08.07.2004 · "Die Beschießung des Botanischen Gartens" von Donald Antrim ist ein kleines Buch von ausgesuchter Hinterhältigkeit, eine rasend komische und zugleich beklemmende Vision des Zivilisationzerfalls im Herzen Amerikas.
Mit einem geliebten Buch ist es wie mit jeder Eroberung: Man will sie aller Welt zeigen, aber mit niemandem teilen. Daher ist der Liebhaber enttäuscht, wenn seine Wahl auch die eines Nebenbuhlers ist, und wacht darüber, nicht als Nachahmer zu erscheinen. Mein Lieblingsbuch, das haben Stichproben bestätigt, ist eine einsame Schönheit. Niemand hat sie je besessen, und mir ist sogar entfallen, wie ich ihre Bekanntschaft machte: "Die Beschießung des Botanischen Gartens" von Donald Antrim, auf deutsch 1999 in der Zürcher "Edition Epoca" erschienen, ist ein kleines Buch von ausgesuchter Hinterhältigkeit, eine Satire auf das Kleinbürgertum, eine rasend komische und zugleich beklemmende Vision des Zivilisationzerfalls im Herzen Amerikas.
An einer Kleinstadt am Atlantik wird durchexerziert, was geschieht, wenn pädagogischem Furor und Bürger(wahn)sinn freier Lauf gelassen wird. Durch die verzerrende Brille des angesehenen, aber psychopathischen Lehrers Pete nehmen wir Anteil daran, wie ein Gemeinwesen mit schwacher Exekutive im Nachbarschaftskrieg versinkt: Der Bürgermeister schießt amoklaufend mit Stinger-Raketen um sich und wird von einem Femegericht zum Tod durch Vierteilen verurteilt, bei dem Angelschnüre und Allradjeeps eine tragende Rolle spielen. Das Schulwesen wird per Bürgerentscheid abgeschafft, während sich die Hobbygärtner in der Anlage von tödlichen Fallgruben zu übertreffen suchen und der Bestand der Leihbücherei zur Minenräumung im Stadtpark dient.
Esoterikfieber und Waffenlobby, Kommunitarismusdebatte und family values - nichts bleibt ungeschoren. Im Original 1993 erschienen, nimmt dieser makabre Anti-Leviathan, der klingt, als habe Richard Ford eine Folge von "Southpark" adaptiert, viele der Selbstzweifel vorweg, die den Westen heute plagen. Antrim, Jahrgang 1959 und ebenso aufregend wie seine bekannteren Kollegen Franzen oder Eugenides, zeigt in seinem perfekt konstruierten Roman, was der deutschen Literatur fehlt: eine Mischung aus Witz, Intelligenz und Bosheit.