http://www.faz.net/-gr0-8ejgw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 10.03.2016, 15:55 Uhr

Stuckrad-Barres „Panikherz“ Der Dauerrausch als Haltung

Man wusste oder hoffte, dass er so ein Buch in sich hat: Benjamin von Stuckrad-Barre legt seine Autobiographie vor. Sie hat über weite Strecken Format, nur das Ende ist hässlich und klein.

von
© Julia Zimmermann Der 41-jährige Autor Benjamin von Stuckrad-Barre erzählt in seinem neuesten Werk „Panikherz“ seinen Weg nach oben, und seinen Absturz in Alkohol, Drogen und Essstörungen.

Benjamin von Stuckrad-Barre muss durch die Hölle gegangen sein; nach allem, was er erzählt, ist es ein Wunder, dass er noch lebt: viel Drogen, Alkohol sowieso, dazu noch Bulimie (Ess-Brechsucht). Das Buch, das er darüber geschrieben hat, wird man am ehesten als Autobiographie bezeichnen können. Neuerdings wird auch von einem „Memoir“ gesprochen (gibt es „Ferien“ in der Einzahl?). Aber „Memoiren“ klänge zu edel, außerdem ist der Autor dafür noch nicht alt genug und seine Bedeutung für die Kultur, mit Verlaub, insgesamt (noch?) zu gering.

Edo Reents Folgen:

Eine Autobiographie bedarf, frei nach Goethe, der Liebe zu sich selbst. Demnach wäre Benjamin von Stuckrad-Barre dafür gar nicht qualifiziert, denn er hegt eine gegenteilige Empfindung für sich selbst. Nach Auskunft von Ärzten wie von Betroffenen wird der Bulimiker meistens von Selbsthass geplagt. Vielleicht ist das Buch deswegen so gut geworden. Wer ertrüge schon 560 Seiten Eigenliebe? Die achtzig Seiten, die sie dann trotzdem noch enthalten, reichen und sind, bei Lichte betrachtet, ein Makel, über den nur Fans hinwegsehen werden. Dazu kommen wir noch.

Zu Hause in der Popkultur

Benjamin von Stuckrad-Barre ist ein interessanter Fall und wahrscheinlich das größte Talent, das der auf Popkultur spezialisierte Journalismus in den vergangenen zwanzig Jahren gesehen hat. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre haute er in Zeitungen und Zeitschriften seine Idole Marius Müller-Westernhagen und, vor allem, Udo Lindenberg gehörig in die Pfanne, und wer das las, konnte kaum glauben, dass dieser schlagfertige, scharfzüngige Autor damals erst Anfang zwanzig war.

Solche Verrisse sind natürlich Anfängerfehler; der Versuchung, jemanden öffentlich zu beleidigen, gibt man, wenn man jung ist und Aufmerksamkeit braucht, schon mal nach; aber es ist durchaus nicht so, dass Stuckrad-Barre dies ganz ohne Argumente getan hätte. Er hatte immer ein Auge für die Schwachpunkte von Popmusikern, denen damals fast ausschließlich sein Interesse galt, für Eitelkeiten, künstlerische und altersmäßige Angemessenheiten, kurz: für die Frage, ob jemand, wie man so sagt, „in Würde altert“. Dass er das selbst noch nicht gelernt hat, ist eine Tatsache, der wir „Panikherz“ verdanken, eine ausgesprochen egomanische, aber nur gegen sich selbst rücksichtslose, gegenüber allen anderen eher milde, gerechte oder geradezu liebevolle Erzählung.

Lindenberg ist Ansichtssache

Was Lindenberg betrifft, so wird der Leser, der ein Normalverhältnis zu ihm unterhält, schnell feststellen, dass Stuckrad-Barre es in dieser Hinsicht übertreibt, wie man überhaupt fragen kann, was ausgerechnet diesen Sänger, der gewiss etwas geleistet hat, aber die vergangenen fünfundzwanzig Jahre nur noch betrunken und undurchsichtig vor sich hin nuschelt, so zum Helden prädestiniert.

Weniger eine Geschmacksfrage ist, was man davon halten soll, wenn ein Suchtkranker so dermaßen viel verbrannte Erde hinterlässt. „Es kenne mich die Welt, auf dass sie mir verzeihe“? Man ist geneigt, an den Ausspruch August von Platens zu denken. Denn tatsächlich erschließt sich manches aus Stuckrad-Barres Werdegang und seinem bisweilen fast schnöselig wirkenden Gehabe nun doch ganz gut: Viel Unsicherheit war dabei im Spiel, dazu der unbedingte Wille, „dazuzugehören“, den Stars so dicht wie möglich auf den Fersen zu sein, ja im Grunde auch so ein Leben zu führen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Neues Einkaufsquartier Konkurrenz für Goethestraße und Freßgass’

Kaum jemand kannte bisher die Neue Rothofstraße. Es gab ja auch keinen Grund. Doch jetzt einsteht zwischen Alter Oper und Roßmarkt eine Einkaufsmeile. Und das Maro ist erst der Anfang. Mehr Von Petra Kirchhoff und Rainer Schulze

27.08.2016, 11:17 Uhr | Rhein-Main
Drinks ohne Alkohol Gewürze geben Drinks eine besondere Note

Von A wie Avocado bis Z wie Zuckerwatte: Autorin Christina Kempe teilt Rezepte für nicht-alkoholische coole Getränke – Dekotipps inklusive. Mehr Von Nina Raddy

23.08.2016, 18:03 Uhr | Stil
Frankfurter Duo Les Trucs Das Leben der Dinge

2-Mensch-Ding-Orchester werden sie oft genannt. Aber Charlotte Simon und Zink Tonsur alias Les Trucs sind noch mehr. Zum Beispiel eine Zirkuskapelle. Mehr Von Eva-Maria Magel

26.08.2016, 20:48 Uhr | Rhein-Main
Alternative Ernährung Berlin als Trendstadt für Veganer

Immer mehr Menschen wollen sich vegan, also ganz ohne tierische Produkte ernähren: 900.000 sollen es in ganz Deutschland sein. Fast zehn Prozent davon leben Schätzungen zufolge in Berlin, und so ist es nicht überraschend, dass die deutsche Hauptstadt hier Trendsetter ist. In Berlin gibt es mehr vegane Restaurants als in Paris oder London, und immer mehr vegane Betriebe schießen aus dem Boden. Mehr

23.08.2016, 02:00 Uhr | Gesellschaft
Nachbesserung darf dauern Keine Rückgabe von Diesel-Autos mit Schummelsoftware

Ein Autohaus, das einen Audi mit Abgas-Schummel-Software verkauft hat, muss den Kaufpreis nicht erstatten. Das hat das Düsseldorfer Landgericht am Dienstag entschieden. Mehr

23.08.2016, 14:11 Uhr | Finanzen