfte nur in den frühen Morgenstunden und dann erst wieder am Abend gedreht werden.
Stöbern im Fotoalbum der Drehtage
Nachdem wir unsere Besichtigungsrunde durch das Haus abgeschlossen haben, dürfen wir uns in der Bibliothek niederlassen und lauschen, was Karen noch sonst alles aus dem Nähkästchen jener unruhigen Tage in Mompesson House plaudert. So hatten die Schauspieler ziemlich zu leiden, denn an Junitagen mit Backofenhitze mussten sie die Szenen in der Kleidung kalter Oktobertage spielen. Wie der Umgang mit den berühmten Schauspielerinnen gewesen war, wollen wir wissen, denn man hat selten Gelegenheit, solche fundamentalen Erkenntnisse aus erster Hand zu bekommen. Aber da zeigt sich Karen ausgesprochen diplomatisch, doch in den Untertönen ihrer Ausführungen hören wir schon das eine oder andere, was wir hören wollen. Dazu stöbern wir im Fotoalbum von den Drehtagen, Emma Thompson und Kate Winslet erscheinen uns fast schon familiär vertraut. Karen gesteht, dass sie „Sense and Sensibility“ mindestens schon vierzehnmal gesehen habe.
Auf so viele Filmabende kommen wir zwar nicht, aber uns steht jetzt der Sinn nach allen Austen-Verfilmungen, wo wir schon so viele Eindrücke von den Sets und den Filmgrößen bekommen haben.
Literatur
Jane Austen: „Sinn und Sinnlichkeit“. Insel Verlag, Frankfurt 2007. 449 S., br., 10,- Euro.
Weitere Literatur:
Jane Austen: „Stolz und Vorurteil”
Jane Austen: „By a Lady”
Jane Austen: „Emma”
Information:
Im Internet unter www.jane-austens-house-museum.org.uk, www.visitwinchester.co.uk, www.wiltonhouse.com, www.nationaltrust.org.uk und www.groombridge.co.uk.