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„Risiko“, ein Vorabdruck (1) : So wird das Wetter

  • -Aktualisiert am

Bauchgefühle? Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung erforscht deren Tauglichkeit Bild: Julia Zimmermann

Wir werden von morgens bis abends bombardiert mit Statistiken und Vorhersagen. Macht uns das klüger? Treffen wir deswegen schon die richtigen Entscheidungen? Fakt ist: Wir riskieren zu wenig.

          In einer Wettervorhersage des amerikanischen Fernsehens wurden die Aussichten für das Wochenende einmal wie folgt angegeben: Die Wahrscheinlichkeit, dass es am Samstag regnen wird, beträgt 50 Prozent. Die Aussicht, dass es am Sonntag regnet, liegt ebenfalls bei 50 Prozent. Daher wird es am Wochenende mit einer Wahrscheinlichkeit von 100 Prozent regnen. Die meisten von uns werden darüber lächeln. Aber wissen Sie, was es bedeutet, wenn es im Wetterbericht heißt, dass es morgen mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent regnen wird? 30 Prozent von was?

          Ich lebe in Berlin. Die meisten Berliner glauben, es werde morgen während 30 Prozent der Zeit regnen, das heißt sieben bis acht Stunden. Andere meinen, es werde in 30 Prozent der Region regnen, das heißt höchstwahrscheinlich nicht dort, wo sie wohnen. Die meisten New Yorker halten beides für Unsinn. Sie sind der Überzeugung, es werde an 30 Prozent der Tage, für die diese Vorhersage gemacht wurde, Regen geben, das heißt, morgen werde es höchstwahrscheinlich nicht regnen.

          Sind die Leute völlig verwirrt? Nicht unbedingt. Zum Teil liegt es daran, dass viele Experten nie gelernt haben, Wahrscheinlichkeiten richtig zu erklären. Wenn sie verständlich machen könnten, auf welche Kategorie sich die Regenwahrscheinlichkeit bezieht - Zeit? Region? Tage? -, würde die Verwirrung verschwinden. Tatsächlich wollen die Meteorologen damit sagen, dass es an 30 Prozent der Tage regnet, auf die sich die Vorhersage bezieht. Und „Regen“ bezieht sich auf jede Menge oberhalb einer winzigen Schwelle, wie 0,1 Millimeter.

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          Auf sich selbst gestellt, suchen sich die Menschen eine Referenzklasse aus, die ihnen sinnvoll erscheint - etwa, wie viele Stunden, wo oder wie stark es regnet. Phantasievollere Befragte finden noch andere Klassen. Eine Frau in New York: „Ich weiß, was 30 Prozent bedeuten: Drei Meteorologen denken, es wird regnen, und sieben nicht.“ Ich sehe das folgendermaßen: Neue Vorhersagetechniken haben den Meteorologen die Möglichkeit gegeben, rein verbale Äußerungen der Gewissheit („Morgen wird es regnen“) oder der Wahrscheinlichkeit („Es ist möglich, dass“) durch numerische Exaktheit zu ersetzen. Aber größere Exaktheit hat nicht zu größerer Klarheit über die Bedeutung der Nachricht geführt.

          Die Verwirrung bezüglich der Niederschlagswahrscheinlichkeit hat vielmehr bestanden, seit diese in Amerika 1965 zum allerersten Mal in der Wettervorhersage genannt wurde. Diese Verwirrung ist nicht auf Regen beschränkt, sondern macht sich stets bemerkbar, wenn eine Wahrscheinlichkeit mit einem einzelnen Ereignis verknüpft wird, zum Beispiel: „Wenn Sie ein Antidepressivum nehmen, haben Sie eine dreißigprozentige Wahrscheinlichkeit, ein sexuelles Problem zu bekommen.“ Heißt das, dass 30 Prozent aller Menschen ein sexuelles Problem entwickeln oder dass Sie selbst ein Problem bei 30 Prozent Ihrer sexuellen Begegnungen haben werden?

