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Zwei Bücher über die Roten Khmer : Unbeschreibliche Brutalität, verblüffende Inkompetenz

  • -Aktualisiert am

Bild: Hoffmann und Campe Verlag

Pol Pot und die europäische Solidarität: Ein Überlebender und ein Zeitzeuge beschreiben das Terror-Regime der Roten Khmer. Auch unser Rezensent war damals zu Besuch beim Diktator.

          Rithy Panh und Peter Fröberg Idling erinnern zu Beginn ihrer Bücher an das gleiche Datum, den 17. April 1975. Es war der Tag des Einzugs der Roten Khmer in Phnom Penh. Das gleiche Datum - aber keineswegs das gleiche Ereignis für die Autoren von „Auslöschung“ und „Pol Pots Lächeln“.

          Rithy Panh, der heute in Frankreich lebende Filmregisseur und Dokumentarfilmer, war damals „dreizehn und glücklich“. Was er noch nicht wusste: „Mit dem Einmarsch der Roten Khmer in die Hauptstadt, am 17. April des Jahres, war uns vorbestimmt, ,neues Volk’ zu werden - was hieß: Bourgeois, Intellektuelle, Haus- und Grundbesitzer. Folglich Unterdrücker, die es auf dem Land umzuerziehen galt - oder zu vernichten.“ Dieses Datum sei seine Kennziffer geworden, sein Geburtstag in der proletarischen Revolution. Die Geschichte seiner Kindheit in einem Vorort von Phnom Penh, wo er zusammen mit Eltern und acht Geschwistern aufgewachsen war, sei getilgt worden.

          Tabula rasa am Beginn der Revolution

          “Von diesem Tag an hatte ich, Rithy Panh, dreizehn Jahre alt, keine Geschichte mehr, keine Familie, keine Gefühle, keine Gedanken, kein Unbewusstes. Hatte es einmal einen Namen gegeben? Hatte es ein Individuum gegeben? Nichts davon war mehr existent.“ So gesehen, war der Sinn der rabiaten und rücksichtslose Räumung der Hauptstadt die Unterwerfung des „neuen Volks“ unter das „alte Volk“ oder „Basisvolk“ zwecks Umerziehung. „Das ,alte Volk’ war Erbe des großen Khmer-Reichs. Es war alterslos. Es hatte Angkor erbaut.“ Tatsächlich war es beauftragt, uns umzuerziehen, und hatte „unbeschränkte Macht über uns“.

          Mehr als in jeder anderen Revolution bolschewistischen Typs vermengte sich in der kambodschanischen Revolution die Vision eines kollektivistischen Kommunismus von vorneherein mit der Vorstellung der Wiedererrichtung eines untergegangenen Großreiches in seiner alten Größe. „Wenn unser Volk in der Lage war, Angkor Wat zu erbauen, kann es alles schaffen“, zitiert Rithy Panh eine Rundfunkrede Pol Pots.

          Die Schicht, aus der Rithy Panh kam, bildete freilich nur einen kleinen Teil der damaligen Bevölkerung Phnom Penhs. Den weitaus größten Teil bildeten Bauern und ihre Familien, die in den Jahren des Bürgerkriegs und der amerikanischen Bombenteppiche in die Hauptstadt geflohen waren. Die brachiale Räumung Phnom Penhs und das mit ihr verbundene Chaos verhinderte jedoch gerade eine organisierte Rückkehr in ihre Dörfer, falls sie je geplant war. Die Räumung sollte zu Beginn der radikal angelegten Revolution Tabula rasa machen.

          Eine Reise durch den Völkermord

          Seine erste Erinnerung beschreibt Peter Fröberg Idling in „Pol Pots Lächeln“ so: „Das Innere eines Kinderwagens. Die Erwachsenen, die draußen gehen, alle in dieselbe Richtung (...) Wir schreien, sie gehen, und ich werde bald drei Jahre alt sein (...) Wir sind in Stockholm, und es ist der 17. April 1975. ,Der Ami steckt die Prügel ein, heut abend will gefeiert sein’, lautet die Parole.“ Nach Jahren verbissener Solidaritätsanstrengungen herrscht entspannte Heiterkeit. Szenen fröhlicher Begrüßung gab es wohl auch in Phnom Penh. Doch Rithy Panh erinnert sich „an eine fiebrige Atmosphäre der Unruhe, geprägt von der Angst vor dem Unbekannten“. So war der große Moment des gemeinsamen Triumphes von Revolution und Solidaritätsbewegung von vornherein ein Missverständnis. Statt ein Ende des Leidens brachte er einem großen Teil der Bevölkerung neues Leid.

