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Zwei Bücher über Empathie : Gespiegelte Perspektiven

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Bild: Verlag

In fremder Haut sieht die Welt gleich anders aus: Zwei Bücher widmen sich den Grundlagen der Empathie und ihrer kulturellen Ausformung. So könnte der neue Dialog zwischen Biologie und Geisteswissenschaften aussehen.

          Vielleicht eine Anekdote zum Auftakt. Ein kleiner Junge fragt seinen Vater: „Weißt du, Papa, warum ich kein Hund sein möchte?“ Die Antwort gibt er gleich selbst: „Weil ich nicht wüsste, wie man mit dem Schwanz wedelt.“ Der Witz dieser Geschichte lebt von der Phantasie, sich in einen anderen hineinzuversetzen: Der kleine Junge wird halb angezogen von dem Gedanken, zur Abwechslung mal ein Hund zu sein, und halb abgeschreckt von der Fremdheit, die er sich da einhandelte. Was in diesem Fall am Schwanzwedeln scheitert, ist unter anderen Umständen aber ganz einfach: Wenn der Junge sähe, wie Robbenbabies totgeschlagen werden, würde er sich mit der Einfühlung leichttun. Er könnte nachvollziehen, was das Tier empfindet. Er würde mit Empathie reagieren. Damit sind wir beim Thema.

          Giacomo Rizzolatti und Corrado Sinigaglia haben ein handliches Buch vorgelegt, das einen hervorragenden Überblick über die aktuelle biowissenschaftliche Forschung zur Empathie bietet. Rizzolatti gilt als Entdecker der Spiegelneurone, die sich durch die verblüffende Eigenschaft auszeichnen, sowohl dann zu „feuern“, wenn ein Lebewesen motorisch aktiv ist, wie auch, wenn es bei einem anderen die gleiche Aktion beobachtet. Bewegung und Beobachtung überschneiden sich, man lässt den anderen so nah an sich heran, dass man drauf und dran ist, ihn mit sich zu verwechseln. Das Gehirn ist gut genug konstruiert, um diese Verwechslung zu verhindern. Aber es gilt auch: Es ist gut genug konstruiert, um solche Neuronen mit an Bord zu haben, denn sie haben eine tragende Funktion bei der Koordination des Zusammenlebens nicht nur von Tieren, sondern auch von Menschen.

          Ein neuer Dialog?

          Rizzolatti ist es, der die eingangs erwähnte Geschichte von dem kleinen Jungen erzählt. Er hält es nämlich für höchst bedeutsam, dass der Junge gerade mit dem Schwanzwedeln hadert, nicht etwa mit der Frage, ob er sich ein braunes Fell zulegen könnte. Weil die Spiegelneurone speziell für motorische Abläufe oder Aktionen zuständig sind, binden sich die Spiele der Empathie oder der „Resonanz“ nicht an Gegenstände, sondern an Bewegungen oder komplexere Handlungen.

          Es sieht so aus, also könnte damit auch eine neue Phase im Dialog zwischen Lebens- und Geisteswissenschaften eingeläutet werden. Bis heute meinen viele, dieser Dialog stehe im Zeichen von Physik und Metaphysik: Man streitet um Kausalität und Freiheit, Determinismus und Autonomie. Doch dieser metaphysische Krach war vielleicht nur viel Lärm um wenig: nicht ein Endspiel um das Menschenbild, sondern Vorspiel für eine neue, viel ergiebigere Debatte. Eine pragmatische Wende im Dialog von Lebens- und Geisteswissenschaften zeichnet sich ab.

          Statt nach dem freien Geist im Gehirn zu suchen, hält sich Rizzolatti an die Verbindung zwischen Gehirnvorgängen und äußeren Bewegungsabläufen; zu ihnen gehören komplexe Handlungen, in denen die Intentionen einer Person zum Ausdruck kommen. Deshalb bevorzugt er ausdrücklich eine „pragmatische“ Sichtweise und beruft sich zum Teil begeistert auf die großen Theoretiker des Pragmatismus wie William James und George Herbert Mead. Demnach stellt sich der Raum, in dem ein Mensch sich bewegt, nicht als Ansammlung von Objekten mit „abstrakten physikalischen“ Eigenschaften dar, sondern als Raum voll „praktischer Gelegenheiten“. Die Frage nach den Freiräumen des Handelns verlagert sich damit auf die Beschreibung eines „potentiell geteilten Handlungsraums“, der „immer kompliziertere Interaktionsformen“ ermöglicht.

          Pragmatische Lesart

          Koordiniert wird diese Interaktion vielfach von der „Empathie“, deren Wirkung freilich vom Kontext abhängt: „Wenn wir zum Beispiel ein schmerzverzerrtes Gesicht sehen, veranlasst uns das nicht automatisch, Mitgefühl zu empfinden . . . Das Mitleid hängt außer vom Erkennen des Schmerzes noch von anderen Faktoren ab, zum Beispiel davon, wer der andere ist, welche Beziehungen wir zu ihm haben, ob wir uns in seine Lage versetzen können.“ Die Quintessenz aus Rizzolattis Befunden ist ebenso einfach wie gewichtig: Es geht nicht darum, „das Netz unserer interindividuellen und sozialen Beziehungen“ kognitionswissenschaftlich zu determinieren, sondern darum, die Spiegelneurone als pragmatische Ressource erster Güte für die Koordination und Kooperation unter Menschen einzusetzen. Darin liegt ihre soziale und letztlich auch ethische Relevanz.

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