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Roman über junge Kurdin : Wer eingesponnen ist, sieht die Fäden nicht mehr

„Blauschmuck“ ist der Begriff, den die Frauen benutzen, um die Verwundungen durch ihre Ehemänner zu beschreiben. Straßenszene im kurdischen Nordsyrien Bild: Helmut Fricke

In ihrem ersten Roman „Blauschmuck“ erzählt Katharina Winkler vom Martyrium einer jungen Kurdin und findet eine angemessene Sprache für das Ungeheuerliche.

          Den blauen Schmuck tragen fast alle Frauen, von denen hier die Rede ist. Ob als Reif um den Hals, als Armband ums Handgelenk oder gewunden um die Fußfesseln, variiert die Farbe. Sie funkelt hellblau wie bei Neclas Mutter oder dunkelblau wie bei der Mutter von Fidan. Sie mischt sich mit Rot- und Schwarztönen und schimmert von Woche zu Woche anders, manchmal auch von Tag zu Tag. Der „Blauschmuck“ ist ein Geschenk der Ehemänner und gilt als Privatsache. Doch es handelt sich nicht um kostbares Geschmeide, in Gold gefasste Saphire oder Aquamarine, sondern um fürchterliche Spuren der Gewalt. Es sind die Zeichen der Holzlatten und eisernen Gabeln, mit denen die Männer ihre Frauen regelmäßig verprügeln.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Die Anzahl der Schläge bestimmen den Blauton“ heißt es lapidar in Katharina Winklers Debüt. Ihr Buch schildert ein entsetzliches Schicksal, das offenbar für viele ähnliche stehen könnte. Die Lektüre wird nicht einfacher dadurch, dass die häusliche Gewalt, gegen die sich keine der Frauen in jenem kurdischen Tal zur Wehr setzt, der kleinen Filiz zunächst erspart bleibt. Für einen Moment meint man gar, das Mädchen könne aus der fatalen Folge dieser patriarchalischen Herrschaftsstrukturen heraustreten.

          Eine Sprache, die mit der Figur wächst

          Auf knappem Raum und aus ihrem eigenen Mund erfahren wir von dem fortwährenden Albtraum, den Filiz dann aber doch durchlebt. Aufgewachsen mit neun Geschwistern als Tochter von Bauern in großer Armut, glaubt sie an den Schritt in die Freiheit, als sie mit einem jungen Mann aus einem anderen Ort davonläuft – er war schon einmal in Deutschland, er will Filiz heiraten, sagt er, und sie nach Westeuropa bringen.

          Statt dessen wird alles nur schlimmer. So schlimm, dass sich die jung verheiratete Filiz, die nun im Haus ihrer Schwiegermutter lebt, bald nichts sehnlicher wünscht, als ins Tal ihrer Familie zurückkehren zu dürfen. Doch ihr Vater hat seine Tochter verstoßen. So muss sich Filiz mit der neuen Umgebung arrangieren, und schon bald reduziert sich ihr Spielraum auf ein Minimum: Die junge Frau wird von ihrem Ehemann brutal geschlagen, die Kinder auch, sie muss auf Anordnung der Schwiegermutter eine Burka tragen, „die Spinne hat mich gänzlich eingesponnen“, sagt sie dazu. Sie darf das Haus nicht verlassen, arbeitet Tag und Nacht, und ihre Kinder hungern, weil sich Yunuz, Filiz’ Ehemann, tagelang in der Stadt herumtreibt und alles Geld beim Zocken verliert. Selbst als die fünfköpfige Familie irgendwann mit einem Visum nach Österreich übersiedelt, bessert sich Filiz’ Lage nicht.

          Was in der Zusammenfassung fast kolportagehaft klingt, weil es tatsächlich die Klischees einer rückständigen, patriarchalischen Kultur transportiert, ist allerdings, wie die Autorin schreibt, nach „einer wahren Lebensgeschichte“ verfasst – allein dieses Wissen macht die Lektüre stellenweise kaum erträglich. Zugleich aber stellt man fest, dass die 1979 in Wien geborene Katharina Winkler eine Sprache gefunden hat, die diesem Stoff angemessen ist. Da ist zunächst der äußerst reduzierte Stil, in dem sie Filiz erzählen lässt, wie mit dem Blick auf den Boden gerichtet und doch beharrlich genug, um ihrer Geschichte endlich Raum zu geben. Dabei ist die Perspektive durchaus dem jeweiligen Alter angepasst, in dem Filiz die einzelnen Stationen ihres Leidenswegs erlebt. Nimmt Filiz die Welt, die sie umgibt, zu Beginn widerspruchslos hin und kann sich etwa über ihre Wanderungen mit dem Schulranzen auf die andere Seite der Berge freuen, wo „die Buchstaben und die Zahlen“ liegen, wandelt sich ihre Sprache im Laufe der Zeit. Die Offenheit weicht immer mehr der Verbitterung, und bald ist da nur noch die Ohnmacht einer Gefangenen, die sich nicht zu helfen weiß.

          Zudem kommen die Sichtweisen ihrer Umgebung gar nicht vor – was wir erfahren, erfahren wir durch sie, und das mit der hohen Intensität, die entsteht, wenn sich jemand Schritt für Schritt darüber klar wird, was ihm da eigentlich angetan wird. Indem diese starke individuelle Perspektive eingenommen wird, schützt die Autorin ihre Geschichte davor, als pauschale Zustandsbeschreibung wahrgenommen zu werden. Warum aber begehren Filiz und die anderen Frauen nicht auf? Der Grund ist nicht nur ihre körperliche Unterlegenheit.

          Zu den erschütterndsten Passagen des Romans zählen jene, in denen deutlich wird, dass die Frauen des Dorfs inzwischen derart an die Zustände gewohnt sind, dass sie die Wunden, die ihnen die Männer zufügen, als Auszeichnung verstehen und jene ächten, die mit makelloser Haut durchs Dorf spazieren. Auch Filiz wünscht sich als kleines Mädchen später einmal „eine blaue Frau“ zu werden. Sie kennt es nicht anders. Erst als sie die Zeichen männlicher Gewalt am eigenen Körper trägt, begreift sie, was ihr widerfährt. Dabei bleibt es zunächst – sich zu befreien gelingt ihr viele Jahre lang nicht. Und erst ein Epilog klärt knapp darüber auf, wie Filiz und ihre Kinder den zuletzt beinah tödlichen Schlägen entkommen sind.

          Katharina Winkler: „Blauschmuck“. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 196 S., geb., 18,95 €.

          Quelle: F.A.Z.

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