http://www.faz.net/-gr0-8zoip

200. Geburtstag von Thoreau : Früh am Morgen ein Schluck kondensierter Wolke

Henry David Thoreau (1817 bis 1862), daguerreotypisiert von Benjamin D. Maxhan Bild: mauritius images

Waldgänger, Sprachkünstler und entschiedener Lebensreformer obendrein: Neue Bücher von und über Henry David Thoreau, dessen zweihundertster Geburtstag heute begangen wird.

          Selbst wenn einen Henry David Thoreaus Denkschriften, seine Aphorismen, seine Ironie und nicht einmal seine Naturbeschreibungen beeindrucken sollten, was unwahrscheinlich genug ist, käme man doch nicht umhin, den außergewöhnlichen Einfluss anzuerkennen, den er auf seine nächsten Mitmenschen ausübte. Ralph Waldo Emersons „Thoreau“-Essay, ursprünglich die Grabrede für den Freund, oder Louisa May Alcotts Kurzgedicht, das sie zu seinem Tod schrieb, gehören sicher zu den einfühlsamsten und rührendsten Dokumenten, die je über einen Menschen geschrieben wurden.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Poetische Intuition und humanistische Großzügigkeit erreichen in beiden Texten einen Grad der Anschaulichkeit, der dann doch wieder auf Thoreaus Werk zurückweist.

          Spring came to us in guise forlorn;
          The bluebird chants a requiem;

          The willow-blossom waits for him; –
          The Genius of the wood is gone.

          (Das Frühjahr kam in trostlosem Gewand zu uns; /
          Der Hüttensänger singt ein Requiem; /
          Die Weidenblüte erwartet ihn; – /
          Der Genius des Waldes ist fort).


          So wurde Thoreau von Louisa May Alcott nachgerufen, seiner wohl gelehrigsten Schülerin, die Jahre nach seinem Tod mit „Betty und ihre Schwestern“ eines der berühmtesten Kinderbücher der Weltliteratur schreiben sollte.

          Dass ausgerechnet zwei Vertreter des amerikanischen Transzendentalismus so mitreißende Worte fanden, ist dabei nicht verwunderlich. Neigte diese Bewegung doch dazu, den Menschen zu einem natürlich-sympathischen Möglichkeits-Wesen zu verklären. In Thoreau fand sie ihr Vorbild – und zugleich die perfekte Projektionsfläche für eine Vielzahl ihrer Seitentriebe.

          Neuauflagen zum 200. Geburtstag

          Was für ein Zufall, dass Ralph Waldo Emerson, Erfinder des Transzendentalismus, im Jahr 1835, Thoreau war da noch ein Teenager, ausgerechnet in dessen Heimatstadt Concord gezogen war. Emerson erlebte Thoreau dort später als Lehrer und Bleistift-Fabrikanten, als Hausmeister und Gärtner, als Schriftsteller und Landvermesser. Zeitweilig wohnte Thoreau sogar in seinem Haus und durfte Emersons Grundstück am Walden Pond für sein berühmtes Blockhüttenexperiment des Jahres 1845 nutzen.

          Thoreau war das perfekte Anschauungsmaterial für Emersons Weltsicht, der zufolge das intuitive Erfassen des Göttlichen auch in den kleinsten Regungen der Natur möglich zu sein hatte. Und Thoreau wusste tatsächlich genau, das zeigen seine Schriften, wann und wo in Concord gerade die nächste Walderdbeere reif geworden war. „Natur“ hieß Emersons berühmtestes Werk, und dieses war Thoreau ebenso heilig wie die Natur selbst. Wenn Thoreau mit seinen Schülern in den Wald ging, sagte er, jetzt gehe es „in den Himmel“, wobei man gerne wüsste, was genau ihm dabei vorschwebte.

          An diesem Mittwoch wird Henry Davis Thoreaus zweihundertster Geburtstag begangen. Einige erstmals veröffentlichte oder neu bearbeitete Texte wie der zweite Teil der auf mehrere Bände angelegten Tagebücher sind gerade im Verlag Matthes und Seitz erschienen, Suhrkamp hat eine neue Thoreau-Biographie von Frank Schäfer vorgelegt und Insel die Übersetzung eines schon vor zehn Jahre erschienenen amerikanischen Buchs von Susan Cheever, „American Bloomsbury“, das von dem Kreis handelt, der sich um Emerson und Thoreau in Concord scharte und der bis hin zu Nathaniel Hawthorne, Edgar Allan Poe, Walt Whitman und Herman Melville reichte. Zu sagen, dass in Concord, wo einst die ersten Kämpfe des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs ausgetragen wurden, die amerikanische Literatur auf den Weg gebracht wurde, ist tatsächlich nur eine geringe Übertreibung.

          Weitere Themen

          Tourismus zerstört Postkarten-Idylle Video-Seite öffnen

          Inselparadies Raja Ampat : Tourismus zerstört Postkarten-Idylle

          Der Archipel im Osten Indonesiens gilt als neuer Tourismus-Hotspot des Landes: Türkisfarbenes Wasser, entlegene Inseln und unberührte Natur. Doch insbesondere die indigene Bevölkerung sieht die Entwicklung kritisch und fürchtet neben ökologischen Schäden auch einen Identitätsverlust.

          Auf Tuchfühlung mit Haien Video-Seite öffnen

          Gefährliche Fotografie : Auf Tuchfühlung mit Haien

          Er gilt als Haiflüsterer. Dabei hatte Jean-Marie Ghislain sein Leben lang Angst vor dem Meer. Der Belgier stellte sich seiner Angst, lernte Tauchen und schafft faszinierende Aufnahmen von Haien, Walen und Delfinen.

          Topmeldungen

          Toronto vom Wasser aus betrachtet - auf der Seite will Google die „smart City“ bauen.

          „Smart City“ : Hier baut Google die intelligente Stadt

          Viele Roboter, wenige Autos und Müll und Pakete werden unterirdisch transportiert: Der Technologiekonzern Alphabet hat sich eine Metropole für sein nächstes großes Projekt ausgesucht. Darum geht es.
          Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy kann im Katalonien-Konflikt auf die Unterstützung aus der Opposition hoffen.

          Konflikt in Spanien : Selten harmonisch

          Von der Minderheitsregierung zur gefühlten großen Koalition: Die Katalonien-Krise eint die Parteien in Madrid. Sie wollen die Wahl eines neuen Regionalparlaments in Katalonien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.