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Stuckrad-Barres „Panikherz“ : Der Dauerrausch als Haltung

Der 41-jährige Autor Benjamin von Stuckrad-Barre erzählt in seinem neuesten Werk „Panikherz“ seinen Weg nach oben, und seinen Absturz in Alkohol, Drogen und Essstörungen. Bild: Julia Zimmermann

Man wusste oder hoffte, dass er so ein Buch in sich hat: Benjamin von Stuckrad-Barre legt seine Autobiographie vor. Sie hat über weite Strecken Format, nur das Ende ist hässlich und klein.

          Benjamin von Stuckrad-Barre muss durch die Hölle gegangen sein; nach allem, was er erzählt, ist es ein Wunder, dass er noch lebt: viel Drogen, Alkohol sowieso, dazu noch Bulimie (Ess-Brechsucht). Das Buch, das er darüber geschrieben hat, wird man am ehesten als Autobiographie bezeichnen können. Neuerdings wird auch von einem „Memoir“ gesprochen (gibt es „Ferien“ in der Einzahl?). Aber „Memoiren“ klänge zu edel, außerdem ist der Autor dafür noch nicht alt genug und seine Bedeutung für die Kultur, mit Verlaub, insgesamt (noch?) zu gering.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Eine Autobiographie bedarf, frei nach Goethe, der Liebe zu sich selbst. Demnach wäre Benjamin von Stuckrad-Barre dafür gar nicht qualifiziert, denn er hegt eine gegenteilige Empfindung für sich selbst. Nach Auskunft von Ärzten wie von Betroffenen wird der Bulimiker meistens von Selbsthass geplagt. Vielleicht ist das Buch deswegen so gut geworden. Wer ertrüge schon 560 Seiten Eigenliebe? Die achtzig Seiten, die sie dann trotzdem noch enthalten, reichen und sind, bei Lichte betrachtet, ein Makel, über den nur Fans hinwegsehen werden. Dazu kommen wir noch.

          Zu Hause in der Popkultur

          Benjamin von Stuckrad-Barre ist ein interessanter Fall und wahrscheinlich das größte Talent, das der auf Popkultur spezialisierte Journalismus in den vergangenen zwanzig Jahren gesehen hat. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre haute er in Zeitungen und Zeitschriften seine Idole Marius Müller-Westernhagen und, vor allem, Udo Lindenberg gehörig in die Pfanne, und wer das las, konnte kaum glauben, dass dieser schlagfertige, scharfzüngige Autor damals erst Anfang zwanzig war.

          Solche Verrisse sind natürlich Anfängerfehler; der Versuchung, jemanden öffentlich zu beleidigen, gibt man, wenn man jung ist und Aufmerksamkeit braucht, schon mal nach; aber es ist durchaus nicht so, dass Stuckrad-Barre dies ganz ohne Argumente getan hätte. Er hatte immer ein Auge für die Schwachpunkte von Popmusikern, denen damals fast ausschließlich sein Interesse galt, für Eitelkeiten, künstlerische und altersmäßige Angemessenheiten, kurz: für die Frage, ob jemand, wie man so sagt, „in Würde altert“. Dass er das selbst noch nicht gelernt hat, ist eine Tatsache, der wir „Panikherz“ verdanken, eine ausgesprochen egomanische, aber nur gegen sich selbst rücksichtslose, gegenüber allen anderen eher milde, gerechte oder geradezu liebevolle Erzählung.

          Lindenberg ist Ansichtssache

          Was Lindenberg betrifft, so wird der Leser, der ein Normalverhältnis zu ihm unterhält, schnell feststellen, dass Stuckrad-Barre es in dieser Hinsicht übertreibt, wie man überhaupt fragen kann, was ausgerechnet diesen Sänger, der gewiss etwas geleistet hat, aber die vergangenen fünfundzwanzig Jahre nur noch betrunken und undurchsichtig vor sich hin nuschelt, so zum Helden prädestiniert.

