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Roman „Ein langes Jahr“ : Was für ein Hundeleben

Eva Schmidt: „Ein langes Jahr“, Verlag Jung und Jung, Salzburg 2016, 212 S., 20€. Bild: Markus Gmeiner/Jung und Jung

Spinnennetzprosa vom Bodensee: In ihrem neuen Roman meldet sich Eva Schmidt nach zwanzig Jahren Literaturpause mit einer Sammlung von Prosaminiaturen über Mensch und Hund zurück.

          Durch Hunde lernt man Menschen kennen, ob man will oder nicht, heißt es in Eva Schmidts Roman. Ihrer sanft fatalistischen Prosa lässt sich außerdem entnehmen, dass es nicht selten Enttäuschung ist, die einhergeht mit der menschlichen Liebe zu den Vierbeinern. Den verlassenen Frauen, die da abends aus ihren Stuben in fremde Fenster blicken, ist der Hund jedenfalls ein so steter Begleiter wie dem Jungen, der keine Freunde hat, oder dem alten Herrn Agostini, dessen Frau jüngst ins Pflegeheim gebracht wurde. Die Hunde müssen allerhand ausbaden, nicht zuletzt die heimlichen Sehnsüchte ihrer Besitzer, die sich schon in ihren Namen spiegeln: Agostini ruft seinen Hund Hem, weil er Hemingway so sehr liebt, und Kerk, der Hund aus vornehmem Hause, heißt eigentlich Albuquerque – nur weg von hier, will das heißen, und sei es in die Wüste.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ähnlich wie Silke Scheuermann, die vor Jahren in ihrem Roman „Die Häuser der anderen“ ein Bündel von Erzählungen über Hundebesitzer miteinander verknüpfte, geht die österreichische Erzählerin Eva Schmidt vor. Auch „Ein langes Jahr“, mit dem sie sich nach zwanzig Jahren Abstinenz zurückmeldet in der Literatur, ist – genau genommen – kein Roman, sondern eine Sammlung von achtunddreißig lose verschränkten Prosaminiaturen über Menschen und Hunde, die in einer namenlosen Stadt leben, an einem namenlosen See. Dafür wurde Schmidt soeben auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gewählt – was bei dem Verlag Jung und Jung durchaus etwas heißen will, der schon mit zwei Autorinnen am Ende Sieger war.

          Spinnennetze und anderes Wirrwar

          Schmidts Beschreibung der Stadt, die mit ihren vielen Ausbuchtungen und Engstellen aus dem Flugzeug aussieht wie ein „riesiger, mit dem Maul im Wasser liegender Fisch“, lässt Bregenz erkennen, die Stadt auf der österreichischen Seite des Bodensees und Wohnort der Autorin. Für ihre Literatur gibt Bregenz mehr noch in der Binnensicht einiges her, finden sich dort doch alte Villen in exklusiver Hanglage mit Seeblick neben neueren Siedlungen sowie trostlosen Hochhäusern, die zwischen Großmärkten und Tankstellen in den Himmel ragen. Die Hunde stellen im Buch die sichtbarste Verbindung zwischen den gegensätzlichen Milieus her. Wer mit Leine unterwegs ist, hat eben immer etwas zu reden. Und wenn einer nicht reagiert, wie die Eltern des wohlstandsverwöhnten Tom, ist das auch vielsagend.

          Feiner gewirkt als die Gassiwege sind die Blickachsen, die den Roman bald wie ein feines Netz durchziehen. Wer wem vom Balkon aus ins Wohnzimmer gegenüber schaut, wessen Blick sich von der Terrasse aufs nebelverhangene Wasser richtet und wie da ein Beobachter beim Beobachten plötzlich selbst zum Objekt der Betrachtung wird, das hat seine eigene Qualität. Würde man nur die Blicke der Textur auf einer Karte nachzeichnen, man erhielte ein beziehungsreiches Geflecht, das von der Autorin motivisch geschickt weitergetragen wird – in die Spinnennetztätowierung eines Mannes etwa oder in das Kabelgewirr des Gebäudes einer Stromfirma, das von den Bewohnern nicht zufällig Steckdosenhaus genannt wird. Oder in die Zeichnung einer Malerin: Ihr Wirrwarr aus Strichen und Linien lässt erst, wenn man einen Schritt zurücktritt, Gesichter und Figuren erkennen – und ebenso Eva Schmidts poetisches Konzept.

          Ein Hund bellt immer

          Eine dieser Blickachsen reicht bis ins ferne Kanada. Die frühere Journalistin, die sich gelegentlich in der Ich-Form äußert, hat das Reisen aufgegeben, schaltet dafür aber täglich die Webcam von Nova Scotia ein. Mit einem Freund, der dort lebt, verabredet sie sich vor der Kamera. Als er ihr zuwinkt, erwidert sie den verwackelten Bildschirmgruß, obwohl er sie nicht sehen kann.

          Die tonlose Kommunikation macht den Reiz dieser topographischen Erkundung aus. Heben die Figuren aber zu sprechen an, wird es bisweilen nichtssagend. Weil die Menschen, die in diesem Wimmelbild einander begegnen oder verpassen, oft zu stereotyp ausfallen. Da wird noch einmal illustriert, was sich längst erschlossen hat. Der Sohn aus wohlhabendem Haus, dessen Mutter die Familie verlassen hat, muss dann heimlich Frauenkleider tragen und sich die Lippen schminken. Der Bomberjackenträger, an dem ein Verlust nagt, hat nicht nur die Waffe im Einbauschrank, sondern putzt mit Hingabe seine Nazi-Stiefel. Die Frauen aus den Hochhäusern tragen verlässlich zu kurze Röcke, während die Männer zuschlagen, wenn die Worte fehlen. Und irgendwo in dieser trostlosen Welt bellt gewiss immer ein Hund.

          So vergeht „Ein langes Jahr“. Im Tod eines Hundes kündigt sich das Ende einer Ehe an. Auch Menschen sterben, bei einem Autounfall oder mit dem Strick. Andere versuchen zu fliehen, obwohl sie nicht wissen, wovor. Und wenn sich ein Aufbruch ankündigt, steht er unter dem Zeichen von „muddy river“. Alles ist fortgespült, heißt es in dem Song von Laurie Anderson: Was für ein verdammtes Hundeleben!

          Eva Schmidt: „Ein langes Jahr“, Verlag Jung und Jung, Salzburg 2016, 212 S., 20€.

          Quelle: F.A.Z.

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