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Neue Bücher zu Roland Barthes : Was denkt der Liebende von der Liebe?

Da waren die „Fragmente einer Sprache der Liebe“ gerade erschienen, die ihren vor kurzem erst ans Collège de France gewählten Verfasser zum Medienstar machten: Roland Barthes im April 1977 in der Fernsehsendung „Apostrophes“ Bild: mention obligatoire©Louis Monier

Vor hundert Jahren wurde Roland Barthes geboren. Er war Philosoph, professioneller Stadtbewohner, ein großer Briefschreiber und passionierter Leser. Neue Bücher zeigen einen der vielseitigsten und aufmerksamsten Intellektuellen unserer Zeit.

          Der Strukturalismus fand im deutschen Sprachraum nicht viele Freunde und unter den wenigen kaum aktive. An Roland Barthes, einem seiner gedankenreichsten Exponenten, zeigt sich das. Sein Werk hat Bewunderer - wie den Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil, der sich in einem verspielten Buch touristisch und genießerisch auf die Spurensuche in der Heimat von Barthes begeben hat -, aber kaum Nachfolger. Wirkung entfaltete der 1980 verstorbene Literaturwissenschaftler und Linguist über seinen Stil und seine Gegenstände. Dass er über das Beefsteak und den Striptease, die Fotografie, die Mode und die japanische Kultur als Zeichensysteme Essays von geheimnisvoller Klarheit schrieb, wurde vor allem als hocherfreuliche Gebietserweiterung der Geisteswissenschaften wahrgenommen.

          Wer ihren älteren Aufgaben, zum Textverständnis beizutragen oder empirisches Wissen über Literatur zu gewinnen, sich entfremdet hatte, aber nicht zur Soziologie oder Ethnologie wechseln wollte, fand in Barthes einen Klassiker. Seitdem Barthes Ende der fünfziger Jahre damit begonnen hatte, Begriffe der Sprachwissenschaft unter dem Titel „Semiologie“ zur Analyse kultureller Objekte einzusetzen, ist eine ganze Deutungsindustrie des Alltäglichen entstanden.

          Was dabei oft auf der Strecke blieb, waren die ungemein skrupulösen Methoden und Begriffsbildungen von Barthes. Tausendfach wurden seine Zeitungsessays über das Catchen oder den 2CV zitiert und nachgeahmt. Doch fast niemand diskutierte den zweiten Teil der „Mythen des Alltags“, der die theoretischen Prämissen solcher Deutungen vorstellte. Was an Barthes überzeugte, war die intellektuelle Geste, nicht die strukturalistische Arbeit.

          Das „Schauspiel einer Funktion“

          Sein Essay über den Eiffelturm zeigt beide Seiten. Er ist blicköffnend und zugleich eine Übertreibung. Barthes’ Deutung des Eiffelturms beginnt damit, dass man dieses Denkmal der Weltausstellung von 1889 in Paris nicht nicht sehen kann - ein Aussichtsturm, der niemandem auf der Welt unbekannt ist und der von fast jeder Stelle in Paris gesehen wird.

          Um die begrifflichen Manöver zu verstehen, die Barthes liebte, muss man der Verwandlung dieses Befundes folgen. Der allgegenwärtige Eiffelturm wird zum „Objekt, das sieht“, zum „Blick, der gesehen wird“. Es folgt die Behauptung, das sei einzigartig, weil andere Objekte, die Dinge sehen, sich gerade nicht dem Blick darböten. Inwiefern das für Augen gilt, wie Barthes behauptet, könnte trotz der Behauptung, sie seien „mythisch betrachtet“ mit dem Verborgenen und dem Voyeurismus verbunden, diskutiert werden. Nüchterner ist jedenfalls die Feststellung, dass der Eiffelturm zum Symbol von Paris werden konnte, weil er ein reines „fast leeres“ Zeichen ist, das keine Bedeutung hat und darum unablässig mit Bedeutung angefüllt wird. „In ihm gibt es nichts zu sehen“, er ist auch nicht schön, sondern das „Schauspiel einer Funktion“, ohne eine zu haben; gegen den Vorwurf, er sei nutzlos, hatte sich schon sein Konstrukteur mühsam mit dem Hinweis verteidigt, man könne dort alle Arten wissenschaftlicher Messungen veranstalten. Anderen repräsentiert er die Moderne als solche.

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