Home
http://www.faz.net/-gr6-skg1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Zaubern im Debattenzirkel

12.06.2006 ·  In Paris bildeten sich in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg viele, meist recht schnell wieder zerfallende Allianzen von Intellektuellen, die auf die dramatischen politischen Entwicklungen reagierten. Eine von ihnen war "Contre-Attaque". Deren Protagonisten appellierten 1935 an jene, "die sich radikal ...

Artikel Lesermeinungen (0)

In Paris bildeten sich in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg viele, meist recht schnell wieder zerfallende Allianzen von Intellektuellen, die auf die dramatischen politischen Entwicklungen reagierten. Eine von ihnen war "Contre-Attaque". Deren Protagonisten appellierten 1935 an jene, "die sich radikal gegen die faschistische Aggression wenden, die der Überlegenheit der Bourgeoisie feindlich gegenüberstehen und die kein Vertrauen in den Kommunismus haben". Zu den Unterzeichnern des ersten Aufrufs gehörte Georges Bataille. Die surrealistische Gruppe um Breton schloß sich an. Als aber Bataille und seine Mitstreiter ein Jahr später den Begriff "surfascisme" ins Spiel brachten, um die Allianz zu charakterisieren, war diese auch schon wieder aufgekündigt.

Dabei traf dieser von Breton skandalisierte Begriff die von Anfang an geäußerten Intentionen Batailles gar nicht schlecht. Für Bataille galt es, den Faschismus auf seinem eigenen Feld zu schlagen, dessen falschen, instrumentell gehandhabten Formen der Massenmobilisierung eine echte Form neuer moralischer Gemeinschaften entgegenzusetzen. Was faschistische Politik an tiefliegenden Quellen kollektiver Bindungskräfte usurpiert hatte, das sollte sich für eine durch und durch antibürgerliche Umwälzung verwenden lassen. Freilich keine unter Leitung des Front populaire oder der Kommunisten: Bei den Genossen diagnostizierte man ungebrochene Bürgerlichkeit, von der Sexualmoral bis zum Produktionsideal, denen Bataille seine Vorstellung der Verausgabung und Verschwendung als Zeichen revolutionär gewendeter Verhältnisse entgegenhielt.

Daß damit in der politischen Arena kaum zu punkten war, entging selbst Bataille nicht. Er reagierte Ende 1936 mit der Gründung einer Geheimgesellschaft, die den Namen "Acéphale" trug und sich nicht länger mit politischen Justierungen abgab, sondern direkt auf religiös geprägte und rituell inszenierte Formen von Gemeinschaft abzielte: antichristlich, nietzscheanisch, mit viel Dionysos. Das ließ auch eine Revue gleichen Namens erkennen, die die öffentliche Seite der Bewegung verkörperte. Dort erschien im Sommer 1937 ein knapper programmatischer Text zur Gründung eines "Collège de Sociologie". Das "Collège" sollte in den Augen Batailles so etwas wie der theoretische Kopf der Bewegung sein, deren Kopflosigkeit sich gegen das Führerprinzip richtete. Protagonisten dieses außeruniversitären Vortrags- und Diskussionszirkels waren neben Bataille selbst auch Michel Leiris und der junge Roger Caillois.

Im Kreis des "Collège" war man sich einig in der Grunddiagnose, daß in der zeitgenössischen Gesellschaft die sozialen Bindungskräfte auf fatale Weise erodiert wurden. Allein, schicksallos und entwaffnet stünden die Menschen deshalb vor der Möglichkeit des Todes, lautete eine Erklärung des Collège zum Münchener Abkommen, "als Menschen, die keinen tieferen Grund sehen für irgendeinen Kampf, die bei vollem Bewußtsein und resigniert ins Schlachthaus ziehen". Was dagegen von den Mitgliedern des "Collège" in Stellung gebracht wurde, hat Caillois einmal im Rückblick als Versuch charakterisiert, "der Gesellschaft ein gebieterisches und vereinnahmendes Heiliges wiederzugeben". Denn im "Heiligen" ortete man die Energien und gesellschaftlichen Triebkräfte, welche die politische Rechte für ihre Zwecke ausbeutete und die politische Linke nicht sehen wollte. Eine "sociologie sacrée" sollte dieses Heilige untersuchen, sowohl in seinen offenen wie vor allem in seinen verkappten sozialen und politischen Formen. Wissenschaftliche Interpretation war die eine Seite, doch gleichzeitig sollte dieses Sakrale "in einer Art schwindelerregender Übertragung, einer epidemischen Aufwallung" (Caillois) unmittelbar als verändernde, vitale Kraft zur Geltung gebracht werden. Die "sociologie sacrée" ging deshalb in einer Soziologie des Heiligen nicht auf, sie wollte die Energie des Heiligen selbst entfesseln - worauf sich Alexandre Kojèves spitzes Wort von den "Zauberlehrlingen" des Collège bezog.

In den Texten des Collège überkreuzten sich viele französische Traditionen und Strömungen: soziologische, ethnographische und philosophische. Man kann das nun in einer breitangelegten Studie nachlesen, die die "Zauberlehrlinge" in den Kontext der französischen Soziologie und der eng mit ihr verknüpften Ethnographie stellt (Stephan Moebius: "Die Zauberlehrlinge". Soziologiegeschichte des Collège de Sociologie 1937 bis 1939. UVK, Konstanz 2006. 552 S., geb., 49,- [Euro]). Der Autor gibt ein detailreiches Bild dieser Traditionslinien, zeichnet den politischen Hintergrund und die Institutionalisierung des Collège nach, räumt den drei so unterschiedlichen Hauptprotagonisten ausführliche Abschnitte ein, widmet sich mit Walter Benjamin, Hans Mayer und Paul Ludwig Landsberg den deutsch-französischen Beziehungen am Collège und kommt auch auf die Frage der Nachwirkungen dieses Projekts.

Man findet vieles in diesem Buch: Kaum eine Filiation, die nicht behandelt, deren Protagonisten und wichtigste Texte nicht skizziert werden. Doch die Mühe, aus seinen aufgehäuften Materialien eine halbwegs ökonomisch verfahrende, bündige Darstellung zu komponieren, hat sich Moebius nicht gemacht. Man muß selber sehen, wie man durchkommt und sich ein klares Bild verschafft. Dürfen Habilitationsschriften so aussehen? Ja, sie dürfen. Aber angesichts der ausgeprägten Formbewußtheit, welche die Protagonisten des Collège fast durchwegs demonstrierten, hätte man eine Überbietung der akademischen Standards doch als sehr angemessen erachtet.

HELMUT MAYER

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2006, Nr. 134 / Seite 45
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen