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„Simplicissimus“ in neuer Übersetzung : Die Welt muss uns ein Rätsel bleiben

  • -Aktualisiert am

Der Simplicius führt mit der Narrenkappe durch die Wirren des Krieges Bild: Eichborn

Bekenntnisse einer unbefleckten Seele: Reinhard Kaiser hat Grimmelshausens barocken Kriegsroman „Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“ behutsam an heutige Sprachgewohnheiten herangeführt. Aus Teutsch ward Deutsch, doch unsere Rezensentin Katharina Teutsch schrieb über ihre Wehmut hinweg.

          Als ich vor ein paar Monaten von der Neuübersetzung des Simplicissimus erfuhr, dachte ich zuerst, das sei ein Witz. Grimmelshausen übersetzen? Den abenteuerlichen Barockbrocken für Germanistikstudenten fast 350 Jahre nach seinem Erscheinen in ein Lieblings- und Lesebuch der Deutschen? Ich bestellte die Druckfahnen und fuhr damit in die Ferien.

          Die erste Modernisierung, die mir sofort ins Auge stach: Der Simplicissimus Teutsch war Deutsch geworden. Statt eines Buchstabenliftings hatte er einen Buchstabenbierbauch bekommen. So etwas kann im Alter schon passieren; einen Stich hat es mir trotzdem versetzt.

          Bestseller zu Lebzeiten

          Am 17. August vor 333 Jahren ist Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausens im badischen Renchen gestorben, vermutlich an den Folgen einer Kriegsverletzung, die er sich beim Überfall des Sonnenkönigs auf das Rheinland zuzog. Grimmelshausen hinterließ die Simplicianischen Schriften, eine lange Romanreihe, deren fünf erste Bücher und die später hinzugekommene Continuatio den heute bekannten Textkorpus bilden. Angeblich war der abenteuerliche Simplicissimus, der als erster deutscher Roman gilt, schon zu Grimmelshausens Lebzeiten ein Bestseller. Wegen der vielen Zoten war er beim einfachen Volk beliebt, aber er erreichte auch gebildete Leser. Das Buch hatte Erbauliches, Satirisches, Kriegs-, Sozial- und Erziehungskritisches zu bieten - die Ferkeleien haben natürlich allen gefallen.

          Ein Werk von überbordender Phantastik: das Original-Titelblatt des „Simplicissimus” aus dem Jahr 1669
          Ein Werk von überbordender Phantastik: das Original-Titelblatt des „Simplicissimus” aus dem Jahr 1669 : Bild: dpa

          Als der abenteuerliche Simplicissimus erscheint, ist der Dreißigjährige Krieg seit zwanzig Jahren vorbei. Unter dem Pseudonym German Schleifheim von Sulsfort schreibt Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen den frivolsten Kriegsroman aller Zeiten.

          Kalbshaut und Schalkhaut

          Er beginnt mit der Beschreibung von Simplicius' Kindheit im Spessart. Seinen Vater nennt er Knan, seine Mutter Meuder, seine Schwester das Ursele. Eine normale Bauernfamilie, deren Hof eines Tages von Soldaten überfallen wird. Simplicius flieht und verbirgt sich in einem Gebüsch, wo er „sowohl das Geschrei der gefolterten Bauern als auch den Gesang der Nachtigallen“ hört. Er beschreibt die Vergewaltigung der Magd, die Pein der gefolterten Bauern, das allgemeine Rauben, Schänden und Schlachten, und weil er selbst nur eine Intuition, noch keine Moral besitzt, rennt er in den Wald, wo er bei einem frommen Einsiedel Zuflucht und ein paar getrocknete Käfer findet. Vor seinem Tod gibt ihm der Einsiedel, der den Simplicius auch in christlicher Tugend unterrichtet, ein Vermächtnis mit auf den Weg: „Sich selbst erkennen, böse Gesellschaft meiden und standhaft bleiben.“

          Sich selbst erkennen, böse Gesellschaft meiden, standhaft bleiben: Nachdem er aus seiner Einsiedelei herauskommt, passieren dem Simplicius so viele Abenteuer, dass man schnell den Überblick verliert. Er wird Page eines schwedischen Gouverneurs in Hanau. Man zwingt ihn, ein Kalbsfell zu tragen, macht ihn zum Narren, erkennt aber bald: „Für ein Kalb kommst du mir viel zu vernünftig vor. Mir scheint fast, du trägst unter deiner Kalbshaut noch eine Schalkshaut.“ Ein paar wilde Kroaten verhelfen dem Simplicius dann zu einem Identitätswechsel, indem sie ihn entführen.

          Erklärungen einer kindlichen Seele

          Durch eine Verkettung unwahrscheinlicher Zufälle landet er bei den kaiserlichen Truppen im Lager Magdeburg. Dort erliegt der Simplicius unfassbaren Versuchungen: Er tanzt mit dem Teufel, muss die Annäherungsversuche einer lesbischen Rittmeisterin abwehren, wird Diener eines Dragoners, dann Gefreiter; er steigt zum Edelmann auf, kommt als „Jäger von Soest“ zu Ruhm und Geld, verprasst alles wieder, ruht auf dem Bett der Obristentochter, wird dort entdeckt und zwangsverheiratet, kommt nach Paris und gegen seinen Willen in den Venusberg... So geht das Seite um Seite. Und dazwischen rollen die Köpfe. Die Kriegsfronten werden häufiger gewechselt als die Hemden unter dem Harnisch, es wird einem ganz schwindelig dabei.

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