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David Lynch-Biographie : Vieldeutige Geschichten

Seine Arbeit will sich bewegen: Filmemacher David Lynch, hier im vergangenen November beim Camerimage International Film Festival in Bydgoszcz, Polen. Bild: REX/Shutterstock

Die gar nicht so seltsame Biographie eines Künstlers, der ziemlich seltsame Sachen malt, dichtet und dreht: „Traumwelten“ von Kristine McKenna und David Lynch.

          Der ausgesucht höfliche, ein bisschen linkische, aber alles andere als demonstrativ introvertierte Mensch kam aus einer Kleinstadt, wo alle und alles zu dicht aufeinanderhockten. Dort wollte er nicht bleiben, weil er es vorzog, sich einen Ort zu suchen, wo die Widersprüche der Wirklichkeit, des Empfindens und des Denkens ein bisschen mehr Platz haben als im Gewöhnlichen, um aufeinander zu wirken und sich füreinander zu interessieren. Weil die Überwindung der inneren Enge, die sich als Abdruck der kleinstädtisch und kleinbürgerlichen äußeren in die Seele prägt, anstrengende Arbeit ist, ließ er sich unterwegs von einer Sekte das Meditieren beibringen. Ganz darin verschwunden ist er zum Glück nie; ein Nirwana, wo sich Widersprüche auflösen wie Kandis in heißem Tee, interessiert ihn nicht.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Statt also der Erleuchtung hinterherzulaufen, beschäftigt er sich lieber damit, die Schönheit abgeschnittener Ohren („Blue Velvet“, 1968), knirschender Tonspurmanipulationen, die sich anhören, als hätte jemand alle Mikrofone am Drehort durch Gewürzmühlen ersetzt („Twin Peaks: Fire Walk With me“, 1992), und verschmierter Gesichtszüge auf dehnbaren Oberflächen („Inland Empire“, 2006) gleichzeitig zu untersuchen, zu inszenieren, zu fürchten und zu feiern.

          Wohltuend wenig psychologisiert

          Zum Kino, wo er all das treibt, kam David Lynch von der Seite: Er war Student der Malerei, als sich auf einem seiner Gemälde „ein Windhauch“ regte, wie er sagt. Der junge Künstler sah’s als Hinweis, dass seine Arbeit sich bewegen wollte, und nahm den ersten Film in Angriff, bei dem unter anderem Polyesterharz außerplanmäßig Feuer fing und zwei volle Monate Dreharbeiten nicht die geplanten zweieinhalb Minuten Spielzeit hervorbrachten, sondern zunächst überhaupt nichts – die Kamera war kaputt, keinerlei Aufzeichnung hatte stattgefunden. David Lynch „schlug die Hände vors Gesicht und weinte zwei Minuten lang. Dann sagte er ,Scheiß drauf!‘ und ließ die Kamera reparieren. Er war immer sehr diszipliniert.“

          Das Buch „Traumwelten“ von Kristine McKenna und David Lynch, in dem diese Anekdote steht, hat mit Recht keine Lust, sich zu entscheiden, ob es lieber eine Recherche der Autorin oder eine Autobiographie des Autors sein will. Wohltuend wenig wird in dem dicken, aber kurzweiligen Band psychologisiert oder genealogisiert (die Mutter ein Stadtmensch, der Vater vom Land, Yin, Yang, Ahörnchen und Behörnchen, so what?). Stattdessen bleibt eine wichtige Wahrheit dezent, aber durchgängig im Hintergrund präsent: Wären David Lynchs Filme, graphischen Erzeugnisse und unklassifizierbaren Online-Experimente nicht so eigen, würde sich niemand für Lynchs Biographie interessieren, die nicht sonderlich eigen ist; man kann Leuten, die Kunst verstehen wollen, nichts Besseres und Gesünderes in die Hand geben als einen Text, der sich nirgends darüber betrügt, dass Herkunft bei Kunst nichts erklärt, nichts verbürgt und nichts beweist, sondern den vielen Brillen, durch die man sie betrachten kann, nur eine weitere hinzufügt, nicht besser und nicht schlechter als andere.

          Kristine McKenna ist Journalistin und seit Jahrzehnten mit Lynch befreundet. Für „Traumwelten“ (im Original zugleich bescheidener und vager, also absolut lynchgemäß: „Room to Dream“) hat sie sämtliche Menschen befragt, die Lynch je gesprochen, an ihm gerochen oder ein Stück von ihm abgebissen haben. Die Kapitel, in denen sie die Protokolle dieser Unterredungen (gekürzt aufs mehr oder weniger Verständliche) wiedergibt, wechseln ab mit anderen, in denen Lynch ihr weniger widerspricht, als sie vielmehr so ausführlich ergänzt, dass man beiden nicht mehr so recht glaubt, aber immer lieber dabei zuschaut, wie sie so plausibel wie möglich ihre vieldeutigen Geschichten spinnen.

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