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Zum 150. Todestag Schopenhauers : Das Sein ist das Nichts

Mit ihm ist schwer ins Gespräch zu kommen: 150 Jahre nach seinem Tod macht man aus Schopenhauer einen Steinbruch, der für alles und jedes etwas hergibt. Hat er uns denn gar nichts Zusammenhängendes mehr zu sagen?

          Hat er das verdient? Einhundertfünfzig Jahre nach seinem Tod ist Schopenhauer auf Ratgeber-Niveau angekommen. „Die Kunst, glücklich zu sein“, „Die Kunst, recht zu behalten“, „Die Kunst, zu beleidigen“, „Die Kunst, alt zu werden“, „Die Kunst, mit Frauen umzugehen“ - so lauten jüngere Titel, Textsammlungen zumeist, die ihm Auskunft in zweitrangigen Fragen abpressen oder, wie im Falle des Glücklichseins, gar Unmögliches verlangen.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          „Die Welt“, dieses Resümee zog der Philosoph selbst, „hat einiges von mir gelernt, was sie nie wieder vergessen wird.“ Aber so, im Sinne von Klugheitsregeln, die ohne Rückbindung an seine metaphysischen Grundannahmen auskommen und die man zur Not ja auch anderswo beziehen kann, war das vermutlich nicht gemeint. Wenig ist in der Befassung mit ihm geblieben von der Erschütterung, aber auch von der Befriedigung, die frühere Leser durch seinen abgrundtiefen Pessimismus erfahren haben und der Guy de Maupassant wohl den gültigsten Ausdruck verliehen hat: „Schopenhauer hat die Menschheit mit dem Kainsmal seiner Verachtung gezeichnet, er hat das Ungeheuerlichste an Skeptizismus vollbracht, das jemals unternommen wurde. Er hat mit seinem Hohn alles durchpflügt und alles ausgehöhlt. Und heute noch leben im Geist selbst derer, die ihn schmähen, seine Gedanken fort.“

          Außer Feministinnen, die sich über seinen Frauenhass aufregen und diesen zur Nagelprobe auf sein ganzes Denken machen wie neulich eine Autorin in der „Süddeutschen Zeitung“, hält es heute aber niemand mehr für nötig, ihn zu schmähen. Lieber macht man, unbekümmert um denkerische Zusammenhänge, aus ihm einen Stichwortgeber, dessen scharfkantiges Profil eingebettet wird in die Watte der Lebenshilfe.

          Alles nicht mehr von Interesse?

          Welche Zumutung er, der den Menschen zur „Fabrikwaare der Natur“ abwertet, gerade in Zeiten darstellt, in denen ans politische wie philosophische Denken immer mehr Korrektheitsansprüche gestellt werden; welche Schlüsse aus seiner so heil- wie hoffnungslosen Zustandsbeschreibung zu ziehen wären; wie er, als Lehrer des Willensprimats, der Dominanz also von Trieben und Affekten über die Vernunft, für die moderne Psychologie, deren Stammvater er ist, fruchtbar zu machen wäre; was er als mit schlagender Logik operierender Leugner der Willensfreiheit zu entsprechenden hirnwissenschaftlichen Überlegungen beisteuern könnte; inwiefern sein strikt ahistorischer Sinn zu befragen wäre, der gesellschaftlichen Fortschritt nicht nur nicht kennt, sondern auch für überflüssig erklärt, weil ja doch zu allen Zeiten dasselbe passiert; was man auch von ihm als Stilisten und Literaturkritiker lernen kann; was wir mit seiner um jede Mode unbekümmerten Unzeitgemäßheit, wie er sie praktisch in jeder Hinsicht vorlebte, heute noch oder wieder anfangen könnten und ob wir, nach so vielen Katastrophen im vergangenen und jetzigen Jahrhundert, nicht schließlich auch Ohren haben sollten für das Klagelied, das er mit nicht erlahmendem Elan anstimmt über das Leiden von Mensch und Tier und das wenig genug Anlass gibt, ihn als „Schwarzseher“ zu verharmlosen; wo also, kurz gesagt, seine Humanität liegt (jedenfalls nicht immer auf der Hand) - das ist alles kaum noch von Interesse.

          Statt dessen die immer gleiche Beteuerung seiner Ausnahme- oder Außenseiterstellung. Deutlich herrscht im Blick auf den, der immer aufs Ganze ging, Anekdotisches vor, das schon seit Jahrzehnten wiedergekäut wird. Wenn man die Einleitungen zu den neueren Schopenhauer-Brevieren liest, dann kann man den Eindruck bekommen, dass es im Wesentlichen nur noch darum geht, ob einem dieser Denker nicht doch irgendwie sympathisch sein könnte. Deswegen hat die Lektüre auch vor allem eines zu sein: vergnüglich.

          Man könnte ihn fast selbstlos nennen

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