Dieses Buch ist eine vertrackte, aber dadurch umso schönere Liebeserklärung an die deutsche Kultur. Verfasst hat es einer, der als kleiner Junge deutsche Soldaten erst als Alliierte bewunderte, dann als Besatzer seines Landes erlebte. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Roberto Zapperi dann nach und nach erfahren, dass er als Zeuge beim Tiefpunkt der Geschichte deutscher Tradition dabei war: Massenmord, Angriffskrieg, Herrenmenschentum.
Roberto Zapperi, heute bald achtzig Jahre alt, haben die deutsche Sprache und die so geschändete Überlieferung deutschen Geisteslebens dennoch immer weiter gefesselt - so sehr, dass er einige der erhellendsten Studien der vergangenen Jahrzehnte über Goethe schreiben konnte, dass er eine Deutsche heiratete, dass er gemeinsam mit ihr Klassiker der Geschichtsschreibung aus dem Deutschen übersetzte und - nebenbei - zu einem langjährigen fruchtbaren Mitarbeiter dieser Zeitung wurde.
Mit Genickschuss ermordet
„Eine italienische Kindheit“ hat Zapperi ausnahmsweise einmal nicht als historische Spurensuche geschrieben - wie seine neueste Mona-Lisa-Deutung oder seinen volkskundlichen Rundumblick vom „Schwangeren Mann“. Hier spricht nicht der Wissenschaftler, was bei Zapperi anders als bei vielen Kollegen gleichwohl immer auch heißt: der begnadete Erzähler. Hier aber setzt er sich selbst aus Erinnerungsfetzen, Familientraditionen und wenigen Zusatzquellen das eigene Heranwachsen unterm italienischen Faschismus zusammen.
Mit gutem Blick hat der Verlag eines der Ikonenbilder aus den Filmen des glorreichen Neorealismo zum Titelbild gewählt: den kleinen Jungen, der an der Hand seines Vaters durchs hungernde Nachkriegs-Rom streift, auf der Suche nach den Dieben ihres Fahrrades. Statt der Akteure Vittorio De Sicas könnte es sich auch um den kleinen Roberto handeln, der mit seinem Vater bei der Engelsbrücke von einem deutschen Militärlaster steigt, mit dem der Vater - Handelsmann auch im Krieg - Esswaren aus Florenz ins belagerte Rom schaffen konnte. Zapperi erzählt sehr anschaulich, - um nicht zu sagen: neorealistisch - wie es auf den Straßen der „offenen Stadt“ Rom 1943/45 zuging, wie die Wehrmacht bei Razzien Hunderte Passanten aufgriff, um sie als Zwangsarbeiter zu rekrutieren. Oder wie sie Geiseln festnimmt, um sie zur Vergeltung von Partisanenangriffen feige in Steinbrüchen vor den Toren der Stadt mit Genickschuss zu ermorden.
Als er dies, wenn überhaupt, am Rande mitbekommt, hat der kleine Roberto bereits eine zeittypische Odyssee aus dem heimatlichen Sizilien in die Gegend von Lucca und von dort in die Hauptstadt hinter sich, immer auf der Suche nach Auskommen, Sicherheit, Fortgang, allzeit dem quirligen Vater und der widerstrebenden Mutter hinterher.
Das Catania seiner Kindheit, in das er nach dem Krieg nurmehr ganz kurz zurückkehren sollte, schildert Zapperi mit distanziertem Respekt für die archaischen Familientraditionen, für die „weiße Magie“ der Großmutter, die als Wirtsfrau noch fest verankert war im Schadens- und Liebeszauber der Ruralwelt. Auf der anderen Seite macht der Autor aus seiner Verachtung für die Rückständigkeit der Feudalgesellschaft des Mezzogiorno kein Hehl, bestärkt durch seine Erkenntnisse als Historiker, kann er - anders als von ihm geringgeschätzte Autoren wie Tommasi di Lampedusa - keinen Wert in der „abgestandenen Ideologie“ einer vormodernen und abgeschotteten „Sicilianità“ erkennen.
Die Flucht als Weg ins Gelehrtenleben
Gerade die erstickende Präsenz eines bigotten und lebensfeindlichen Katholizismus, die strenge hierarchische Gliederung der Gesellschaft, die Sexualfeindlichkeit der getrennten Männer- und Frauenwelten hatten ja den kleinen Roberto eher unbewusst jene deutschen Soldaten bewundern lassen, die mit technischem Gerät, Effizienz und Benimm als Alliierte in Catania Telefonleitungen verlegten und Flugplätze vorbereiteten. Dass diese Germanen, die von den Sizilianern zumeist als Boten einer fortschrittlichen Zivilisation empfunden wurden, später mit derselben grimmigen Effizienz zu Massenmördern und Ausradierern ganzer Städte werden sollten, konnte und mochte der kleine Junge noch nicht sehen.
Überdeutlich wird auch, dass damals bei vielen Italienern Mussolinis operettenhafter und großmäuliger Faschismus niemals dieselbe Prägungskraft entwickelte wie die Hitlerei: Die italienische Diktatur, deren einzige erfreuliche Eigenschaft in einer gewissen Ineffizienz bestand und deren Kolonialabenteuer schon vor dem Zweiten Weltkrieg unrühmlich endeten, strafte bereits der kleine Roberto mit Verachtung.
