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Springsteens Autobiographie : Nervenkrieg gegen den Schatten des Vaters

Das erste Album in Händen: Bruce Springsteen eroberte die Welt des Rock ’n’ Roll so umweghaft wie ein Ostküsten-Parzival. Bild: Art Maillet

Bruce Springsteen hat eine fesselnde Autobiographie geschrieben. Sie ist komisch, traurig und schmerzhaft ehrlich. Dem Geheimnis seiner Kunst nähert sich der Sänger ebenso wie der eigenen Depressivität.

          Auch nach fünfzig Bühnenjahren dauern die Konzerte Bruce Springsteens noch immer mehr als drei Stunden. Am Ende seiner Auftritte ist er jedes Mal durchgeschwitzt bis auf die Jeans und grinst, bevor er zögernd abtritt, fast entschuldigend ins Publikum, das eben noch tanzte. Zurück bleibt eine mysteriöse Energie, mit der man zunächst gar nichts recht anzufangen weiß. Andere Superstars können ihre Zuhörer im Konzert auch mal komplett kaltlassen, Bruce Springsteen mit der E Street Band oder selbst mit der Pete Seeger Sessions Band niemals, zumindest ist Entsprechendes nicht überliefert. Springsteen ist eine der verlässlichsten Erfahrungen, die der Rock ’n’ Roll zu bieten hat.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Soll man nun, um die Springsteensche Energiezufuhr zu verstehen, seine gerade erschienene, fast siebenhundert Seiten umfassende Autobiographie „Born to Run“ lesen oder sich das Werk in siebzehn Stunden von dem Musiker und Schriftsteller Thees Uhlmann vorlesen lassen? Eines sollte dem Leser oder Hörer klar sein: Springsteen macht auch in diesem Buch keine halben Sachen, er will alles erklären, vom Geheimnis seiner Kunst bis zur eigenen Unzulänglichkeit.

          Kaum eine Peinlichkeit lässt er aus

          Was natürlich ein riskantes Unterfangen ist, denn zu viel „Darum“, das spüren die meisten Künstler intuitiv, verdirbt die Ästhetik und den Zauber ihres Werks. Doch Springsteen, der, wie seine Autobiographie beweist, künstlerisch so gut wie nichts wirklich unreflektiert tut, setzt sich stur über diese Klugheitsregel hinweg. Was hat er vor?

          Die Spannung seines Buchs spielt sich schon zwischen der Cover-Abbildung, auf der ein unsicherer Neunundzwanzigjähriger mit fragendem Blick zu sehen ist, und dem Vorwort ab, in dem sich Springsteen als allwissender, mutwillig lenkender Erzähler einführt, als notorischer Lügner, der den Leser auf den folgenden Seiten in die Wahrheit führen wird. Nach der ersten, teilweise etwas geschwätzigen Hälfte des Buchs ist Springsteen gerade mal 26 Jahre alt und stapft, obwohl er einen Plattenvertrag in der Tasche hat, noch immer wie ein Ostküsten-Parzival durchs Leben. Für die erste Gitarre musste der Spross einer irisch-italienischen Arbeiterfamilie lange sparen, sein drittes Instrument, eine echte Gibson, vermacht ihm ein Kriegsveteran. Allerdings stellt sich das langhalsige, unhandliche Ding später als sechssaitiger Bass heraus.

          Kaum eine Peinlichkeit aus den frühen Jahren spart Springsteen aus, junge Musiker werden das Buch als große Ermunterung empfinden. Doch knausert Springsteen auch mit seinen Stärken nicht, die er wiederholt aufzählt: Talent, Erfahrung, Disziplin und eine Geschichte. Sein Probenpensum und seine Konzertpraxis in Bars und Turnhallen wachsen mit der Zeit derart an, dass der jahrzehntelange Antialkoholiker irgendwann einfach nicht mehr einzuholen ist.

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