          Weniger eine Geschmacksfrage ist, was man davon halten soll, wenn ein Suchtkranker so dermaßen viel verbrannte Erde hinterlässt. „Es kenne mich die Welt, auf dass sie mir verzeihe“? Man ist geneigt, an den Ausspruch August von Platens zu denken. Denn tatsächlich erschließt sich manches aus Stuckrad-Barres Werdegang und seinem bisweilen fast schnöselig wirkenden Gehabe nun doch ganz gut: Viel Unsicherheit war dabei im Spiel, dazu der unbedingte Wille, „dazuzugehören“, den Stars so dicht wie möglich auf den Fersen zu sein, ja im Grunde auch so ein Leben zu führen.

          Das ist ihm, jedenfalls gemessen am Suchtverhalten und den vielen Abstürzen, gelungen. Folglich muss dieser Wille ungeheure Kräfte aktiviert haben, nur, dass sie sich rasch gegen den Autor selbst richteten. An einer Stelle, die man als so rührend wie alarmierend empfindet, legt der WDR-Moderator Friedrich Küppersbusch ihm die Hand auf die Schulter und sagt: „Junge, du hast ganz schön viel Energie.“

          Benjamin von Stuckrad- Barre: „Panikherz“. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. 576 S., geb., 22,99 €.

          Mit Leichtigkeit trägt es ihn fort aus dem norddeutschen Pfarrhaus, dem er entstammt. Die gewissenhaften, durchaus an Weltverbesserung interessierten Eltern sind dermaßen alternativ, dass er sich schon als Kind nach Oberflächlichkeit sehnt: Markenkleidung, Nutella, Unterhaltungsmusik (statt Klassik), Urlaub im Süden (statt Wandern), überhaupt nach allen Versatzstücken, welche die damals noch in vollem Ernst so kritisierte „Konsumgesellschaft“ bereithielt. Aber Stuckrad-Barre reitet auf dieser Herkunft nicht herum, er konturiert sie mit wenigen Strichen und erspart einem langweilige Details. Sein Sinn für Tempo und Dynamik, den er mit der Lektüre von Hunter S. Thompson und Jörg Fauser geschärft haben dürfte, ist bemerkenswert.

          Der steile Weg nach oben

          Mit Einfallsreichtum und Mut gelingt es dem Außenseiter, der von der Klassenschönen geschnitten wird, für die Abiturfeier eine Punkband anzuheuern. Von da an geht alles sehr schnell: Praktikum bei der „taz“, Redakteur beim deutschen „Rolling Stone“, Referent bei Küppersbusch, Gagschreiber für Harald Schmidt - dies alles absolviert er mit einem für sein damaliges Alter bemerkenswertem Durchblick und der Hartnäckigkeit eines Groupies. Und er schildert es, von einigen wenigen Erklärungen zu allzu bekannten Phänomenen abgesehen, ausgesprochen kurzweilig, pointiert und mit der Selbstironie eines „Hein vom Dorf“, der weiß, dass er mit noch so energischen Vorstößen in großstädtisch-glamouröse Sphären seine Herkunft nicht abschütteln kann. Das ist gar nicht so weit weg vom schnörkellosen Ton entfernter Verwandter wie Heinz Strunk oder Walter Kempowski.

          Den Kopf hat er voller Ideen, aus denen später immer großspurigere „Projekte“ werden, die er den Leuten aufschwatzt, und das Geld dürfte dafür reichlich geflossen sein, ohne dass Stuckrad-Barre hier ins Detail ginge. Vielleicht hat er da schon den Überblick verloren oder wollte gar keinen haben. Als seine ersten beiden Romane, „Soloalbum“ und „Livealbum“, die man immer noch gerne liest, 1998/99 erscheinen, ist er selbst ein Popstar, das Genre heißt ja „Popliteratur“. Es ist sympathisch, dass Stuckrad-Barre von diesen und den folgenden Büchern („Remix“ und „Blackbox“) kaum ein Wort sagt und noch nicht einmal deren Titel erwähnt. In den späten Neunzigern stand er, mit noch nicht einmal 25 Jahren, auf dem Höhepunkt in seiner Karriere.