          Bild: Edition Büchergilde

          „Pol Pots Lächeln“ ist eine Auseinandersetzung mit den Berichten einer Delegation der Schwedisch-Kambodschanischen Freundschaftsgesellschaft, die in der zweiten Hälfte des Jahres 1978 auf Einladung des Demokratischen Kampuchea das Land bereiste. Der anekdotische Hinweis auf die eigene Erinnerung an den 17. April 1975, deutet an, dass der Verfasser dem gleichen linken Milieu entstammt, aus dem sich die Reisegruppe der vier Schweden - zwei junge Frauen, zwei Männer - zusammensetzte. Einer von ihnen war Jan Myrdal, etwas älter als die anderen und ein international bekannter Autor. Das schwedische TV 1 sendete Anfang April 1979 einen Film Jan Myrdals. Fröberg Idling merkt an: „Die Delegation war auf einer Reise durch jenen Völkermord, den man als den schlimmsten des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Sie dokumentierte diese Reise sorgfältig. Irgendwo musste der Terror doch zu ahnen gewesen sein. Aber ich sehe ihn nicht.“

          Was ist Ursache, was ist Wirkung

          Fröberg Idling lebte mehrere Jahre in Kambodscha. Er hat unzählige Zeugen über die Jahre des Regimes der Roten Khmer befragt. Er macht es sich nicht leicht mit seiner Kritik an den schwedischen Enthusiasten von 1978. „Ich sah, was ich sah“, begründete Jan Myrdal die Ablehnung eines Gesprächs über seine damaligen Eindrücke. „Ich sah, was ich sah“, überschreibt Fröberg Idling Abschnitte, in denen er kambodschanische Zeugnisse zitiert.

          Man kann sein Buch als eine gut dokumentierte Reflexion über den Augenschein lesen. Dabei bedient er sich verschiedener Textsorten. Die deutsche Ausgabe besteht aus 265 nummerierten Einzelstücken, Interviewausschnitten, Dokumenten, durchsetzt mit kurzen Leitsätzen der Kommunistischen Partei Kambodschas. Eindeutigkeit sei eine falsche Fährte, um die kambodschanische Revolution zu verstehen, heißt es einmal. Was bleibe von der Eindeutigkeit, wenn alle regionalen Unterschiede, die unterschiedliche Wirkung auf die Landbevölkerung und die frühere Stadtbevölkerung berücksichtigt würden: „Die Revolution, deren zentrale Theorien Vorrang vor den lokalen Gegebenheiten hatten. Die Kompromisslosigkeit. Die traditionelle Gewalt, zugleich angefacht von der Grausamkeit des Bürgerkriegs. Aber kaum mehr. Eindeutig, zweideutig, dreideutig. Was ist Ursache, was ist Wirkung.“

          Solche Einsicht muss nicht zu Relativismus führen: „Wie immer das sein mag, ich kann nichts anderes sagen, als dass das Demokratische Kampuchea eines der schlimmsten, vielleicht das schlimmste Regime der Moderne ist. Eine Kombination aus unbeschreiblicher Brutalität und oft verblüffender Inkompetenz.“

          Kein Ungeheuer

          Die hartnäckigen Täuschungen des Augenscheins können intellektuelle Leiden verursachen. „Ich sah, was ich sah“, aber warum beunruhigte den Rezensenten dieser Bücher nicht, was er alles nicht sah, was sich dem Augenschein entzog? Wie die schwedischen Freunde besuchte ich als Leiter einer Delegation des Kommunistischen Bundes Westdeutschland Ende 1978, also kurz vor der vietnamesischen Invasion, das Demokratische Kampuchea. Enthusiastisch waren unsere Berichte nicht, eher defensiv. Aber wir hatten auch nur Fortschritte gesehen.

          Wie Fröberg Idling hat es sich auch Rithy Panh nicht leichtgemacht. Die realen Leiden der Opfer in seiner Geschichte entspringen keiner Täuschung. Das wird deutlich, wenn er von seinen Gesprächen mit Kaing Guek Eav, genannt Duch, dem Leiter des Folter- und Vernichtungsgefängnisses der Roten Khmer „S 21“ berichtet. Panh dokumentiert die dort herrschende „unbeschreibliche Brutalität“, die sich in erster Linie gegen Leute aus den eigenen Reihen richtete, die dieses oder jenes Verrats bezichtigt wurden. Statt ein gerichtliches Verfahren einzuleiten, wurden Geständnisse erzwungen, die zur Hinrichtung führten. Nur sieben Insassen S 21 sollen das Lager überlebt haben. 17.00 wurden dort umgebracht.

          Duch legte Wert auf die genaue Dokumentation der Verhöre. Rithy Panh verhört den Verhörer. „Nein, das ist kein Ungeheuer und schon gar kein Dämon. Das ist ein Mann, der die Schwäche seines Gegenübers sucht und ausnutzt. Ein Mann, der auf die Menschlichkeit des anderen abzielt. Ein beunruhigender Mann. Ich erinnere mich nicht, dass er mich jemals ohne ein Lachen oder ein Lächeln verlassen hat.“

          Es ist sehr gut, dass diese zwei Bücher gleichzeitig auf Deutsch erschienen sind. Wer sich für das Thema und die Zeit interessiert, sollte sie zusammen lesen.

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