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Franziska Gerstenberg : Der Himmel über Leipzig ist nicht mehr geteilt

Bild: Schöffling

Die junge deutsche Literatur nach dem Ende des Jugendwahns: Franziska Gerstenbergs Debütband zeigt, daß es Geschichten gibt, die nur eine Fünfundzwanzigjährige erzählen kann.

          Leipzig, so weiß man nach der Lektüre dieses Buches, ist eine Stadt mitten in Deutschland. Der Unterschied zwischen den alten und den neuen Bundesländern, den seit der Wende zahllose literarische Werke beschrieben und vermessen, verflucht und beschworen haben, spielt in Franziska Gerstenbergs erstem Erzählungsband keine Rolle mehr. Das liegt weniger daran, daß diese Autorin in Leipzig gelebt und studiert hat, sondern hängt vor allem mit dem Zeitpunkt ihrer Geburt zusammen. Als die DDR in sich zusammenstürzte, war Franziska Gerstenberg zehn Jahre alt: zu jung, um zu verstehen, was vor sich ging, aber alt genug, um es zu erahnen. Alt genug, um den Unterschied zwischen Ost und West zu kennen, aber zu jung, um ihn als ewige Bürde mit in die Zukunft schleppen zu müssen. Während vielen Älteren das Jahr 1989 heute erscheinen mag, als wäre es erst gestern gewesen, meldet sich hier die Vertreterin einer neuen literarischen Generation zu Wort. Wenn 1989 erst gestern war, dann waren die Angehörigen dieser Generation gestern noch Kinder.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die meisten Figuren in den fünfzehn Geschichten, die dieser Band versammelt, haben ungefähr das Alter der Erzählerin, aber einige sind auch deutlich jünger. Daniel etwa, vierzehnjähriges Einzelkind, bewohnt mit seinen Eltern eine Doppelhaushälfte, deren Gegenstück lange Zeit unbewohnt war. Die Lage an der Hauptstraße sei schuld am Leerstand, sagt die Mutter und deutet auf den Garten, in dem blasse Salatköpfe wachsen, deren Blätter nach Benzin schmecken. Der Vater hält die fehlende Garage für ausschlaggebend. Irgendwann muß sich das Fehlen der Nachbarn als sozialer Makel bemerkbar gemacht haben, und mit kleinsten Andeutungen gibt Franziska Gerstenberg zu verstehen, daß es nicht der einzige war, der dieser Familie zu schaffen macht. Jetzt ziehen endlich neue Nachbarn ein, Menschen mit italienisch klingendem Namen aus einem fernen Ort namens Wiesbaden. Das Seltsamste aber an den Donellas ist ihr Sohn Anton, ein großer, reichlich ungeschlachter Junge in Daniels Alter, der beim Grillen Brot und Gemüse links liegenläßt und lieber Fleischberge vertilgt. Anton ist ausgesprochen wortkarg, nur ab und zu macht er überhaupt den Mund auf: "Ich bin der Carlos, sagt er dann laut und mit Nachdruck, der Carlos Santana bin ich. Er schwingt sein weißes Taschentuch, bevor er hinzufügt: Der echte, der aus Mexiko!"

          Wie Anton sind die meisten Figuren in diesem Buch nicht ganz von dieser Welt. Oder besser gesagt: Sie leben mehr oder weniger eingesponnen in ihren Mikrokosmos. Die zwanzigjährige Praktikantin, die in der Suppenküche für Obdachlose arbeitet, die grobknochige Schwester der kleinen Ballerina, die heimlich Ballettunterricht nimmt, obwohl sie zu alt und zu schwer dafür ist, die siebzehnjährige Lisa, die sich im Chaos ihres Kinderzimmers vor dem Gefühlschaos in ihrem Inneren versteckt oder die nur wenig ältere Hannah, die sich fast alles vorzustellen vermag, aber im Lexikon unter dem Stichwort "Realismus" nachschlagen muß, wenn sie wissen will, worin eigentlich der Unterschied zwischen Imagination und Wirklichkeit besteht - sie alle sind Geschwister jenes geistig behinderten Anton Donella, der auf einem gestohlenen Kinderfahrrad ausbüxt und sich auch den Polizisten, die ihn aufgreifen, als Carlos Santana vorstellt, der echte, der aus Mexiko.

          Auch Daniel, der mit dem Opernglas seines Großvaters am Fenster die Nachbarn beobachtet, fühlt sich Anton viel näher, als seine Eltern ahnen: "Ich ziehe die Schuhe aus und laufe durchs Grünkohlbeet. Wenn sich meine Zehen in die feuchte Erde eingraben, entstehen schmatzende Geräusche. Vielleicht stehen Vater und Mutter am Fenster und sehen auf mich herunter. Dann wird Vater fragen, woran es liegt, daß ich keine Freunde habe. Ich trete einen Strunk Grünkohl um, ohne den Blick zu heben, aber das Fenster bleibt geschlossen. Ich überlege, was geschieht, wenn ich so, mit diesen Füßen, zu Vater und Mutter hinaufgehe und ihnen sage, daß Anton Donella mein bester Freund ist. Ich könnte sagen: Ich gehe ihn suchen. Ich könnte den Stadtplan mitnehmen oder Vaters Kompaß. Ohne Anton Donella, könnte ich sagen, komme ich nicht zurück."

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