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Robert Franks Fotografien : Unterwegs in einem schwarzweißen Land

Kussmünder, Cowboys: „Rodeo- Detroit” Bild: Robert Frank

Ein Jahr, 687 Filme, 25.000 Aufnahmen, destilliert zu einem Band mit 83 Bildern: Vor fünfzig Jahren erschien mit Robert Franks Reportage „Les Américains“ das wichtigste Fotobuch des Jahrhunderts. Franks Bilder reden Slang. Und sie erschüttern bis heute.

          Vielleicht nur ein einziges Mal in der Geschichte der Fotografie detonierte eine Bombe in dieser Größenordnung. Sie war von solcher Gewalt, dass der Lichtstrahl ihrer Explosion bis heute am Himmel steht: glühend, blendend, verführerisch schön und zugleich von solcher Grausamkeit, dass die Menschen nicht aufhören, sich vor dieser Attacke auf das Auge, auf das Bewusstsein und auf unsere Vorstellung von Ästhetik zu ducken, zu beugen - aber eben auch: zu verbeugen. Der Anschlag erreignete sich vor fünfzig Jahren, im Mai 1958.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Der französische Verleger Robert Delpire hatte damals den Band „Les Américains“ herausgebracht, die Bildgeschichte einer Reise durch die Vereinigten Staaten. Momentaufnahmen aus Großstädten wechseln darin ab mit Szenen der Provinz, Porträts folgen auf Stilleben folgen auf Architekturfotografien folgen auf Interieurs von Bars, Restaurants und Friseursalons. Hier ein endlos-leerer Highway, dort eine maßlos überfüllte Cafeteria und einmal die verlegen-traurig schauende Fahrstuhlführerin in irgendeinem Hochhaus in Florida. Mehr als ein Jahr war der Fotograf Robert Frank für diese Arbeit in den Vereinigten Staaten unterwegs gewesen, vom April 1955 bis zum Juni 1956, von New York nach Kalifornien, mit so vielen Umwegen, dass es heißt, er sei durch achtundvierzig Staaten gekommen.

          Ein Straßenkreuzer als Wohnung

          Die Guggenheim-Stiftung hatte ihm die Reise finanziert, damit er mit seinen Fotografien „einen Querschnitt durch die amerikanische Bevölkerung zeigen“ könne. Und Peggy Guggenheim hatte einen gebrauchten neunzehnhundertfünfziger Ford dazugegeben, einen Straßenkreuzer von der Größe eines Schiffs, der Frank und seiner Familie das Jahr über nicht nur Vehikel war, sondern oft genug auch Wohnung. Als Robert Frank von seiner Reise zurückkam, hatte er sechshundertsiebenundachtzig Kleinbildfilme belichtet, das sind fast fünfundzwanzigtausend Aufnahmen. Aber am Ende wählte er nur dreiundachtzig Bilder aus, die er sorgsam sortiert zu einem Buch arrangierte.

          „Kinopremiere - Hollywood”. Für die Neuausgabe hat Frank manche Bildausschnitte neu festgelegt

          Die Sprengkraft seiner Arbeit war augenblicklich zu erkennen. Deshalb wollte in Amerika niemand den Bildband verlegen. Deshalb erschien die erste Auflage in Frankreich. Mit solch stilloser Beiläufigkeit präsentierte Frank den amerikanischen Alltag, dass sich die Ablehnung zunächst auf vermeintlich technische Unzulänglichkeiten stützen konnte: auf die angeschnittenen Personen und abgeschnittenen Köpfe, die Unschärfen und falschen Belichtungen, das grobe Korn und die bisweilen verkanteten Bildhorizonte. Aber seine Entdeckung unterwegs ließ sich nicht wegreden: Die Tristesse, die allerorten wie Mehltau auf dem Leben lag. Die Rezensionen in den Vereinigten Staaten waren vernichtend. Frank wurde als perverser Lügner bezeichnet, der sich an dem Elend weide, das er mit seinen Fotos überhaupt erst geschaffen habe. Robert Frank fühlte sich zutiefst missverstanden. „Eine Meinung zu haben bedeutet oft, kritisch zu sein“, verteidigte er seinen Ansatz. „Kritik kann allerdings auch auf Liebe beruhen.“ Mehr als alles andere verbirgt sich hinter den Bildern eine bittere Enttäuschung.

          Einzig der Lack lacht und glitzert

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