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Richard Kämmerlings : Im Hafen: Großmutters Märchen aus „Woyzeck“

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Läßt Großmutter erzählen: Georg Büchner Bild: picture-alliance / dpa

Es ist eines der kürzesten und finstersten Märchen der Weltliteratur, welches die Großmutter den Kindern in Georg Büchners „Woyzeck“ vorliest. Die himmlische Währung gilt nichts mehr.

          Die Großmütter sind schuld. Genauer gesagt, ihr Fehlen in vielen heutigen Patchwork- und Teilzeitfamilien. Immer weniger Kinder bekommen Märchen vorgelesen, und was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr: In zwanzig Jahren werden Erwachsene als ihr Lieblingsmärchen wohl flächendeckend „Harry Potter“ angeben. Aber ist das in jeder Hinsicht zu beklagen?

          Kein grauslicher special effect des letzten Potter-Films kommt dem Horror gleich, den diese Großmutter ihren kleinen Zuhörerinnen zumutet: „Es war einmal ein arm Kind und hat kei Vater und keine Mutter war Alles tot und war Niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es ist hingangen und hat gerrt Tag und Nacht. Und wie auf der Erd Niemand mehr war, wollt's in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an und wie's endlich zum Mond kam, war's ein Stück faul Holz und da ist es zur Sonn gangen und wie's zur Sonn kam, war's ein verwelkt Sonneblum. Und wie's zu den Sterne kam, warn's klei golde Mücken, die warn angesteckt wie der Neuntöter sie auf die Schlehe steckt und wie's wieder auf die Erd wollt, war die Erd ein umgestürzter Hafen und war ganz allein und da hat sich's hingesetzt und gerrt, und da sitzt' es noch und ist ganz allein.“

          Zum Gerren

          Dieses Märchen zum „Gerren“ (hessisch: „Weinen“) setzt die Großmutter den Kindern in Georg Büchners „Woyzeck“ (1836) vor. Zuvor hatte Marie sie mit der bereits merkwürdig morbiden Einleitung „Ringle, ringel Rosekranz, König Herodes“ dazu aufgefordert: „Großmutter erzähl!“ Es ist eines der kürzesten und finstersten Märchen der Weltliteratur - eine Postapokalypse, in der jeder denkbare Strohhalm noch einmal ausdrücklich zerknickt wird. Aus Verzweiflung und völliger Einsamkeit ist nicht einmal eine Flucht in die Transzendenz möglich. Jede eskapistische Phantasie schlägt auf dem Boden der schrecklichen Tatsachen auf.

          Die Sterne, die bei den Grimms dem armen Waisenkind als Münzgeld ins Hemdlein fallen, sind hier Mücken, die der Neuntöter (eine Vogelart) zum späteren Verzehr auf den Schlehdorn spießt. Die himmlische Währung gilt nichts mehr. Und nach der dreifachen, höhnischen Zerstörung jeder Erlösungshoffnung ist die schon zuvor totenstille Erde ein umgestürzter „Hafen“. Der Kommentar der Werkausgabe setzt noch eins drauf: Das sei ein oberdeutsches Wort für „Topf, auch Nachttopf“.

          Bei Büchner steht das Märchen schon im ersten Entwurf, an einer Schlüsselstelle unmittelbar vor der Mordszene selbst und ist somit als Kommentar zur Dramenhandlung zu lesen. Direkt nach der Erzählung tritt Woyzeck auf und holt seine untreue Geliebte. „Marie: Wohinaus - Woyzeck: Weiß ich's?“ Es gibt keinen Ausweg denn den Tod: Und wenn das Kind nicht gestorben ist, sitzt es noch heute und „gerrt“.

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