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Jürgen Goldsteins „Blau“ : Ach wie weit ist dieser Himmel nur

  • -Aktualisiert am

Blau – das ist die Farbe, die Jürgen Goldstein mit seiner Zitatesammlung nicht nur im Himmel sucht. Bild: ZB

Jürgen Goldstein präsentiert eine Zitatesammlung, in deren Mittelpunkt die Farbe Blau stehen soll. Schließlich geht es jedoch um allerlei Anderes.

          Ein „Archipel an essayistischen Miniaturen“ will Jürgen Goldstein, Professor für Philosophie und voriges Jahr für seine Biographie des Naturforschers und Schriftstellers Georg Forster mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet, nach eigenen Aussagen in seinem neuen Buch über die Bedeutungen der Farbe Blau präsentieren. Nicht um Ordnung, Chronologie und Vollständigkeit also geht es dem Autor, sondern vielmehr um „unsystematisches Lustwandeln“ zwischen allerlei „Blauvorkommnissen“. Solche Blauvorkommnisse sind etwa Miles Davis’ legendäres Album „Kind of Blue“, das patentierte Ultramarinblau von Yves Klein, die Blue Jeans, die rare Briefmarke „Blaue Mauritius“, das in leuchtendem Blau gestrichene Haus von Frida Kahlo, Verse über ein blaues Klavier von Else Lasker-Schüler oder die Plattenfirma Blue Note Records.

          Zweierlei dient Goldstein als Inspiration und Vorbild: Der Flaneur, der nach Lust und Laune ziellos durch die Straßen pulsierender Metropolen streift, ohne etwas zu suchen, und dabei doch Verblüffendes findet. Und die Wunderkammer, Vorläuferin moderner Museen, in der die Objekte nicht feinsäuberlich nach Epochen oder Gattungen separiert waren, sondern in fröhlichem Durcheinander gezeigt wurden, um den Betrachter in Staunen zu versetzen und universale Zusammenhänge zu offenbaren.

          In einer wilden Assoziationskette baut Goldstein als lustwandelnder Flaneur in den weit verzweigten Windungen seines Wissens eine eigene kleine Gedanken-Wunderkammer. Er pflückt und plündert dafür aus seinem reichen Bildungsfundus und spinnt einen Faden, der nicht wirklich blau, aber keinesfalls rot ist und der zwar viel über seine Lektüren in Sachen Kunst, Musik und Literatur verrät – das Buch ist gespickt mit geistreichen Zitaten –, aber wenig wirklich Erhellendes enthält. Und vor allem: Wenig über die Farbe Blau.

          Im Kapitel über die Casa Azul zum Beispiel, das blaugetünchte Haus von Frida Kahlo, liefert Goldstein einen mehrseitigen Einblick in Leben und Werk der Künstlerin, den man so ähnlich auch anderswo hätte nachlesen können. Zur Farbe Blau heißt es bloß, dass sie Kahlos Haus vor bösen Geistern schützen sollte, was am Ende nicht half, weil sie früh und verzweifelt starb. Vorher malte sie noch ein Flügelwesen mit blauem Stiefel und blaue Tränen, die aus einem blau-rosafarbenem Himmel tropfen. Und in einem Selbstporträt, da gab es schon mal einen blauen Himmel, nicht irgendeinen, sondern einen ganz besonderen, weil dessen „Weite“ der „Leere des Blicks“ der Künstlerin entspricht, so Goldstein. Was man allerdings weder gedanklich noch am Kahlo-Werk nachvollziehen kann, da die Abbildung, wie jede andere in diesem Blaubuch, schwarz-weiß ist.

          Ein Sammelsurium, das sich um Literarizität bemüht

          Der Miniatur-Essay über Else Lasker-Schüler dreht sich auf den ersten zwei von vier Seiten weder um Lasker-Schüler noch um Blaues, sondern um Albert Camus. Der Leser erfährt darin, was er schon weiß oder wieder anderswo nachlesen kann, wie nämlich der französische Autor in seinem Roman „Die Pest“ über die Ausbreitung der Seuche in der algerischen Küstenstadt Oran, ausgelöst durch infizierte Ratten, auch die Besetzung Frankreichs während des Zweiten Weltkriegs spiegelt.

          Da kommt dann Lasker-Schüler ins Spiel, weil auch sie von Ratten und Nazis schreibt. Goldstein interpretiert ihr Gedicht „Mein blaues Klavier“ von 1937, in dem das Instrument für eine verloren gegangene, intakte Welt vor der NS-Zeit steht, führt flugs noch ein paar weitere Lasker-Schüler-Blau-Zitate an, um dann – anknüpfend an das blaue Auge des Todes in Paul Celans Todesfuge – zur Schlussfolgerung zu gelangen, dass man an dieser Dichterin bewundern dürfe, „wie sie die Himmelsfarbe vor dem vermeintlich ,arischen‘ Blau der Nazis zu schützen suchte“. Bei ihr besitze das Blau jene „mystische Weite, die den Mördern noch nie eine Heimat gewesen“ sei. – Eine Erkenntnis, die dem Leser in ihrer Mystik Denken und Sprache verschlägt.

          Der Flaneur verdichtet das scheinbar Zusammenhanglose zu einem „Panorama“, schreibt Goldstein. Die Wunderkammer biete die Möglichkeit, „Bedeutungen von Dingen und Phänomenen so zu gruppieren, dass sie sich gegenseitig in verblüffenden Konstellationen ergänzen“. Das vorliegende Buch macht keins von beidem. Es ist ein Sammelsurium, ein um Literarizität und Bedeutungsschwere bemühter Text aus dem gelehrten Elfenbeinturm ohne rechten Tiefgang, den man liest, zur Seite legt und vergisst.

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