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Veröffentlicht: 07.06.2017, 06:50 Uhr

Claus Peymann zum Achtzigsten Ich war und bin der Naivere

Fast wie eine Figur von Thomas Bernhard: Claus Peymann wird achtzig – und lässt in drei Bänden sein Theaterleben vorüberziehen.

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© dpa Claus Peymann Anfang Februar bei der Fotoprobe zu seiner Inszenierung des Schauspiels „Prinz Friedrich von Homburg“

Als siebter Zwerg im Weihnachtsmärchen war der kleine Klaus Eberhard Peymann eine Fehlbesetzung. Auch die große Axt, die man ihm unvorsichtigerweise in die Hand gedrückt hat und die leicht ein frühes Markenzeichen hätte werden können, änderte nichts daran. Das Kind weinte und weinte und wurde schließlich nach Hause geschickt. Das war in den vierziger Jahren. Ein klassischer Bühnenfehlstart, der sich vielleicht hätte vermeiden lassen, wenn man den Jungen als ersten Zwerg besetzt hätte. Seitdem gilt für alle Niederlagen im Leben des Theatermachers Peymann, dass sie ihn zwar mitunter zu Tränen der Wut und des Schmerzes bewegt haben, auf Dauer jedoch nicht bremsen konnten.

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Später, im Laufe der Schulzeit, wurde der Name geändert: Mit dem Wechsel vom biederen Klaus zum schickeren Claus hatte er sich zumindest im Alphabet um acht Ränge nach vorn gearbeitet. Schon damals muss sich angedeutet haben, was ihn bis heute auszeichnet: forcierte Unaufhaltsamkeit. Shakespeares Zettel als Dompteur: Er hält den Reifen nicht nur, er zündet ihn auch an, um als Löwe selbst hindurchzuspringen.

Für ein einziges Interview ist das nicht schlecht

Der Vater war Obersturmbannführer, die Mutter gegen die Nazis eingestellt: Als am 20. Juli 1944 die Nachricht vom Attentat auf Hitler im Radio verkündet wurde, hisste sie freudig die alte Reichsflagge, was ihr dem Sohn zufolge zwei Wochen Lagerhaft einbrachte. Die Goldmedaille im Turnen bei den Olympischen Spielen von 1936, die er dem Vater über Jahrzehnte beharrlich andichtete, war ebenso erfunden wie die Ergebnisse der Umfragen, die der Student für ein Marktforschungsinstitut sammeln sollte. Obwohl er mit seinen Antworten, die er sich kurzerhand ausgedacht hatte, „immer im Trend“ lag, wurde er rausgeschmissen. Es sollte nicht der einzige Versuch eines Rauswurfs bleiben, ist aber vermutlich der letzte, aus dem Claus Peymann keinen Triumph zu machen verstand.

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Eigentlich wollte er Schriftsteller werden, und die Ehrfurcht vor den Texten und ihren Produzenten hat er nie abgelegt. Er verehrt die Dichter, was ihn nicht daran hindert, schlecht über sie zu reden. Das gilt für Handke und Heiner Müller wie für Schauspieler, Regisseure, Intendantenkollegen. Beinahe ist er eine Thomas-Bernhard-Figur. Wenn der Ich-Erzähler in „Wittgensteins Neffe“ sich mit seinem Freund hinter „dem Arsch der Oper“ zusammensetzt, um die ganze Welt in Grund und Boden zu bezichtigen, liegt der Unterschied zu Peymann darin, dass dieser weder die Unterstützung eines Freundes noch eine Sitzgelegenheit benötigt: Er beleidigt im Alleingang und wie im Vorübergehen. Als er 1988 André Müller ein Interview gab, das erst zum Skandal und dann zur Legende werden sollte, notierte der Interviewer anschließend die Liste derer, die sich durch Peymann beleidigt fühlen durften. Sie umfasste 21 Namen. Für ein einziges Interview ist das nicht schlecht. Dass seine Dreistigkeit nicht effizient sei, will sich Peymann nicht nachsagen lassen.

Das Aroma der Jahre vor 1967

Geltungsbedürfnis, Eitelkeit, Effizienz allein dürften aber kaum hinreichen, um zur Theaterlegende zu werden. Claus Peymann liest auch gern und hat sich nicht nur deshalb zu seinem achtzigsten Geburtstag drei Bände schenken lassen. Auf etwa 1500 Seiten versammeln sie alles, was Peymann der Welt über sich und seine Arbeit kund- und zu wissen geben möchte. Ein Selbstinszenierungsmarathon, der mit einem Eintrag ins Klassenbuch 1947 beginnt – „Peymann rülpst – und schaut sich triumphierend um“ – und mit der Beifallsbilanz der Ära Peymann am Berliner Ensemble endet: 28 Tage, fünf Stunden, 19 Minuten oder 40639 Minuten Applaus in achtzehn Jahren, verteilt auf 190 Inszenierungen.

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