          Die Auflösung dieses weitverbreiteten und langandauernden Wirrwarrs ist überraschend einfach: Wenn man Meteorologen beim Fernsehen beibringen würde, wie man den Zuschauern solche Sachverhalte vermittelt, brauchte man noch nicht einmal zu fragen. Pitschnass zu werden ist ein geringes Risiko, obwohl die Niederschlagswahrscheinlichkeit in manchen Fällen - für Autorennen etwa - durchaus eine Rolle spielt. Vor einem Grand-Prix-Rennen der Formel 1 ist eine der meistdiskutierten Fragen die Wettervorhersage - die Wahl der richtigen Reifen ist entscheidend für den Sieg.

          Gleiches gilt für die Nasa: Die Wettervorhersage ist ausschlaggebend für die Entscheidung, ob der Start eines Spaceshuttle stattfinden kann oder verschoben werden muss - wie der Challenger-Unfall tragisch zeigte. Doch für die meisten Leute geht es nur darum, ob sie einen Familienausflug unnötigerweise absagen oder nasse Füße bekommen. Vielleicht missverstehen die Menschen die Niederschlagswahrscheinlichkeit nur deshalb, weil so wenig auf dem Spiel steht. Sind wir risikokompetenter, wenn es um etwas wirklich Wichtiges geht?

          Denkstücke für mehr Aufklärung

          Die ökonomische Entscheidungstheorie verkauft uns seit Jahrzehnten für dumm. Entweder sie entwickelt Modelle des rationalen Handelns, die beim Entscheider riesige Rechenkapazitäten, perfekt geordnete Zielvorstellungen und hochgradige Informiertheit voraussetzen. Oder sie spricht von „bounded rationality“, beschränkter Rationalität, um Abweichungen von diesen Idealen zu beschreiben, die Alltagsdummheit gewissermaßen und die Kurzschlüsse, zu denen wir, weil wir nicht rechnen wollen oder können, gezwungen sind.

          Der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, Direktor am dortigen Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, sieht es umgekehrt. Für ihn kommen gute Entscheidungen und richtige Lösungen oft gerade dadurch zustande, dass auf Informationen, auf komplexe Entscheidungsregeln oder auf mehr Berechnungen verzichtet wird. Im Laborexperiment irren sich Amerikaner bei der Frage „Welche Stadt ist größer: San Francisco oder Austin?“ öfter als Deutsche, weil Amerikaner auch Austin kennen, die Deutschen aber nach dem Bauchgefühl antworten: „Die bekanntere Stadt wird auch die größere sein“. Also ist es für die Theorie wie für die Praxis der Entscheidungen von Belang, wann mehr Information besser ist und wann nicht.

          Gigerenzer erforscht die Tauglichkeit solcher Bauchgefühle und Daumenregeln (Heuristiken). Außerdem interessiert ihn, welche Art von Informationen, zum Beispiel welche Art von Zahlen die Qualität des Entscheidens erhöht. Sein Buch „Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“, das am 18. März in den Buchhandel kommt und aus dem wir in den nächsten Tagen kurze Denkstücke vorab drucken, ist darum auch ein Plädoyer für statistische und mathematische Aufklärung. Denn unsere Schulen entlassen die Jugendlichen mit Kenntnissen über die Unterschiede zwischen „Faust I“ und „Faust II“, aber wie man eine Statistik über Brustkrebsrisiken interpretiert oder das Abzahlungsschema eines Kreditvertrages, das wissen selbst die meisten Erwachsenen nicht. Oder wissen Sie, was es bedeutet, dass es morgen mit dreißigprozentiger Wahrscheinlichkeit wieder schneien wird? (kau.)

          Gerd Gigerenzer: „Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“. C. Bertelsmann Verlag, 400 S., gebunden, 19,99 €, erscheint am 18. März.

          Quelle: F.A.Z.

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