          Auf das Hoch folgt das Tief

          Denn danach kommt der Abstieg, vor allem in Form von Kokain, das er erstmals mit dem amerikanischen Schriftsteller Bret Easton Ellis, auch so einem Meister kalter Pracht, einnimmt. Stuckrad-Barre beschreibt die Räusche und Ernüchterungen, den kalten Schweiß der Sucht, die Klinikaufenthalte und die dauernden Rückfälle ohne Zuhilfenahme von Psychologie, ohne Ausflüchte. Es geht ihm nur um das, was er tut und lässt, wobei die wiederkehrenden Verhaltensmuster selbst nach Hunderten von Seiten nicht ermüden. Immer wieder umkreist Stuckrad-Barre dabei den Kern seiner zwangsneurotischen Persönlichkeit: Unsicherheit, gepaart mit Geltungsdrang; Erlebnishunger, gepaart mit einem Ruhebedürfnis, dem er nur mit chemischer Hilfe nachkommen kann, die alle Nerven betäubt und das Denken abschaltet.

          In der eigentümlichen Mischung aus Kurzweiligkeit und einer Selbstkritik, die das Ergebnis seiner mühsam wiedergewonnenen Nüchternheit, vielleicht auch Reue sein muss, liegt die eigentliche Leistung; darin und in dem noblen, diskreten Ton über seine Eltern und die drei Geschwister. Das Bekenntnis zur Familie, die ihn lange nicht geschert hat, kommt so überraschend wie glaubwürdig.

          Bis hierhin ist es ein beeindruckendes, wenn auch naturgemäß extrem exhibitionistisches Buch. Aber dann stockt es plötzlich, Besinnung tritt ein. Stuckrad-Barre ist - das muss eine gewaltige Energieleistung gewesen sein - clean und trocken. Er treibt sich in Los Angeles herum, wo er das alles geschrieben hat, geht mit Thomas Gottschalk ins Brian-Wilson-Konzert, verabschiedet sich von seinem todkranken Freund Helmut Dietl und denkt ansonsten pausenlos über seine Helden nach.

          Ein schwacher Abgang

          Passieren tut nichts mehr. Aber die Reflexion, zu der Stuckrad-Barre sich jetzt genötigt sieht, ist weniger seine Stärke. Die Kultur- und Medienkritik, zu der er sich aufschwingt, ist doch sehr von der Stange: Leute, die nur noch fotografieren, statt etwas zu erleben; das Altern der Popkultur und ihrer Protagonisten; das „Handgemachte“ in der Musik als „Authentizitätskitsch“; die Beach Boys, die in Wahrheit wasserscheu waren - man hat das schon tausendmal gehört und wundert sich, wie dieser so auf Originalität erpichte Autor überhaupt noch davon anfangen mag.

          Selbstzufriedenheit tritt ein - dieser Eindruck dürfte kaum beabsichtigt gewesen sein. Einige Fragen hätte man noch an ihn: Können die Ironiker, auf die er so große Stücke hält (Harald Schmidt, David Letterman, Bret Easton Ellis), überhaupt „Helden“ sein? Und muss der bei Lindenberg abgeschaute und in großem Stil nachgemachte Dauerrausch zur „Haltung“ hochgelogen werden, oder hätte es das Eingeständnis einer gewissen Haltlosigkeit nicht auch getan?

          Schließlich, eine Stelle, die eine Art Sollbruchstelle ist und den Verdacht nahelegt, dass Stuckrad-Barre manchmal einfach auf dem falschen Dampfer ist: Zuletzt hört er die Band Blur. Der Sänger singt, dass Liebe das Allergrößte ist: „Und ja, dann ist Popmusik auf ihrer höchsten Stufe, wenn ein solcher Satz nicht als klebrige Schlagerformel versickert.“ Der Größenwahn, der ihn sich im Genie Brian Wilson narzisstisch spiegeln lässt, sei ihm zugestanden. Aber dass er sich zu guter Letzt über den Schlager erheben muss, steht ihm nicht gut zu Gesicht. Vom Recht auf Betrogenwerden, von Weltflucht müsste er inzwischen das eine oder andere begriffen haben. Stuckrad-Barre ist damit auf der niedrigsten Stufe angekommen, sein großes Buch hat einen auffälligen Kratzer.

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