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Mein erstes Mal: Kertész lesen : Eine Sprache für die Sprachlosigkeit

  • -Aktualisiert am

Imre Kertesz erhielt 2002 den Literaturnobelpreis. In seinem „Roman eines Schicksallosen“ erzählt er von den Erfahrungen in Auschwitz und Buchenwald. Bild: photoselection

Oft konzentriert sich aller Schmerz in kurzen, grellen Momenten. So auch in dem „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertész. Ein Lesebericht.

          Auch Bücher haben ein Schicksal, und es vollzieht sich im Blickfeld des Lesers. Die Lektüre von Imre Kertész „Roman eines Schicksallosen“ hat auf den Monat genau 21 Jahre auf mich gewartet, wie es mir eine Widmung auf der Innenseite des Buches verrät, unterschrieben von Christina Viragh, die es grandios übersetzt hat.

          Es gehört zur Wirkungsgeschichte der Literatur, in einen anderen zeitlichen Rahmen gespannt zu sein, als die Ereignisse es sind, von denen sie handelt. Diese reflektierende Nachträglichkeit, die dann auch vorausschauend ist, braucht den wahren Moment einer Einlassung, den Ort, von dem aus sie spricht. Wann aber lässt das Gedächtnis es zu, etwas Verdrängtes in sich aufzurufen und im Fluss des Erzählens neu zu beleben? Welche Blockierungen, Verwerfungen und Widerstände müssen erst abgetragen werden, um diesen Prozess des Erinnerns, der immer auch eine Neuordnung ist, zu ermöglichen?

          Kertész brauchte Jahrzehnte für seinen Roman

          Als Imre Kertész den „Roman eines Schicksallosen“ zu schreiben begann, waren die Verbrechen von Auschwitz und Buchenwald schon fünfzehn Jahre vergangen. Er aber schreibt in seinem „Galeerentagebuch“ unter 1961: „Vor einem Jahr habe ich mit der Arbeit am Roman angefangen. Alles muß weggeworfen werden.“ Danach benötigte er dreizehn Jahre, bis er ihn abschließen konnte.

          Was für eine enorm lange Zeit, um Erfahrungen in Worte zu fassen, die sich in ihrer Dringlichkeit wie von selbst hervorbringen müssten. Hier aber trennen sich journalistischer und literarischer Anspruch, Protokoll- und Erzähltext. Im Falle der extremsten Erfahrungszusammenhänge wie dem des Holocausts zieht sich eine Sprache, die über das Bezeichnete hinaus spricht, aufs äußerste zurück, wird zum sprechenden Verstummen. In der Lyrik ist es Paul Celan, der eine Sprache für diese Sprachlosigkeit fand, der persistenten Verschiebung des Aussagens auf etwas anderes, Unsagbares, hin.

          Intention und Sujet laufen in unterschiedliche Richtungen

          Diese Durchgänge der Sprache durch ein Wissen, das von sich noch nichts weiß, entsprechen der Verarbeitungsdauer, die notwendig ist, um die Erzählung in Gang zu bringen, und das liegt an ihrem Gegenstand, der sich nur schwer erkennen und aussagen lässt. Intention und Sujet fallen in einer Weise auseinander, dass man meint, zwei Geschichten in einer zu lesen.

          Hier die Beschreibung des Grauens in einer von Bild zu Bild und von Szene zu Szene gleitenden, fast möchte ich sagen, fotografischen Genauigkeit, hart aneinandergereiht wie schwarze Perlen auf einer weißen Schnur und dort eine Tonlage, eine Stimmung, eine Prosodie, die aus einer anderen Realität zu kommen scheint, ironisch gebrochen und bis zur Unerträglichkeit leicht, wie eine zweite untere Strömung, die in eine andere Richtung verläuft: „Die Warterei ist der Freude nicht zuträglich.“ – „Es gibt wohl keinen neuen Gefangenen, meine ich, der sich nicht zu Anfang ein wenig über die Situation wunderte.“ – „Und da ich von den vielen neuen Erlebnissen, Eindrücken und Erfahrungen müde und schläfrig war, bin ich auch bald eingeschlummert.“ – „Ein bißchen möchte ich noch leben in diesem schönen Konzentrationslager.“

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