Solche Flashbacks ins eigene Bewusstsein verleihen dem Buch eine besondere Authentizität. Zapperi oszilliert bei seinem Proustschen Erinnern zwischen dem unmittelbaren Erleben von damals und dem informierten Wissen von heute: Damals spielte er als Junge bei der römischen Porta Pia und wurde von den Einheimischen als sizilianischer Zuwandererbub übel gemobbt; heute weiß er, dass der verehrte Goethe dort im Park an seinem „Faust“ geschrieben hat. Damals versteckte sich der Junge mit seinem Vater in einem römischen Straßentunnel wie bei einem spannenden Geländespiel; heute weiß er, dass er dabei knapp der Verhaftung und möglichen Erschießung durch die Verbrecher der Wehrmacht entging.
Besonders interessant an diesem leisen, plaudernden Erinnerungsbuch sind die Brüche, die Zapperi geradezu herbeischreibt: Das schicksalhafte Einordnen einer ganzen Familie, deren Vorsteher dem Sozialismus nahestand, in den mühsamen Alltag unterm Faschismus - und doch bescherten Flucht und Umsiedlung dem heranwachsenden Roberto das Ausbrechen aus der Enge Siziliens, letztlich das Studium, das Gelehrtenleben. Ebenso vieldeutig beschreibt Zapperi die Ankunft der amerikanischen Befreier in Rom, die fraglos den Terror der Deutschen beendeten, aber gleichzeitig einen so rapiden Anstieg von Prostitution und Schwarzhandel einläuteten, dass sich sogar manche Antifaschisten nach dem strengen Regiment der Wehrmacht paradox zurücksehnten.
Die Deutschen waren auch nur Menschen
Nicht nur der Historiker, sondern auch der Autobiograph weiß eben: kein geschichtlicher Umbruch, keine persönliche Entwicklung vollzieht sich reibungslos und unwidersprüchlich. Dass die Deutschen in diesem Weltendrama die Bösen waren, erfährt Zapperi erst so richtig Jahre nach dem Krieg, als er sich nach Gesprächen in Spanien über Vernichtungslager und Rassenwahn zu informieren beginnt. Dass gleichsam in seiner Nachbarschaft die Menschen zur Ermordung deportiert worden waren, hatte das Kind weder in Gesprächen noch mit eigenen Augen mitbekommen. Und im Italien der direkten Nachkriegszeit war dieser Hauptaspekt des Nationalsozialismus - wohl aus Scham über die „Achse Rom-Berlin“ und allerhand individuelle Mittäterschaft - merkwürdig ausgeblendet worden. „Ich hatte mich geirrt“, schreibt Zapperi fast verbittert, „die Deutschen waren nicht so, wie ich geglaubt hatte.“
Erst langsam kann er seine Wut auf die Amerikaner - und sein eigenes schlechtes Gewissen als Überlebender - verarbeiten, nachdem alliierte Fliegerbomben seinen geliebten Bruder Arturo im März 1944 auf der Straße getötet hatten. Wer trägt in historischen Kontexten Schuld? Ist ein Kind nicht ein bloßer Spielstein der Geschichte? Ist am Ende nicht alles Zufall? Es zeichnet Zapperi aus, dass er aus dem Mischgrau der erlebten Tragik heraus moralische Urteile aus der Distanz eher noch schärft. Es ist für ihn völlig klar, dass der Krieg Hitlers und Mussolinis, dass die faschistische Politik beider Länder ein Verbrechen war. Aber sollte ein kultivierter Mensch deshalb Deutschland und seine Kultur als Ganzes für immer verdammen, wie Zapperi es nach 1945 bei vielen Landsleuten erlebte? „Vielleicht waren auch die Deutschen nur Menschen und zeigten sich von verschiedensten Seiten, manchmal auch von der brutalsten und schrecklichsten.“
Zufälle verändern das Leben
Zapperis Großvater war noch als sizilianischer Zitronenhändler kurz nach 1900 gen München zu seinen Kunden gereist und hatte der Familie Haarsträubendes über die hyperboräischen „Tedeschi“ berichtet: Unter den Matratzen - ein Missverständnis der dicken Federbetten - schliefen sie, und ein unaussprechliches Idiom sprachen sie; Pasta kannten sie keine. Nun hat der Enkel des entsetzten Zitronenhändlers Sitz in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und informiert die Deutschen über ihren Nationaldichter - das Ergebnis eines ganz persönlichen, durch viel Fleiß und Hartnäckigkeit zustande gekommenen Bildungsromans.
Und doch bleibt Zapperi lakonischer Historiker genug, um auch den Zufälligkeiten der eigenen Biographie Rechnung zu tragen. Mitten hinein in Zeilen der Trauer über den toten Bruder schreibt er: „Heute ist es mir klar: Der Krieg hat mich verändert. Ohne den Krieg wäre ich ein völlig anderer Mensch geworden.“ Was Roberto Zapperi dann intellektuell und moralisch aus der Geworfenheit in diese „italienische Kindheit“ gemacht hat, davon berichtet er nicht mehr.