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Emanzipationsroman : Verrat an der Schönheit des Lebens

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Momente des Umdenkens in „Verlieren und Gewinnen“ - Ruinenstadt Hiroshima. Bild: AP

Krieg, Liebe und Unabhängigkeit: Sutan Takdir Alisjahbanas Roman „Verlieren und Gewinnen“ erzählt von der indonesischen Gesellschaft während des Zweiten Weltkriegs.

          Der nicht nur in Titel und Umfang an Tolstois „Krieg und Frieden“ erinnernde Roman „Verlieren und gewinnen“ schildert das Schicksal Indonesiens als Schattentheater und Spielball der Mächte im Spiegelkabinett von Propaganda, Täuschung und Herrendiensten. Er ist Indonesiens literarisches Unabhängigkeitsmanifest. Sein Autor Sutan Takdir Alisjahbana (1908 bis 1994) war Philosoph, Linguist, Begründer des modernen Indonesischen und Mitglied des ersten Parlaments.

          Sein nur halbfiktiver Roman erschien 1978 und reicht von der Dämmerung holländischer Kolonialherrschaft, als die Alliierten den Japanern 1942 in der Schlacht in der Javasee unterlagen, über die Kapitulation Japans bis zur Unabhängigkeitserklärung durch die politischen Führer und späteren indonesischen Staatsmänner Sukarno und Hatta. „Verlieren und gewinnen“ schildert Zeitgeschichte auch als Krieg hehrer Verheißungen von „ethischer Politik“: Zunächst wurde das asiatische Brudervolk als Befreier begrüßt, im Irrglauben, nun die „Unabhängigkeit auf dem Silbertablett“ serviert zu bekommen. Der Roman zeigt das intellektuelle Dilemma kalkulierter Kollaboration wie Kunstausstellungen zum Jahrestag des Angriffs auf Pearl Harbor und die zweischneidige Unterstützung des japanischen Kampfs gegen westliche Mächte als Mittel, um für Indonesiens Unabhängigkeit zu wirken.

          Ein Sprachenbüro als Treffpunkt der Freidenker

          Um das Holländische zu tilgen, ernennen die Besatzer den Protagonisten Hidayat, ein Alter Ego Alisjahbanas, zum Leiter des sogenannten Sprachenbüros, das sich um die Entwicklung eines indonesischen Wörterbuchs und einer Einheitssprache verdient machte. Im Roman wie in der Realität wird es zum Treffpunkt verschiedener Dichter, Freidenker und Freiheitskämpfer.

          „Verlieren und gewinnen“ spielt im Fadenkreuz von Aufklärung, javanischem Mystizismus und japanisch-schintoistischer Kultur. Drei Liebespaare illustrieren die Spannungsverhältnisse. Da wären der rationale Hidayat und seine Frau Kartini (ihr Name erinnert an die Kämpferin für die Emanzipation, Raden Adjeng Kartini), die bei aller Modernität an die Kräfte eines Wunderheilers (Dukun) glaubt. Ferner zwei Kriegswitwen, die Liaisons mit einstigen Feinden eingehen: Hier ein amour fou zwischen der Eurasierin Lien Venendal und dem Leiter des japanischen Handelsbüros Anami und zum anderen die deutschschweizerische Humanistin Elisabeth, die sich in den japanischen Offizier Okura verliebt. Kultureller Zwist tritt auch in der angeblich „gemeinsamen Wohlstandssphäre“ Indonesien zutage, als sich die dort ansässigen Muslime, statt gen Mekka zu beten, in Richtung des japanischen Kaiserpalastes verbeugen müssen. Allerdings lenken die pragmatischen Besatzer ein, um den Muslimen Vielgötterei zu ersparen.

          Anerkennung auch in Japan

          Alisjahbana verdeutlicht Konzepte japanischer Kultur und fand mit dem Roman auch in Japan Anerkennung. Ostwestliche Streitgespräche zwischen der libertär-intellektuellen Elisabeth und dem als Spross eines Samurai-Clans dem Weg des Kriegers und der Ars moriendi verpflichteten Okura sind die stärksten Szenen im Buch: „Es gibt nichts Schöneres und Wunderbareres als dieses, unser Leben! Der Tod ist der absolute Gegensatz vom Leben und jede Glorifizierung des Todes ist ein Verrat an der Schönheit und Größe des Lebens.“

          Wenn Alisjahbana Greueltaten an den Romusha (Zwangsarbeiter), Zwangsprostitution oder die gefürchtete japanische Militärpolizei Kempeitai schildert, zeigt er auch die Genese und Verblendung der militarisierten japanischen Mentalität. Hoffnungsschimmer auf bessere Zeiten finden sich nur in Natur und Tradition: Hidayat macht durch sein Zellenfenster Blüten eines Flammenbaums als Keim der Revolution aus, und das Volk sucht Halt in den alten Prophezeiungen von einem König aus Java, mit dem eine „Rasse von Gelben das Land in Besitz nehmen wird, aber nur für die Dauer einer einzigen Ernte“.

          Momente des Umdenkens von Okura finden sich in der Ruinenstadt Hiroshima, wo der Samurai-Geist angesichts des atomaren Overkills anachronistisch wird. Ausgerechnet auf dem heiligen Fuji – als Kriegsgeschädigter fährt der junge General per Auto zum Aussichtsplateau, kann aber nicht mehr wie ehedem den Gipfel erklimmen – begreift Okura in einer Art Erleuchtung die Notwendigkeit der Schaffung einer die Nationen als Bezugspunkte überwindenden Weltkultur. Manchmal etwas elegisch, doch stets tiefenscharf, entlarvt der bei uns erst zu entdeckende Alisjahbana die Schattenwürfe des Faschismus als „Schritt zurück in das Zeitalter der Mythen“.

          Sutan Takdir Alisjahbana: Verlieren und gewinnen. Roman. Aus dem Indonesischen von Heinrich Seemann. Bibliothek der Entdeckungen, Bd. 12. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2018. 656 S., geb., 26,– .

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